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10/11/2015 09:43 CET | Aktualisiert 10/11/2015 14:28 CET

Einkaufen ohne schlechtes Gewissen: Von diesen beiden Frauen sollten sich alle Supermärkte etwas abschauen

Katharina Massmann und Jendrik Schröder
Milena und Sara haben Original Unverpackt in Berlin gegründet

Kühlschränke mit Tofu und Bio-Limonade, Wände voller Reis, Nudeln, Müsli, Obst und Gewürzen. Hinter einem schlichten, weißen Verkaufstresen sitzt Milena Glimbovski auf einem Hocker und beobachtet ihre Kunden. Die 100 Quadratmeter in Berlin-Kreuzberg sind ihr Reich - das Ergebnis ist eine Idee, für die sie alles riskiert hat. Eine Idee, die Deutschlands Supermärkte revolutionieren soll.

Vor etwas mehr als einem Jahr setzte die gelernte Grafikerin zusammen mit einer Freundin, Sara Wolf, ein mutiges Projekt in die Tat um. Direkt am Görlitzer Park eröffneten die beiden jungen Frauen Berlins ersten verpackungsfreien Supermarkt. Als die beiden Geld für ihren Supermarkt im Internet sammelten, dachten viele User, dass das Projekt scheitern würde.

Ein BWL-Studium hatten beide nicht, Erfahrungen im Einzelhandel auch nicht. Nur das Ziel, Menschen dazu zu bringen, weniger Müll zu produzieren und kein Essen wegzuwerfen. Denn nur durch Supermarkteinkäufe produziert jeder Deutsche im Schnitt rund 250 Kilogramm Kunststoff- und Papierabfall pro Jahr.

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Die Original-Unverpackt-Gründerinnen bieten täglich frisches Ost und Gemüse aus der Region an; Credit: Elizabeth Rush

Ihr Konzept war so simpel wie anspruchsvoll: Ein Laden ganz ohne Schutzhüllen, ohne Folien, ohne unnötigen Kunststoff. Das nötige wirtschaftliche Know-How und die Bestimmungen der Lebensmittelbranche brachten sie sich selbst bei.

Heraus kam Original Unverpackt - eine Kampfansage an Deutschlands Plastikwahn. Laut dem Bund für Umwelt und Naturschutz verbraucht mit 11,5 Millionen Tonnen in Europa kein anderes Land soviel Plastik wie Deutschland – Tendenz steigend.

Plastikmüll verschmutzt die Meere und verstopft unseren Planeten

Zwischen 1994 und 2011 hat sich die Kunststoffmenge in Deutschland von 2,8 auf ca. 5,5 Millionen Tonnen pro Jahr beinahe verdoppelt, hauptsächlich durch den Zuwachs an Müll beim Endverbraucher. Die Plastikberge verschmutzen den Planeten, belasten als Mikropartikel die Meere und lassen die Tiere, die in ihnen leben, einen grausamen Tod sterben.

Nach Angaben des Umweltprogramms der vereinten Nationen (UNEP) treiben inzwischen auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche bis zu 18.000 Plastikteile. Was wir sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Mehr als 70 Prozent der Abfälle sinken auf den Meeresboden und bleiben unserem Auge verborgen.

Milena und Sara wissen, dass sie dieses Riesenproblem nicht selbst lösen können - doch sie wollen einen Anstoß zum Nachdenken geben und zeigen, dass es auch mit viel weniger Plastik im Alltag geht. In ihrem Supermarkt bringen die Kunden ihre Behälter selbst mit, wiegen sie und füllen die Ware hinein. An der Kasse wird dann nur das Produkt gewogen. Wer keine Gefäße dabei hat, kann im Laden Mehrweggläser oder Stoffbeutel kaufen und sie beim nächsten Mal wieder mitbringen und wieder verwenden.

Milena erklärt jedem neuen Kunden geduldig, wie das Prinzip funktioniert. Zielstrebig führt sie die Kunden durch die Regale, fast steigt sie dabei auf den dunklen Wollschal, der lose um ihren Hals baumelt.

“Seit dem Start konnten wir unser Sortiment von 320 Produkten auf 520 erhöhen.”

Als der Supermarkt 2014 eröffnete, hatten die beiden jungen Frauen keine Ahnung, ob die Berliner ihre Idee annehmen würden, erzählt Milena. Doch schon jetzt lässt sich sagen: Ihr Plan ist aufgegangen. “Wir haben rund 120 Kunden täglich”, sagt sie und auf ihrem Gesicht breitet sich ein zufriedenes Lächeln aus. “Seit dem Start konnten wir unser Sortiment von 320 Produkten auf 520 erhöhen.”

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Credit: Katharina Massmann, Jendrik Schröder

Milena deutet auf eine Tabelle im hinteren Teil des Ladens. Die rechnet vor, wie viel Plastik- und Papiermüll sie mit dem Laden bereits im ersten Jahr gespart haben. Bei 538 verkaufen Kilo Tomaten sind das beispielsweise 25 Kilogramm Plastik. 1510 Liter verkaufte Milch bringen eine Müllersparnis von 49 Kilo.

Die Gründerinnen achten bei der Auswahl der Lebensmittel nicht nur darauf, dass sie unverpackt erhältlich sind. Wichtig ist ihnen auch, dass die Produkte regional und fair produziert sind. “Unser lokalstes Produkt ist der Tofu von den Tofu Tussies”, sagt Milena. “Die produzieren gleich hier um die Ecke.”

Die allermeisten ihrer Zulieferer kennen die beiden persönlich. Wie die Jungs vom Start-Up Einhorn. Ihre nachhaltigen Kondome liegen bei Milena und Sara an der Kasse aus, da wo in anderen Läden die Kaugummis und die Zigaretten stehen - Sex haben mit gutem Gewissen.

“Es ist ein Mythos zu glauben, dass offene Ware mehr kostet."

Der Wunsch nach einem guten Gewissen ist der Hauptgrund, warum ihr Laden so gut läuft, glaubt Milena. “Da findet auf jeden Fall ein Umdenken statt. Immer mehr Menschen wollen nachhaltig konsumieren.”

Im Fall von Original Unverpackt ist das gute Gewissen nicht einmal teurer. “Es ist ein Mythos zu glauben, dass offene Ware mehr kostet. Wir sind billiger als die herkömmlichen Biosupermärkte”, erklärt sie. “Dadurch, dass die Verpackung wegfällt, zahlt der Kunde nur noch das Produkt.”

Ein Glas Kokosraspeln à 50 Gramm kostet beispielsweise 35 Cent. Wenn der Kunde ein Glas dazu kauft, kommt noch ein Euro drauf. Das kann er aber beim nächsten Mal wieder verwenden.

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Auch Wein und Schnaps können sich die Kunden im verpackungsfreien Supermarkt selbst abfüllen; Credit: Elizabeth Rush

Weil Sara ins Ausland geht, wird Milena das Projekt künftig alleine weiterführen. Und sie hat große Pläne. “Wir wollen mehr und mehr Produkte selbst herstellen und dann auch an andere Läden liefern”, sagt sie. Gerade hat die Produktion der hauseigenen Original-Unverpackt-Soja-Milch begonnen. “Wir möchten Lebensmittel mit einer Zero-Waste-Lieferkette anbieten können”, erklärt Milena. Also eine Lieferkette bei der kein Abfall anfällt.

Original Unverpackt soll auch es bald auch in ganz Deutschland geben

Gleichzeitig setzt die 25-Jährige alles daran, die Idee des verpackungsfreien Einkaufens deutschlandweit zu verbreiten. Sie bietet Workshops für Interessenten an, die in anderen Städten ähnliche Projekte starten wollen. Supermärkte nach ihrem Vorbild gibt es nun unter anderem in Kiel, Mainz und Dresden. In Kürze eröffnen auch in München (“Ohne”) und Hannover (“Lola”) verpackungsfreie Läden.

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Auf 100 Quadratmetern findet der Kunde alles von Linsen bis zu Zahnpastatabletten; Credit: Katharina Massmann, Jendrik Schröder

Wenn sich in dem Berliner Laden alles eingespielt hat, will sie Original Unverpackt auch selbst in andere deutsche Städte bringen. “Zunächst muss das Konzept hier aber perfekt sein”, sagt die Jungunternehmerin. “Wir haben in dem Jahr unglaublich viel dazugelernt, Ideen verworfen und neue gesammelt. Das will ich erst einmal fortführen.”

Gerade arbeitet Milena daran, das Sortiment für Babys und Kleinkinder zu erweitern, weil viele ihrer Kundinnen junge Mütter sind. Der neue Verkaufsschlager ist ein Nachttopf aus Bambus. Wenn man ihn nicht mehr braucht, pflanzt man ihn im Garten ein und es wächst eine Sonnenblume daraus.

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