POLITIK
17/11/2015 14:24 CET | Aktualisiert 17/11/2015 16:10 CET

"Deutschland versagt": Experte warnt vor besorgniserregender Entwicklung, die der Staat ignoriert

dpa

Die Anschläge in Paris haben ganz Europa erschüttert. Sollte sich bewahrheiten, dass die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hinter den Angriffen mit 131 Toten steckt, bedeutet das: Die Dschihadisten haben wahr gemacht, was sie Europa seit Monaten per Videobotschaften im Internet androhen. Und es bedeutet auch, dass der Anschlag in Paris vermutlich erst der Anfang war.

Der Islamismus-Experte Ahmad Mansour warnt: Der IS wird Wege finden, auch in Deutschland Anschläge zu verüben. Früher war er selbst Islamist, heute kämpft er gegen Fremdenfeindlichkeit. Er ist der Ansicht: “Wenn wir darauf warten, dass der Islamismus in Gewalt umschlägt, haben wir verloren.”

“Die Islamisten in Europa sind ein Produkt unserer Gesellschaft. Um eine Radikalisierung in Deutschland zu verhindern, müssen wir uns die Frage stellen, wie diese meist jungen Leute derart entgleisen können”, sagte Mansour der Huffington Post.

“Wir müssen die Jugendlichen gewinnen, bevor Terroristen sie in ihre Finger bekommen”

“Potentiell gefährliche Islamisten muss der Staat genau beobachten, dazu muss die Regierung mehr Stellen bei der Polizei schaffen.” Doch der Kampf gegen den islamistischen Terror ist nach Ansicht des Experten nicht nur eine Aufgabe des Sicherheitsapparates in Deutschland.

“Wir müssen die Jugendlichen gewinnen, bevor Terroristen sie in die Finger bekommen”, sagt Mansour. Dazu brauche es effektive Präventionsarbeit. “Wir müssen die Eltern aufklären und unterstützen, die ja auch nicht wollen, dass sich ihre Kinder radikalisieren.”

Diese Aufgabe müsse der Stadt, aber auch jeder einzelne Deutsche sehr ernst nehmen. “Wir sollten die Debatte über Integration von Jugendlichen unabhängig von den Anschlägen in Paris führen”, erklärt Mansour. Deutschland brauche nachhaltige Konzepte, um zu verhindern, dass junge Menschen in Deutschland in die Gewalt abdriften.

“Das wird Deutschland mehr kosten als die Bankenrettung”

“Es gibt unglaublich viel zu tun”, sagt der Experte - und kündigt an: Gute Präventionsarbeit, die in die Tiefe geht, wird sehr teuer werden. “Das wird Deutschland mehr kosten als die Bankenrettung, davon bin ich überzeugt.”

Was laut dem Islamismusexperten aber das Allerwichtigste ist: “eine offen geführte innerislamische Debatte”. Die Muslime in Deutschland müssten zu einem Islamverständnis kommen, das offen sei für Freiheit, für Demokratie, das die Gleichberechtigung der Geschlechter akzeptiert. “Das betrifft viele Muslime in Deutschland - und da versagen wir seit Jahren.”

Nach den Anschlägen von Paris fürchten viele, dass der deutsche Staat nicht in der Lage sein wird, eine solche Attacke in Berlin, Hamburg oder München zu verhindern. Diese Angst ist alles andere als unbegründet, bestätigt der Experte.

Das Ausmaß der Gefahr für Deutschland hat sich nach Mansours Einschätzung mit den Anschlägen in Paris allerdings nicht verändert. “Die Bedrohung war vorher hoch und das ist sie auch jetzt. Ich will keine Panik machen. Aber ich befürchte, dass die Terroristen, wenn sie eine Möglichkeit finden, auch in Deutschland angreifen werden.”

Deutschland muss sich an Kampf gegen den IS in Syrien beteiligen

Dass der Anschlag am Freitag Paris getroffen hat, liegt nach Ansicht des Islamismusexperten vor allem daran, dass es dort für den IS am einfachsten war anzugreifen. “Einige der Attentäter stammen von dort, sind in Frankreich groß geworden und haben sich dort radikalisiert.” Dem IS sei es darum gegangen, Europa als Ganzes zu attackieren. “Sie wollten das angreifen, wofür Europa steht: unsere freiheitlichen Werte.”

Mansour teilt die weitläufige Ansicht, Frankreich sei auch wegen seines Einsatzes in Syrien Ziel des Anschlags geworden. Er glaubt aber: “Deutschland ist bereits im Fokus der IS-Terroristen - auch ohne dass sich die Regierung mit Militär in Syrien engagiert.”

Den einzigen Weg, die massive weltweite Gefahr durch den IS zu bannen, sieht Mansour darin, den Ursprung zu bekämpfen. “Wir müssen die Zustände in Syrien so schnell wie möglich beenden”, sagt er. Das gelte nicht nur für den IS, sondern genauso für Diktator Assad.

Ohne Waffen könne der Westen den IS nicht besiegen, sagt Mansour. Deutschland dürfe sich nicht aus der Verantwortung ziehen. ”Meiner Meinung nach muss Deutschland sich an diesem Kampf beteiligen. Wollen wir etwa warten, bis es sechs Millionen Tote gibt, bevor wir handeln?”

“Dürfen den Rechtsradikalen nicht in die Hände spielen”

Der Experte ruft alle Deutschen dringend dazu auf, in dieser angespannten Situation die Ruhe zu bewahren. “Wir dürfen auf keinen Fall in Panik verfallen. Wir müssen unser Leben weiterleben wie bisher. Sonst lassen wir zu, dass die Terroristen genau das erreichen, was sie wollen: unseren Alltag, unsere Gesellschaft auseinanderzureißen.”

Nach den Anschlägen in Paris hatten Politiker und Islamverbände in ganz Deutschland davor gewarnt, nun den Bogen zur Flüchtlingskrise zu schlagen. Auch Mansour hält das für eine völlig falsche Reaktion. “Alle Flüchtlinge, die jetzt aus islamischen Ländern nach Deutschland kommen, unter Generalverdacht zu stellen, ist nicht nur falsch, sondern auch hochgefährlich.”

Jeder, der die Debatte über Flüchtlinge mit der über Terrorismusprävention vermische, spiele den Rechtsradikalen in die Hände.

Ahmad Mansour kam als Palästinenser in Israel zur Welt. Er war selbst Islamist, heute kämpft er als Psychologe in unterschiedlichen Projekten gegen Islamismus und Vorurteile. Im Oktober erschien sein Buch Generation WAllah: Wieso wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen”. 2014 wurde er mit dem “Moses-Mendelssohn-Preis zur Förderung der Toleranz gegenüber Andersdenkenden und zwischen den Völkern und Religionen“ ausgezeichnet.

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