POLITIK
17/11/2015 15:34 CET | Aktualisiert 19/11/2015 13:41 CET

Muslimischer Moderator rechnet ab – und verrät die mächtigste Waffe des IS

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Nach dem Anschlag in Paris mit mehr als 130 Toten ist Europa im Kriegsmodus.

Frankreich hat den Notstand ausgerufen. Täglich lässt Präsident Hollande die IS-Hauptstadt Raqqa bebomben. Zur Seite stehen sollen ihm europäische Partner.

In Deutschland spricht Präsident Gauck von Krieg. Uneingeschränkte Solidarität hat Kanzlerin Merkel Frankreich versichert – ob auch militärisch? Das scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Und in sozialen Medien rufen Tausende nach Vergeltung. Krieg mit Krieg bekämpfen, eine höhere Eskalationsstufe gib es in einer freien Gesellschaft nicht mehr.

Das schreckliche Attentat hat den Kontinent verändert. Und genau das ist auch die größte Waffen der Terroristen.

Das zumindest sagt der australische TV-Moderator Waleed Aly in seiner Show. Aly ist Muslim – und seine Abrechnung ist ein gewaltige Warnung an alle, die jetzt durchdrehen (im Video oben).

„Die Terroristen beanspruchen jeden Terrorakt auf westlichem Boden für sich, ohne, dass es dafür Beweise gibt. So wirken sie mächtiger und größer, als sie eigentlich sind“, sagt Aly. So geschehen etwa bei der Geiselnahme in Sydney und der Attacke in Washington.

Und weiter: „Der IS hat diese Leute nicht kontrolliert. Sie waren Terroristen auf eigene Faust. Aber der IS will nicht, dass ihr das erfahrt. Woher ich das weiß? Weil es IS selbst sagt.“

aly

In dem Auszug aus einem IS-Propaganda-Magazin steht: „Es ist wichtig, dass die Anschläge dem Islamischen Staat zugeschrieben werden. (...) Das geht am leichtesten über Anonymität. Sonst werden solche Anschläge von den Medien der Kreuzritter als wahllose Tötung dargestellt.“

Dadurch wollen die Terroristen ihre Schwäche im Nahen Osten kaschieren. Denn dort haben sie ein echtes Problem: Sie verlieren Territorium – seit dem Höhepunkt im Sommer vergangenen Jahres etwa 25 Prozent, sagt Islam-Experte Will McCants dem Portal „Vox.com“. Als Beispiel nennt er das Baiji-Distrik im Irak, fast alle Stützpunkte nahe der kurdischen Stadt Kirkuk und Teile in Syrien wie in Nordaleppo.

Auf dem Boden verliert IS an Macht – und gerade das ist der Grund, warum sie immer gefährlicher werden für die westliche Welt. Denn ein Pseudo-Gottes-Staat, der Territorium verliert, passt nicht die PR-Strategie der Islamisten, mit der sie junge Menschen lockt. Also müssen sie durch Anschläge möglichst viel Aufmerksamkeit erregen.

„Wenn man Gebietsverluste erleidet, wie will man darauf reagieren? Auf asymmetrische Kriegsführung umschwenken macht dann plötzlich sehr viel Sinn. Damit überträgt man einen Teil der Kosten auf die Länder, die daran beteiligt sind, gegen die Terroristen zu kämpfen“, sagt Gartenstein-Ross dem Portal „Vox.com“.

Die gefährlichste Waffe, die IS hat, sind aber nicht die Anschläge. Sie ist Islamophobie. IS-Terroristen wollen, dass der Westen seinen Hass auf Muslime konzentriert. "Sie wollen die Welt spalten", sagt Moderator Aly - und zeigt ein Ausschnitt aus einem IS-Manifest:

aly

"Es gibt keine Grauzonen im Kreuzzug gegen den Islamischen Staat. Die Welt ist in zwei Lager gespalten: in die der Gläubigen und die der Ungläubigen, die sich auf den großen Krieg vorbereiten."

Die ganzen Idioten, die jetzt wieder fordern, den Koran zu verbieten oder die Burka – sie verhindern keinen Terror, sondern bestätigen das Weltbild der Islamisten einer gespaltenen Gesellschaft. Und treiben damit junge Menschen in die Arme der Terroristen.

Das schreibt auch Nicolas Hénin in einem bewegenden Beitrag für den britischen „Guardian“. Der Franzose war monatelang in IS-Gefangenschaft und hat die Terroristen von einer Seite erlebt, die nicht in der IS-Propaganda zu sehen ist.

„Das zentrale an ihrem Weltbild ist, dass Gemeinschaften nicht mit Muslimen zusammenleben könnten. Und jeden Tag beschäftigten sie sich damit, dafür Beweise zu sammeln. Die Bilder aus Deutschland von Menschen, die Flüchtlinge willkommen heißen, waren besonders schwierig für sie. Toleranz, Zusammenhalt – das wollen sie nicht sehen.“

Die wirksamsten Waffen, die wir haben, sind also nicht Soldaten, Panzer, Flugzeuge.

Die wirksamste Waffe ist unsere Einheit.


Terror in Paris: Gedanken eines Muslims zu den Anschlägen in Paris

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite