Terror in Paris: Der Feind ist das System

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg Es ist schwer, Worte zu finden für das, was gestern in Paris geschehen ist. Ich weiß nicht, ob man in Anbetracht der Opfer und ihrer Familien das Geschehene erst einmal unkommentiert lassen sollte. Andererseits muss man aber doch verhindern, dass die rechts gesinnten, ohnehin schon in Alarmbereitschaft befindlichen Menschen unseres Landes diese schrecklichen Vorkommnisse ungehindert für ihre Propaganda, für ihr scheinheiliges Konzept vom Schutz des deutschen Bürgers vor drohender Islamisierung, nutzen. Was bedeutet es für ein von Problemen und Unstimmigkeiten gebeuteltes, ohnehin schon am Rande einer großen Krise stehendes Europa, wenn nun dieses Europa in seiner wichtigsten und vielleicht einzigen gemeinsamen Stärke, dem Glauben an Freiheit und Demokratie, angegriffen wird? Es bedeutet eine Glaubenskrise, in der wir zwei Möglichkeiten haben:

Dem Terror nachgeben?

Entweder wir geben dem Terror nach, resignieren gar, indem wir Grenzen dicht machen, keine arabischen Flüchtlinge mehr zulassen, sie in einen Topf werfen mit den Radikalen. Oder aber wir halten an unseren Werten fest, zeigen weiterhin Toleranz gegenüber Menschen aller Religion und Herkunft und bieten dem islamistischen Terror keine Substanz, Ängste zu schüren, den Islam als Feindbild der westlichen Welt darzustellen. Diese blinde, menschenverachtende Gewalt des IS kann ich als empathisch und demokratisch erzogener Mensch nicht nachvollziehen. Was muss einer Person widerfahren sein, in welchem Umfeld muss sie aufgewachsen sein, welche absurden Ideologien müssen ihr eingebrannt worden sein, damit sie fähig ist, sich selbst und unzählige, unschuldige Menschen voller Überzeugung und ohne jede Gefühlsregung im Namen irgend eines Gottes in die Luft zu sprengen? Doch hier darf man eines nicht vergessen: Diese Frage stellen sich genau so auch die Menschen islamischen Glaubens, denen jegliche Art von Terror und radikaler Gewalt gegen anders Denkende genau so unbegreiflich ist wie den meisten, christlichen Europäern. Und das gilt für den allergrößten Teil der Muslime (99,9%).

129 Menschen sind in Paris gestorben

Die Angriffe in Paris haben nach den letzten Zahlen 129 Menschen das Leben gekostet. Doch ebenfalls zu Opfern dieser Vorfälle werden aller Voraussicht nach die Menschen, die vor genau diesem Terror, dieser sinnlosen und wahllosen Gewalt aus ihren zerbombten Heimatländern geflüchtet sind oder noch flüchten. Denn sie sind diejenigen, die aufstrebenden Bewegungen wie Pegida oder AfD den Zündstoff liefern und nun ist der endgültige „Schuldbeweis" da! Wenn wir bloß die Grenzen dicht machen, dann kommen endlich keine Attentäter mehr rein.... Oder?

Anschlag auf Charlie Hebdo von Franzosen verübt

Seltsam, der Anschlag auf Charlie Hebdo wurde von gebürtigen Franzosen verübt, der islamistische Terror hat es also schon einmal ganz ohne Flüchtlingsstrom geschafft, die Welt und vor allem Frankreich in Angst und Schrecken zu versetzen. Wer hier (nach Europa) rein möchte, kommt auch rein (oder ist vielleicht schon da). Dafür braucht es keine Flüchtlingswelle! Und wenn die Lösung einer solchen Krise sein soll, das Land abzuschotten und die Grenzen dicht zu machen, dann verletzen wir unsere demokratischen und freiheitlichen Grundprinzipien, auf die es auch der IS abgesehen hat!!

Mitgefühl ist scheinheilige Trauer

Es ist kaum überraschend, dass aus den Reihen von AfD, Pegida und auch CSU so viel Mitgefühl bezüglich Paris ausgedrückt wird. Wäre dieses aufrichtig, ohne Hintergedanken und würde es die Flüchtlingsdebatte völlig außer Acht lassen, könnte man es einfach unkommentiert lassen. Doch dieses Mitgefühl enttarnt sich schnell als scheinheilige Trauer. Wenn man im Hintergrund lächelt, weil die eigene, verschrobene Vorstellung von Politik durch ein so furchtbares Ereignis einen Aufschwung erhält, ist das scheinheilig. Wenn man die Taten einiger weniger Radikaler als Vorwand benutzt, um "Die Zeit unkontrollierter Zuwanderung und illegaler Einwanderung" endlich zu beenden (Zitat Markus Söder, CSU), ist das mehr als scheinheilig, es ist feige, die eigenen politischen Aufstiegs-Strategien mit Taten islamistischer Terroristen rechtfertigen zu wollen!

Der Feind ist das System

Die Demokratie als solche kennt nur einen Feind: eine Diktatur jeglicher Art; sei es eine politische, religiöse oder beides. Der Feind ist keine Religion an sich, keine Nation, keine Hautfarbe. Der Feind ist ein System, welches von Gewalt und Radikalisierung beherrscht wird. Und ein solches System stellt momentan der IS dar. Doch sind wir besser, wenn wir, notfalls mit Waffengewalt, unsere Grenzen verteidigen und Menschen die Zuflucht vor genau diesem radikalen Terror verweigern? Sind wir besser, wenn wir in jedem Bürger mit Migrationshintergrund einen radikalen Islamisten vermuten? Nein, dann stellen wir uns auf eine Stufe mit verallgemeinernden und radikalen Ansichten wie denen des IS! Wo ist denn die Rechtfertigung dafür, Asylunterkünfte in Brand zu setzen? Was hebt denn Personen, die so etwas tun, von denen ab, die sich aufgrund radikaler Auslegung des Islam in die Luft sprengen? Für mich ist Terror Terror. Und Gewalt Gewalt. Und beides gehört nicht in eine Demokratie. Wäre es nicht das beste Zeichen, in dieser Krise noch näher zusammen zu rücken, jetzt mehr denn je den Menschen Hilfe zu gewähren, die Radikalität ablehnen und sich dieser nicht beugen wollen? Zu zeigen, dass wir keine Angst haben, sondern an unseren loyalen, demokratischen, menschlichen Werten festhalten, anstatt uns abzuschotten und den Islam als solchen zum Feind zu erklären?

IS will, dass wir keine Muslime aufnehmen

Denn genau das ist es, was der IS will: dass wir ihre Religion als ultimatives Feindbild betrachten und aufhören, die Muslime, die sich ihrer Ideologie nicht unterwerfen wollen, aufzunehmen. Sie wollen das Spiel schwarz gegen weiß. Nicht eine westliche Welt, die sich mit den friedlichen Muslimen vereint und so ihre radikale Splittergruppe zerschlägt. Vielleicht werde ich als blauäugiger Gutmensch abgestempelt dafür, dass ich an ein Europa glaube, welches Menschen aller Religionen und Kulturen vereinen kann. Doch lieber bin ich „Gutmensch", als irgendwann wortlos in Kauf nehmen zu müssen, dass Landesgrenzen mit Schießbefehl verteidigt werden und vor unseren Mauern die Menschen sich selbst überlassen werden, die dem Terror entkommen wollten.

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