Helene Fischer: die deutsche Marianne?

Aus der Redaktion Psychologie aktuell. Als Jelena Petrowna Fischer am 4. August des Jahres 1984 im ostsibirischen Krasnojarsk geboren wurde, hätte wohl niemand geahnt, dass sie 31 Jahre später als Helene Fischer dutzende Stadien in Deutschland mit einer halben Million Zuschauern füllen würde - und das auch noch mit Schlagermusik! Man kann ihre Musik finden wie man will, aber dass Helene Fischer ein bemerkenswertes Phänomen ist, steht außer Frage. Doch was ist ihr Geheimnis? 2015-11-11-1447273340-8522091-Helene1.jpg Kann Deutschland schöner sein? Fischer steht für eine verdienstvolle Bevölkerungsgruppe! Helene Fischers Großeltern waren Russlanddeutsche, die in den Wirren des 2. Weltkriegs von Stalin nach Sibirien deportiert worden waren. Ihre Eltern schafften es 1988 mit den Kindern nach Deutschland auszusiedeln, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion folgten weitere fast 3 Millionen "Wolgadeutsche". Viele dieser "Spätaussiedler" brachten alte deutsche Eigenarten mit, die in der fremden Heimat gleichsam konserviert worden waren. Sekundärtugenden galten und gelten vielen von ihnen bis heute weniger als Schimpfwort denn als Maßgabe für ein anständiges Miteinander. Disziplin, Erfolgswille und Eigenverantwortung! Mit großer Disziplin arbeitete so auch Helene Fischer auf ihre Bühnenkarriere hin. Nach dem Realschulabschluss absolvierte sie ganz ordentlich eine dreijährige Ausbildung, die sie 2003 mit der Bühnenreifeprüfung als staatlich anerkannte Musicaldarstellerin abschloss. Nach einigen kleineren Engagements wurde ihr Talent entdeckt und eine stetig erfolgreichere Karriere nahm ihren Lauf, an deren vorläufigem Höhepunkt eine ungekannte Popularisierung des deutschen Schlagers steht, wie es das seit den späten 1960ern nicht mehr gab! Es gibt viele Helenes dort draußen! Selbstverständlich ist es immer problematisch Menschen als Gruppen zu beschreiben. Doch die unglaublichen Leistungen vieler Wolgadeutscher für dieses Land wurde in den vergangenen dreißig Jahren allzu oft nicht wahrgenommen. Aus ihrer alten Heimat, wo sie als "die Deutschen" oft verunglimpft wurden, brachten viele von Ihnen zudem eine Disziplin, einen Willen zu harter Arbeit und eine Strebsamkeit mit, die hierzulande als Tugenden vergangener Zeiten galten. Berührt Fischer mehr als nur das Ohr? Helene Fischer strahlt in all ihrem Tun diese innere Haltung aus. Sie war kein strauchelndes Sternchen, dass bei einem Vorsingen aus der Gosse von einem Poptitan mal eben auf die Showbühne gehoben wurde, sondern hat sich ihren Erfolg mit Talent, Zielstrebigkeit, gutem Handwerk und eiserner Disziplin hart erarbeitet. Damit berührt sie jenes Ideal des redlichen Erfolges, der in der deutschen Seele ein Zuhause hat. So umgibt sie in wilden weltpolitischen Zeiten eine Aura der alten Gewissheiten in einem modernen Gewand. Es wäre ein Wunder, wenn dies nicht zu ihrem Erfolg beitragen würde. Wo Helene Fischer singt, ist die Welt implizit noch in Ordnung. Eine Einkehr in die heile Welt! So ist jeder Song und jeder Auftritt der Helene Fischer eine Art unbewusster Selbstvergewisserung, ein emotionales Eintauchen in die deutsche Romantiksehnsucht nach einer heilen Welt, in der alles seine Ordnung hat. In eine Welt vor Euro, Bankenzusammenbrüchen, Staatspleiten und Flüchtlingsdramen. Wo man früh aufsteht, seine Pflicht anständig erfüllt und dafür auch geachtet wird. Das Ganze auch noch in bonbonfarbener Verpackung - ein tanzendes Anxiolytikum in Perfektion. Eigentlich müsste es sie auf Rezept geben! Die Herzen fliegen Helene Fischer deshalb keineswegs zufällig zu, sie ist die singende Antwort auf die unbewussten Ängste einer verunsicherten Nation. So wie die Franzosen ihr Wesen in der Figur der Marianne gespiegelt sehen, so ist Helene vielleicht die deutsche Marianne unserer Tage - eine Projektionsfläche unserer Hoffnungen und Sehnsüchte als verunsichertes Volk in rauer See. Ist doch eigentlich schön, oder? Eigentlich müsste der Angstpatient Deutschland sie auf Rezept bekommen. Und wir alle sollten wieder ein wenig mehr Helene sein - allerdings nicht unbedingt musikalisch. Interesse an Psychologie? Besuchen Sie unseren Redaktions-Blog!

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