POLITIK
15/11/2015 07:16 CET | Aktualisiert 15/11/2015 12:32 CET

"Hart aber fair" zu Paris-Attentat: Plötzlich ist das Thema Krieg ganz nah

ARD

Es war der Tag eins nach den Terroranschlägen von Paris. In der gesamten Republik gedachten die Deutschen der Opfer. Und auch im Fernsehen änderten die Sender ihr Programm.

So sendete auch die ARD am Samstagabend eine Sondersendung von „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg. Zu Gast waren namhafte Gäste aus Politik und Kultur – und immer wieder ging es um ein Thema, das noch vor drei Tagen mindestens 2000 Kilometer von Deutschland entfernt schien: Krieg.

Julia Klöckner, stellvertretende CDU-Vorsitzende:

Die rheinland-pfälzische Politikerin zeigte sich tief betroffen über die Ereignisse in Paris. „Gemeint sind wir alle“, sagte sie in Bezug auf die Botschaft der Terroristen. Bisweilen klang aus ihren Worten auch ein wenig Ratlosigkeit – was aber völlig verständlich war an diesem Samstag. „Ich sehe, dass die Welt aus den Fugen gerät und dass wir uns in einer Zeitenwende befinden.“

Klöckner forderte die Intensivierung von Grenzkontrollen, Namensabgleichen und der Beobachtung von so genannten „Gefährdern“.

Ein wenig überraschend kam Klöckners klares Bekenntnis dazu, in dieser Situation „keine Ressentiments“ schüren zu wollen. Zur Erinnerung: Hier sprach die gleiche Vizechefin der CDU, die noch vor einigen Wochen mit reichlich viel populistischem Tamtam ein „Burka-Verbot“ eingefordert hat – obwohl dies wohl nur einige Hundert Frauen in Deutschland beträfe.

Was wohltuend war: Klöckner vermied es, sich auf einfache Lösungen festzulegen. Von einem „Krieg“, in dem sich Frankreich oder vielleicht sogar die Nato befände, mag sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht sprechen. Auch der Versuchung, der Sorge vor weiteren Anschlägen mit einer Law-and-Order-Politik zu begegnen, widerstand sie. „Ich sage, dass eine freie Gesellschaft gewisse Risiken hat. Ich will keinen Polizeistaat haben.“

Lamya Kaddor, Autorin und Religionspädagogin:

Kaddor hatte einen anderen Standpunkt als Klöckner mit Blick auf eine mögliche militärische Reaktion.

„Wir hätten schon 2011 diese Frage anders entscheiden sollen und hätten gegen den IS Bodentruppen schicken sollen. Denn damals war der IS noch längst nicht so stark wie heute. Es ist auch ein Versagen der internationalen Politik“, so Kaddor. „Wenn wir etwas machen können, dann sollten wir eine Bodenoffensive starten, auch wenn ich sonst nie für einen Krieg bin. Aber ich glaube, dass dieses Übel dort bekämpft werden muss.“

Direkt nach den Anschlägen habe sie am meisten beschäftigt, wann sie als Muslima wieder dazu gedrängt würde, sich vom islamistischen Terrorismus zu distanzieren. „Mir war klar: Ab morgen wird mein Telefon klingeln: 'Wollen sie sich nicht davon distanzieren'.“ Kaddor findet diese Forderung mit Recht absurd.

Ihre Begründung: „Islamisten fragen bei der Suche ihrer Anschlagsziele nicht vorher, ob da Muslime oder Christen sind. Sie wollen töten, um damit ein Zeichen zu setzen. Und deswegen müssten wir uns alle angesprochen fühlen.“

Holger Schmidt, Sicherheitsexperte:

Schmidt warnte jeden einzelnen davor, sich den Terror in Form von Angst zu eigen zu machen. „Dann fangen wir an, unser eigenes Denken den Islamisten zu unterwerfen Den passen ganz viele Dinge nicht an der Art und Weise, wie wir leben.“

Auf die Frage nach einem militärischen Eingreifen antwortete Schmidt differenziert. „Möglicherweise beginnt der Krieg ein paar Meter vorher. Was wir in der Pariser Innenstadt gesehen haben, waren ja nicht mehr nur Polizeikräfte, das waren Soldaten unter Waffen“, so der ARD-Journalist.

„Die Frage, ob man den sogenannten IS militärisch bekämpfen kann, ist höchst umstritten. Ich meine: Richtig militärisch kämpfen werden sie gegen diesen sogenannten IS nur mit Bodentruppen können. Dazu ist meines Erachtens nach bisher noch keiner bereit.“

Michel Friedman, Fernseh-Journalist:

Ihm kam die dankbare Aufgabe zu, in einer von vorsichtigen Äußerungen geprägten Runde etwas Emotion und einen Schuss Pathos ins Spiel zu bringen.

Der in Paris geborene Ex-CDU-Politiker warnte davor, die Anschläge in Paris als französisches Phänomen zu sehen. „Was in Paris passiert ist, hätte auch in Berlin stattfinden können“, so Friedman. „Wir sind mitten in einer Auseinandersetzung darum, wie wir leben wollen.“

Die westlichen Länder dürften jetzt nicht vor dem Eindruck des Terrors ihre eigenen Werte aufs Spiel setzen, denn: „Wenn wir nachgeben, dann heißt das, dass man mit einem Minimum an Gewalt das Maximum erreicht hat. Nämlich, dass wir unsere Freiheit nicht mehr leben.“

Bei dieser Gelegenheit erinnerte Friedman auch daran, dass Deutschland viel zu lange die Konflikte in der Peripherie der Europäischen Union ignoriert habe. „Frankreich hat in Libyen interveniert, wir haben alles verdrängt und sind nun gezwungen, durch die Flüchtlinge uns wieder damit zu beschäftigen.“

Mit Blick auf die rechten Stimmungsmacher sagte Friedman: „Neonazis, ob sie aus der bürgerlichen Mitte kommen oder Springerstiefel tragen, hassen auch Menschen.“ Man müsse sich in der Diskussion immer wieder vor Augen halten: „Die meisten Menschen, die in den vergangenen Monaten geflohen sind, sind vor dem IS-Terror geflohen.“

Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland:

Der Kirchenmann hätte in dieser Runde Akzente setzen können. Doch dazu blieb er viel zu häufig im Ungefähren.

Einzig zur Frage eines möglichen Nato-Bündnisfalls hatte er eine klar verständliche Meinung: „Wir müssen aufpassen, dass wir die Möglichkeiten von militärischer Gewalt nicht zu überschätzen“, so Bedford-Strohm. „Es gibt viele Faktoren, die dazu geführt haben, dass wir in dieser Situation sind, die extrem unübersichtlich sind. Und wo mir überhaupt nicht klar ist, wie man das mit militärischer Gewalt beenden kann.“

Sein Rat: Die Syrien-Konferenz in der österreichischen Hauptstadt abwarten. „Lasst uns hoffen auf Wien!“

Was wir bisher über die Attentäter von Paris wissen

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