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11/11/2015 14:56 CET | Aktualisiert 19/11/2015 11:59 CET

"Wir waren komplett asozial": Dieser Türke hat andere verprügelt - unglaublich, was er heute macht

Klöckner /HuffPost / Location: Spitfire Gym

Messerstechereien, Massenschlägereien, Überfälle - all das hat Yiğit Muk im Berliner Stadtteil Neukölln erlebt. Er konnte Knochen brechen, wenn er wollte. Breites Kreuz, Muskeln am ganzen Körper, so zog er als Jugendlicher nachts durch die Straßen und verhaute Passanten, die ihn schief anschauten.

“Wir waren komplett asozial”, erzählt er in einem Restaurant im Berliner Stadtteil Wilmersdorf. Heute ist Muk 27 und hat eine sagenhafte Wandlung durchgemacht. Seine Vergangenheit als Schläger hat er hinter sich gelassen. Er machte 2012 Deutschlands bestes Abitur mit 0,9 und studiert jetzt Wirtschaftswissenschaften.

Seine Geschichte hat er in seinem Buch “Muksmäuschenschlau” aufgeschrieben. Sie ist eine Kampfansage an die Pirinccis und Sarrazins dieser Nation, die soziale Aufstiege von Migranten für unmöglich halten.

"Der Gerichtssaal wurde für uns zu einer zweiten Heimat"

"Es war die tiefe Unterschicht, aus der ich es herausgeschafft habe. Wir konnten leben, ohne Deutsch zu sprechen. Wir hatten türkische Anwälte, Supermärkte, Ärzte“, sagt Muk. In seinem Buch beschreibt er, wie “der Gerichtssaal zu einer zweiten Heimat wurde”.

Er erzählt, wie ein Freund nach einer Schlägerei einem Unbeteiligten in die Rippen und in den Oberschenkel stach. Oder, wie er einer verfeindeten Gruppe bis zu einer McDonald’s-Filiale hinterher jagte: “Als sie die Eingangstür öffneten, trat ich dem einen ins Kreuz, worauf er fast bis zur Theke flog.”

Wer Muk gegenübersitzt und diese Geschichte hört, kann sich kaum vorstellen, dass der Schläger und der Musterschüler tatsächlich dieselben Personen sind. Er ist gelassen, lächelt oft, redet schnell und geschliffen. Der Stadtteil Wilmersdorf, in dem jetzt auch wohnt, ist anders als Neukölln, wo er aufgewachsen ist. Kopfsteinpflaster, viele Baumalleen und schicke Cafés gibt es hier.

“Neulich wurde ich in einem Fast-Food-Laden von einem Kassierer blöd angemacht. Das war irgendso ein Typ, der sagte, ich gucke ihn schief an. Obwohl ich nur die Burgerpreise verglichen habe. Früher wäre ich hinter die Theke gesprungen und hätte ihn ins Koma geschlagen, bis er auf der Intensivstation gelandet wäre. Stattdessen bin ich aus dem Laden raus und habe gesagt: Nein, danke.“

Bis zu diesem „Nein, danke“ war es ein langer Weg. Muk machte einen Wandel durch, den ihm niemand zugetraut hat. Nicht einmal er selbst.

“An Karriere war nie zu denken. Meine Vorbilder waren Drogendealer und Schutzgelderpresser. Die hatten es ja zu finanziellem Erfolg geschafft. Fuhren dicke Autos und hatten schöne Häuser. An Abitur war nicht zu denken. An eine Karriere als Arzt oder Anwalt auch nicht. Ich dachte, die werden da rein geboren. Ich hatte meine Erfolgserlebnise auf der Straße, nicht auf der Schule. Dort war ich der schlechtere Schüler, auf der Straße jemand, der Respekt genoss.”

Doch Muk merkte, dass er so nicht weitermachen konnte. Am Totenbett eines Freundes, der an Leukämie starb, sah er die trauernden Eltern - und dachte auch an seine. Außerdem begann er, religiös zu werden. Der Imam, der für den verstorbenen Freund betete, sagte ihm, wie wichtig ein friedfertiges Leben sei. Mit Religion hatte Muk vorher nichts am Hut. Doch er begriff, dass er etwas ändern musste.

„Ich sagte mir: Ich haue nicht mehr jedem zweiten ins Gesicht, der mich nur anguckt. Daraus wurde: Ich haue nicht mehr jedem ins Gesicht, der mich beleidigt. Daraus wurde dann: Ich gehe nicht mehr zu einer Schlägerei, wenn mich einer anruft.”

Muk blieb von der Straße fern - und konzentrierte sich fortan auf den Unterricht. Er wurde auf Anhieb Klassenbester, musste dann aber wegen einer schweren Krankheit zu Hause bleiben. Er schaffte es irgendwie mit einer 4,9 zum Hauptschulabschluss. Einen Zehntel Notenpunkt schlechter, und er wäre von der Schule geflogen. Zwei Mal wurde er vorher schon nicht versetzt.

Muk wechselte auf eine Berufsschule und schaffte es von dort auf ein privates Gymnasium. Das Schulgeld verdiente er sich Nachts als Türsteher und Model. Als er sich in der Schule mit Muskelshirt und knalligen Boxershorts vorstellte, schauten ihn die Lehrer schief an. Doch die sahen schnell, dass Muk das Zeug hatte, der erste Absolvent ihrer Schule mit einem Einser-Abitur zu werden.

“Da wurde mein Ehrgeiz geweckt. Die Lehrer haben mir klargemacht, dass ich mich nicht über Gewalt, sondern Wissen profilieren kann. Ich habe angefangen, über Spiegelneuronen und die Relativitätstheorie zu diskutieren. Ich habe mir Wirtschaftsjournale gekauft. Ich begann zu verstehe: 'Hey, ich kann ja doch was aus mir machen.' Dann wollte ich erstmal Arzt werden. Arzt oder Anwalt ist bei uns Türken eigentlich das höchste, was du werden kannst.

Doch dann wurde mir von einem Lehrern klargemacht: Der beste Job hat nicht das höchste Prestige - sondern ist der, der einen am meisten erfüllt. Das waren für mich die Wirtschaftswissenschaften. Nun ist mein Traum, ein soziales Unternehmen zu starten, das gewalttägigen Jugendlichen hilft, auf die richtige Bahn zu kommen. Denn es tut mir Leid, was ich getan habe. Es brennt auch in mir. Aber ich kann es nicht rückgängig machen. Ich kann nur etwas dafür tun, dass es nicht nochmal passiert.”

Als Muk 2012 sein Abitur schaffte, wurde er zu einer Art Star. Zeitungen berichteten über den Türken, der das Traumabschluss schaffte. Von der Geschichte erfährt auch ein Kumpel von Muk, der im Gefängnis wegen Totschlags sitzt und ihm schreibt, er wolle Abi machen, wenn er wieder rauskommt. Wenn er so jemanden erreicht, könne er auch andere erreichen, sagte Muk sich. Also schrieb er das Buch, um anderen Mut zu machen.

Auch den Hunderttausenden Flüchtlingen, die gerade nach Deutschland kommen.

„Es ist durchaus möglich, den American Dream auf Deutschland zu beziehen. Du kannst hier werden, was du willst - du musst dich dafür nur anstrengen. Deutschland hat die nötigen Strukturen, um sagen zu können: Jeder ist seines Glückes Schmied. Das muss man den Flüchtlingen einpflanzen.”

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