POLITIK
10/11/2015 14:18 CET | Aktualisiert 10/11/2015 15:23 CET

Mit Schröder & Co.: So manipuliert Putin die deutsche Politik

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Einst war Gerhard Schröder der Kanzler, mit dem fast jeder Deutsche gern mal ein Bier getrunken hätte. Seine Auftritte bei den „kleinen Leuten“ waren legendär: in Werkshallen, an Flussdeichen und auf Baustellen. Die Bürger standen ihm leidenschaftlich gegenüber: sowohl in Sympathie, als auch in Ablehnung.

Er schaffte es, ganze Laubenkolonien binnen Minuten in Kanzler-Fanclubs zu verwandeln, weil er stets den richtigen Ton traf. Und selbst als er im Wahlkampf 2005 schon wie der sichere Verlierer aussah, kamen die Menschen in Scharen auf die Marktplätze dieser Republik, um ihn reden zu hören. Schröder war ein politisches Jahrhunderttalent. Mit einem Instinkt, um den ihn selbst seine politischen Gegner beneideten.

Wie sich die Zeiten doch ändern. Das gilt besonders für Schröders berühmten Instinkt.

Schröders russische Freunde

Denn mittlerweile arbeitet der Altkanzler seit zehn Jahren für ein Tochterunternehmen des staatlichen russischen Energiekonzerns Gazprom. Seine öffentlichen Auftritte sind rar geworden, Schröder hat sich den Deutschen sukzessive entfremdet, er spricht schon lange nicht mehr die Sprache der Bürger.

Und wenn er sich doch äußert, dann verteidigt er meist seine neuen russischen Freunde. So auch am Montag, als er in Wien beim österreichischen Mineralölkonzern OMV eingeladen war.

Schröder ist für Lockerung der Sanktionen gegen Russland

Schröder machte im Gespräch mit OMV-Chef Rainer Seele Werbung dafür, die Sanktionen gegen Russland zu lockern: "Nicht alles oder nichts fordern, sondern Entgegenkommen zeigen, wenn sich Russland bewege. Und das habe es des Öfteren getan. Russland braucht Europa, und Europa braucht Russland."

Ein durchaus bemerkenswertes Statement. Gerade jetzt, wo Russland den Westen in Syrien düpiert hat, die Reste der demokratischen Opposition in die Altsteinzeit zurückbombt und einen der brutalsten Diktatoren der jüngeren Geschichte aus schierem Eigeninteresse stützen will.

Auch in der Ukraine engagiert sich Russland weiterhin in einem hybriden Angriffskrieg. Ein Interesse an einem echten Frieden und einem ernsthaften Ausgleich ist bisher nicht zu erkennen. Immer noch stehen russische Soldaten auf ukrainischem Staatsgebiet, auch wenn die Kämpfe zuletzt weit weniger heftig waren als noch zu Beginn des Jahres.

Dass Russland sich derzeit ernsthaft bewegt, weiß Schröder offenbar weltexklusiv.

Schröders Russlandabenteuer werden zum Ärgernis

Schon vor 2014 wurde die Männerfreundschaft des Altkanzlers mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin belächelt und manchmal auch verurteilt. Doch spätestens seit der (mittlerweile auch vom Kreml in dieser Form bestätigten) russischen Besetzung der Krim macht sich der 71-jährige SPD-Politiker zusehends unmöglich.

Als Russland im Mai 2014 begann, in der Ostukraine zu intervenieren, feierte Schröder in St. Petersburg zusammen mit Putin seinen 70. Geburtstag nach. Ein Propaganda-Coup ersten Ranges für den russischen Präsidenten.

Das wirklich Bizarre an der ganzen Situation ist jedoch, dass der Gazprom-Schröder so gar nichts mehr mit dem Kanzler-Schröder gemein zu haben scheint. Die öffentlichen Äußerungen des gebürtigen Ostwestfalen wirken mittlerweile so, als würde den Deutschen da ein einst so vertrauter Mann aus einer in 36.000 Kilometer Höhe dahin schwebenden Raumkapsel zuwinken.

Vielleicht liegt das auch daran, wie Schröder selbst früher Politik argumentiert hat.

Als Kanzler war Schröder Moralist

Nie zuvor und nie wieder danach hat sich eine Bundesregierung derart hartnäckig auf moralische Prinzipien berufen wie die rot-grüne Koalition von 1998 bis 2005. Gerhard Schröder musste natürlich auch deswegen idealistisch argumentieren, weil er sonst niemals die Zustimmung der Grünen für die Kriegseinsätze im Kosovo (1999) und in Afghanistan (2001) bekommen hätte.

Es war seine Regierung, die 1999 vor einem „neuen Auschwitz“ im ehemaligen Jugoslawien warnte. Und es war Schröder selbst, der 2001 in einer bewegenden Bundestagsrede seine „uneingeschränkte Solidarität“ mit Amerika erklärte, nachdem in New York und Washington D.C. insgesamt 2.800 Menschen bei terroristischen Anschlägen ums Leben gekommen waren.

Unter seiner Kanzlerschaft wollte Deutschland zur „Supermacht der Werte“ werden.

Warum unternimmt Schröder nichts gegen den Syrienkrieg?

Warum ihm die prekäre Menschenrechtslage in Russland nun herzlich egal sind? Weshalb er nach der Ermordung von Boris Nemzov so seltsam stumm geblieben ist? Wieso er sich als Kanzler 2003 gegen den amerikanischen Krieg im Irak gestellt hat, den russischen Krieg in Syrien im Jahr 2015 aber als Geschäftsmann offenbar ganz in Ordnung findet?

All diese Widersprüche vernichten Schröders Nachruhm Stück für Stück. Wofür steht dieser Mann eigentlich? Und wofür werden wir ihn in Erinnerung halten?

Derzeit sieht es eher so aus, als ob wir uns an Gerhard Schröder als den Kanzler erinnern werden, der nach seiner Amtszeit aus sämtliche Prinzipien gepfiffen und sich zum Sprachrohr eines autokratischen Regimes hat machen lassen.

Das wäre sehr schade. Gerhard Schröder könnte als mutiger und verdienstvoller Kanzler in die Geschichte eingehen. Wenn er das nur wollte.

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