POLITIK
16/11/2015 04:09 CET | Aktualisiert 16/11/2015 13:57 CET

Auch Deutschland war Ziel des IS - denn er hat einen beängstigenden Plan

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Ein Detail der Anschläge von Paris schreckte die Deutschen besonders auf. In der Nähe eines der Terroristen, der sich vor dem Stade de France in die Luft sprengte, fanden die Ermittler einen syrischen Pass. Bisher ist noch unklar, ob er zu einem Angreifer gehörte. Die Polizei geht inzwischen auch davon aus, dass das Dokument gefälscht ist. Sollte der Pass allerdings einem der Attentäter gehört haben, könnte das darauf hindeuten, dass er mit dem Flüchtlingsstrom nach Europa kam.

Bei zwei Attentätern nehmen die Ermittler an, dass sie als Flüchtlinge getarnt in die EU eingereist sein. Einer von ihnen, ein 25-Jähriger namens Ahmed A., soll am 7. Oktober in Serbien eingetroffen sein. Am 3. Oktober war er laut griechischen Behörden als Flüchtling auf der Insel Leros registriert worden. Nach Medieninformationen aus Polizeikreisen könnte auch sein mutmaßlicher Komplize über die Türkei nach Griechenland eingereist sein. Beide sollen zusammen von Leros aus die Fähre nach Piräus genommen haben.

IS-Terroristen unter den Flüchtlingen. Eine der schlimmsten Ängste der Deutschen wird wahr. Seit Wochen sagten sowohl das BKA als auch das Innenministerium, dass sich Hinweise auf Attentäter unter den Flüchtlingen bisher nie bestätigt hätten. Und jetzt wollte sich einer in einem Stadion voller deutscher Fußballfans in die Luft sprengen.

Die CSU fackelt nicht lange mit ihren Schlussfolgerungen. "Die Zeit unkontrollierter Zuwanderung und illegaler Einwanderung kann so nicht weitergehen. Paris ändert alles", sagt der CSU-Mann Markus Söder. Der Kopf der selbst ernannten Pegida-"Patrioten", Lutz Bachmann, postet in die Facebook-Welt, dass er und seine Mitstreiter "genau vor solchen Szenarien" wie Paris immer gewarnt hätten. Und meint, "dass die Politik der offenen Grenzen und des Welcome-Jubels definitiv eine Mitschuld an den Toten und Verletzten trägt".

Der Text geht nach dem Video weiter

Das wissen wir derzeit über die Attentäter von Paris

Eine Sache wird bei der Berichterstattung über den Angriff oft übersehen. Nicht nur Frankreich, auch Deutschland ist ein potentielles Ziel von Anschlägen. Und wir Deutschen müssen sorgfältig darüber nachdenken, wie wir nun reagieren.

Deutschland ist nur minimal an den militärischen Einsätzen gegen den IS beteiligt. Doch es bedroht die Existenz des IS mit friedlichen Mitteln - seiner Flüchtlingspolitik. Man darf das nicht unterschätzen. Der Islamische Staat sieht sich selbst als Zufluchtsort für Muslime aus der ganzen Welt, als ein islamisches Paradies auf Erden - aber die Muslime sehen das ganz anders.

Sie fliehen nach Europa, nicht nach Rakka. Das Kalifat ist nur eine Taxifahrt entfernt - trotzdem machen sich Hunderttausende Syrer und Iraker lieber auf die gefährliche und lange Reise nach Deutschland und Schweden.

Das ist nicht nur ein PR-Problem für den IS. Die Terrormiliz ist auf die Zuwanderung ausländischer Kämpfer und Spenden aus arabischen Staaten angewiesen. Araber, die nach Deutschland strömen und dabei Bilder von Angela Merkel oder Deutschlandfahnen hochhalten, sind ein konkretes, existenzielles und militärisches Problem für den IS.

Der Text geht nach dem Video weiter

Frankreich gegen Deutschland: Plötzlich sind im Stadion Explosionen zu hören

Allein in September hat der IS ein Dutzend Videonachrichten ins Netz gestellt. Die warnen Syrer und Iraker davor, nach Europa zu fliehen - und jene, die es getan haben, verurteilen sie scharf.

Nicht nur die Flüchtlinge bereiten dem IS Kopfschmerzen. Auf jeden Araber, der in Deutschland in einem Erstaufnahmelager schläft, kommen Hunderte, die im Nahen Osten nachts von einer Flucht nach Europa träumen, auf Whatsapp oder Facebook mit ihren Familie und Freunden darüber diskutieren oder die Berichte der Deutschen Welle hören - und die Propaganda-Videos des IS ignorieren.

Ein riesiges Problem für den IS. Der arabische Demokratie-Aktivist Iyad el-Baghdadi, der zurzeit mit seiner Familie in Norwegen lebt, fasste dies in einem Twitter-Posting so zusammen. "Wisst ihr, was die Extremisten an Europa am meisten verärgert? Der sehr humanen, moralischen Antwort Europas auf die Flüchtlingskrise zuzusehen."

Die Terroristen hatten es daher auch auf Deutsche abgesehen. In seinem Bekennerschreiben sagte der Islamische Staat, dass das Stadium Stade de France "sorgfältig ausgewählt wurde", da es ein Ort sei, "wo zwei Kreuzfahrer-Nationen spielten, Frankreich und Deutschland".

Drei der sieben Attentäter griffen das Stadium voller deutscher und französischer Fußballfans an. Dass wir heute nicht Dutzende deutsche Opfer zu beklagen haben, liegt nur daran, dass die Täter trotz sorgfältiger Planung übersehen hatten, dass es bei Fußballspielen immer Sicherheitskontrollen gibt. Islamisten scheinen sich nicht für Fußball zu interessieren.

Der syrische Pass des Terroristen wirft viele Fragen auf. Bisher deutet einiges zumindest darauf hin, dass er tatsächlich von einem der Attentäter getragen wurde, der sich vor dem Stadium mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft jagte. Das ist seltsam. Warum trägt jemand, der jede Staatlichkeit ablehnt und bereit ist für den Islamischen Staat zu sterben, ein Ausweisdokument des syrischen Staates bei sich - des Staates, den er noch mehr hasst, als alle "Kreuzfahrernationen" zusammen?

Nicht nur das. Flüchtlinge versuchen in der Regel alles, damit sie nicht registriert werden, bevor sie ihr Zielland erreichen. Man könnte meinen, dass insbesondere Terroristen viel Wert auf Anonymität legen.

Dieser hier war anders - er ließ sich gleich drei Mal registrieren. Es sieht so aus, als hätte er viel Wert darauf gelegt, dass sich genau zurückverfolgen lässt, wie er nach Europa gelangte. Terror ist Propaganda durch Gewalt.

Die Männer, die die Attentäter schickten, hatten sehr klar definierte Ziele. Es sei "sehr ungewöhnlich, dass sich ein Flüchtling bewusst in drei Ländern registrieren lässt", sagte die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen am Sonntagabend in der ARD-Talkshow "Günther Jauch" mit Blick auf das fragliche Dokument. "Es kann durchaus sein, dass da eine falsche Fährte gelegt wurde - bewusst."

In Frankreich wird ebenfalls über eine Fälschung spekuliert. Ein Journalist der französischen Tageszeitung "Le Monde" berichtete ohne Angaben von Quellen, Justizministerin Christiane Taubira habe hinter verschlossenen Türen gesagt, der Pass sei falsch.

Wir müssen uns eine Frage stellen: Was war das Kriegsziel der Terroristen? In den 70er Jahren brachte die RAF in Deutschland Führer aus Politik und Wirtschaft um. In den Augen der Terroristen war die Bundesrepublik Deutschland nur eine verkappte Neuauflage des Dritten Reichs - und die Anschläge sollten den Staat dazu bringen "sein wahres Gesicht" zu zeigen. Staatliche Repression sollte die Bevölkerung auf die Seite der Kommunisten ziehen und einen Aufstand auflösen.

Der IS verfolgt mit den Anschlägen ein ähnliches Ziel. Die Männer, die die Terroristen schickten, wussten vermutlich genau, welche Schlagzeile auf den Titelseiten deutscher Zeitungen sie sehen wollten: "Syrischer Flüchtling tötet deutsche Fußballfans."

Sie wollen Europa nun zu einer harten Gegenreaktion zwingen. Der Kontinent soll nun sein "wahres Gesicht" zeigen, um so die Muslime in die Arme des IS zu treiben. Sie wollen, dass Muslime auf der ganzen Welt jeden Tag in den Nachrichten sehen, wie ihre Landsmänner in Europa Repressionen ausgesetzt sind. Sie wollen, dass wir Muslime unter Generalverdacht stellen. Sie wollen unser Zusammenleben stören. Sie wollen, dass wir Zäune bauen. Sie wollen, dass die rechten Parteien mehr Zulauf erhalten.

Eine Frage ist noch unklar: Reiste der Terrorist tatsächlich als Flüchtling ein oder führte er nur den gestohlenen oder gefälschten Pass eines Flüchtlings bei sich? Wahrscheinlich werden die Ermittlungen ergeben, dass er tatsächlich in einem Gummiboot in Griechenland landete - weil der IS es so wollte.

Wir dürfen nicht naiv sein. Er wäre fahrlässig, sich nicht für eine bessere Kontrolle des Flüchtlingsstroms einzusetzen. Wir müssen wissen, wer in unser Land einreist - auch weil davon auszugehen ist, dass der IS weitere Anschläge dieser Art ausführen wird.

Doch nichts schadet dem IS mehr, als eine humane und besonnene Haltung Europas in der Flüchtlingskrise. Aber wenn wir jetzt in Panik geraten, davon abfallen, haben die Terroristen ihr Ziel erreicht.

Video zeigt, wie Polizisten im Kugelhagel in Deckung hechten

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite