Anonymous: So funktioniert die geheimnisvolle Hacker-Gruppe

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Sie tragen weiße Masken, können innerhalb von Sekunden das CIA-Datennetz lahmlegen und sehen sich selbst als Verfechter des freien Informationsflusses. Die geheimnisvolle Hackergruppe Anonymous wird derzeit gefeiert, weil sie der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) den Kampf angesagt hat.

Doch wie ernst kann man diese Drohungen nehmen? Und wer steckt eigentlich hinter der Bewegung, deren Youtube-Botschaft an den IS ("Wir werden euch jagen!") in den sozialen Netzwerken millionenfach geteilt wurde?

Fakt ist: Anonymous ist ohne Frage eine der mächtigsten Netz-Bewegungen der Welt. Während andere noch über Sinn und Unsinn von Krieg diskutieren, erklärt Anonymous ihn einfach.

Vor einigen Jahren griffen sie Mastercard, Paypal und Visa an - als Vergeltung dafür, dass die Unternehmen keine Spenden an die Enthüllungs-Plattform Wikileaks überwiesen hatten.

Keine Frage, Anonymous fasziniert die Menschen. Und das hat drei Gründe:

  • Die Menschen haben Angst. Angst vor Terror. Vielleicht auch Angst vor der Unfähigkeit der Politik, das Krebsgeschwür IS zu besiegen. Anonymous wirkt da gerade wie ein virtueller Heilsbringer, dem CIA, BND und sonstwer nicht das Wasser reichen können.
  • Vermutlich liegt es auch an der unkonventionellen Struktur. Angeblich haben sie weder eine Hierarchie noch eine Leitung. Sie behaupten, keine Gruppe zu sein, sondern „alles und nichts“. "Die wenigen Regeln, die sie haben, erinnern an den Film 'Fight Club'", schreibt Parmy Olson in ihrem Buch über die Hacker-Gruppe ("Inside Anonymous. Aus dem Innenleben des globalen Cyber-Aufstands"). Ganz nach dem Motto: Sprich nicht über Anonymous und enthülle nie deine wahre Identität.
  • Die Ästhetik lockt junge Menschen an: Die grinsende Guy-Fawkes-Maske ist in vielen Online-Shops erhältlich, immer wieder sieht man sie auf Demonstrationen auf der ganzen Welt. Das Logo des Hacker-Kollektivs kennen übrigens die wenigsten: Es zeigt das Logo eines kopflosen Anzugträgers in einem dem UN-Wappen nachempfundenen Lorbeerkranz. Eine Verhöhnung der Politik, die viele netzpolitisch interessierte Menschen anlocken dürfte.

Anonymous befindet sich offiziell bereits seit 2014 im Krieg mit dem IS, die jüngsten Ankündigungen sind streng genommen also nicht neu. Schon damals kursierte ein Youtube-Video im Netz - der Wirbel hielt sich damals jedoch in Grenzen.

Und auch nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" reagierte Anonymous, indem sie die Social-Media-Konten von Dschihadisten attackierten. Nach Informationen des Magazins "Foreign Policy" haben die Hacker mittlerweile etwa 100.000 Twitterkonten, 150 Websites und 5.900 Propaganda-Videos lahmgelegt.

Doch nicht nur soziale Netzwerke stehen im Fokus der Hacker:

  • Eine der vielen Gruppierungen, die aus Anonymous entstanden sind und mittlerweile weitgehend eigenständig agieren, führen mittlerweile noch kompliziertere Cyber-Attacken auf den IS durch. So startet die Gruppe GhostSecGroup nach Informationen von "Zeit Online" über sogenannte DDOS-Attacken gezielte Angriffe auf IS-Webseiten. Dafür bombardieren sie die Server der Seiten mit so vielen gleichzeitigen Anfragen, dass sie überlastet zusammenbrechen.

Doch die Frage bleibt: Kann Anonymous dem IS gefährlich werden? "Wenn wir die Kommunikation unterbrechen, hat der IS weniger Kräfte im Kampfeinsatz", ist das Credo der GhostSecGroup. Diese These dürfte schwer belegbar sein.

Realistischer ist da eine Einschätzung des Journalisten Evan Schuman. Seine These: Wenn Propaganda-Accounts und Rekrutierungswebsites der IS-Terroristen schnell vom Netz genommen werden, löse das ein Gefühl der ständigen Unsicherheit bei den IS-Anhängern aus, sagte Schuman dem Security-Portal CSO.

Die virtuellen Strukturen des IS müssen bekämpft werden

Den Krieg im Netz könnten die Hacker kurzfristig gewinnen. In der Tat könnte es vor allem im Hinblick auf die perfide Propaganda-Strategie der Dschihadisten immer wichtiger werden, dass ihre virtuellen Strukturen permanent gestört werden.

Dennoch bleiben Zweifel, ob Anonymous den real existierenden Terror aufhalten kann. Chat-Protokolle und Twitter-Accounts sind das eine - internationale Geldflüsse und illegaler Waffenhandel das andere. Mit anderen Worten: Der Kampf vor dem Bildschirm kann nur der erste Schritt sein.

Hinzu kommt, dass Anonymous keine professionell geführte Hackergruppe ist, sondern ein loses Kollektiv, das viele Nachahmer anzieht. Die "Welt" berichtet derweil von Verwirrung auf dem IS nahestehenden Webseiten. Dort machten Listen mit neuen Angriffszielen die Runde, berichtet das Blatt, die mit Hilfe einer Anonymisierungs-Software attackiert werden sollen.

"Überprüft jemand die Ziele, um sicherzustellen, dass wir nicht einfach irgendwelchen zufälligen Scheiß angreifen?", habe einer im Gruppenchat gefragt. Eine Antwort erhielt er nicht.

Das Alleinstellunsgmerkmal von Anonymous, die flache Hierarchie und das gewollte Chaos, könnte den Hackern im Kampf gegen den IS noch zum Verhängnis werden.

Andererseits: Vielleicht braucht es aber auch genau solch eine dezentral organisierte und netzaffine Gruppierung, um dem Islamischen Staat das Wasser abzugraben. Die kommenden Wochen werden zeigen, wie weit der von Anonymous erklärte Krieg geht.

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