POLITIK
10/11/2015 15:19 CET | Aktualisiert 11/11/2015 19:00 CET

Helmut Schmidt ist gestorben: Warum der Altkanzler Millionen Deutsche bewegte

Helmut Schmidt war fast 93 Jahre alt, als er zu Gast bei Günther Jauch war.

Der fast 40 Jahre jüngere Moderator fragte ihn, was man machen müsse, um in diesem Alter noch so viel geistige Schärfe zu besitzen.

Schmidt sagte: "Man muss ständig gearbeitet haben. Und vor allen Dingen braucht man Zigaretten.“

Dann zündete er sich unter dem Applaus der Gäste im Schöneberger Gasometer genüsslich eine Mentholkippe an.

Das Bemerkenswerte an seinem Statement war nicht der Verweis auf seinen mehr als 80 Jahre dauernden Tabakkonsum. Sondern sein Satz über das Arbeiten. Es ist der Kern dessen, worauf sich die Bewunderung für Schmidt stets stützte: Dass er sich nicht beirren ließ. Und dass er seine politische Arbeit nicht als einen Job wie jeden anderen betrachtete, sondern als eine lebenslange Aufgabe.

Helmut Schmidt war der kleinste gemeinsame Nenner in der deutschen Politik.

Gerade weil Schmidt immer präsent war, verbindet beinahe jeder Deutsche unabhängig vom Alter eine Erinnerung oder ein Gefühl mit ihm.

Die Ältesten verbinden mit ihm Erinnerungen an den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg und das Wirtschaftswunder. Schmidt wurde erstmals 1953 in den Bundestag gewählt, er managte die Jahrhundertflut in Hamburg 1962 und galt bereits drei Jahre später als möglicher Kanzlerkandidat.

Für die Babyboomer gehören Schmidts Auftritte als Chef der SPD-Bundestagsfraktion, als Verteidigungs- und Finanzminister sowie als Kanzler zu den Kindheitserinnerungen.

Gegner beschrieben ihn als "arrogant"

Und die Jüngsten erlebten ihn als großen Erklärer. Als denjenigen, der wie kein anderer die Jahrzehnte der Weltgeschichte überblicken konnte und selbst in hohem Alter noch Debattenbeiträge von bisweilen brillanter Geistesschärfe einbrachte.

Obwohl er stets als unnahbar galt und sein Auftreten nicht nur von politischen Gegnern bisweilen als "arrogant“ beschrieben wurde, war er bis an sein Lebensende für Deutsche aus allen sozialen Schichten eine moralische Instanz. Mit seinen Worten konnte beinahe jeder Bürger etwas anfangen. Eine Eigenschaft, die vielen Politikern heute fehlt.

Helmut Schmidt wurde 1918 in einfachen Verhältnissen geboren. Schmidts Vater war gelernter Anwaltsgehilfe, arbeitete sich auf dem zweiten Bildungsweg zum Volksschullehrer hoch. Dass sein leiblicher Großvater Jude war, erfuhr Schmidt als Jugendlicher. Öffentlich bekannt wurde dieser Teil seiner Biografie erst, als der frühere französische Staatschef Valerie Giscard d'Estaing einigen Journalisten im Jahr 1984 davon erzählte.

Unklare Rolle in der Nazi-Zeit

Schmidt diente als Wehrmachts-Offizier im Zweiten Weltkrieg. Seine frühe Haltung zum Nationalsozialismus ist umstritten – er selbst behauptete stets, Gegner der Nazis gewesen zu sein. Vorgesetzte bescheinigten ihm jedoch während des Krieges eine "einwandfreie nationalsozialistische Gesinnung“.

Überliefert ist in jedem Fall, dass er als Beobachter zu den Prozessen gegen die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 abkommandiert wurde. Schmidt sagte später, das Verhalten des Richters Roland Freisler hätte ihn "angeekelt“. Er ließ sich nachweislich von seiner Beobachterschaft entbinden.

Nach dem Krieg machte er in der SPD Karriere. Schon 1948 war er Bundesvorsitzender des Sozialistischen Studentenbundes. In den darauf folgenden 17 Jahren stieg er vom einfachen Hamburger Nachwuchspolitiker bis in die bundespolitische Spitze seiner Partei auf.

Im Jahr 1967 wurde er Chef der SPD-Bundestagsfraktion, zwei Jahre später ernannte ihn Willy Brandt zum Verteidigungsminister, später war er "Superminister“ für Wirtschaft und Finanzen.

Nach dem Rücktritt von Brandt im Zuge der Guillaume-Affäre wurde er im Mai 1974 zum fünften Kanzler der Bundesrepublik gewählt.

Im "Deutschen Herbst" erlebte Schmidt seine schwerste Prüfung

Schmidt hatte das Pech, dass in seine Amtszeit drei der schlimmsten Krisen in der damals noch jungen Bundesrepublik fielen. Er musste mit den Folgen der ersten Ölkrise von 1973 umgehen, gegen den linken Terrorismus kämpfen und auch die Auswirkungen der zweiten Ölkrise von 1979 bewältigen.

Ähnlich wie schon 1962, als er die Bundeswehr zur Rettung der Flutopfer in Hamburg einsetzte, erwies er sich als hervorragender Krisenmanager.

Besonders in Erinnerung blieb er den Deutschen für seine klare Haltung während des "Deutschen Herbstes“ im Jahr 1977. RAF-Terroristen hatten den Arbeitgeber-Präsidenten Hanns-Martin Schleyer entführt und drohten mit dessen Ermordung, falls ihre in Stuttgart-Stammheim einsitzenden Gesinnungsgenossen nicht frei kämen.

Schmidt gab nicht nach – und das, obwohl ein immenser öffentlicher Druck auf ihm lastete. Als dann noch palästinensische Terrorkämpfer aus Solidarität mit der RAF ein Lufthansa-Flugzeug nach Mogadischu entführten und mit der Ermordung aller Fluggäste drohten, schickte er die GSG 9, statt über die Freilassung von Gudrun Ensslin und Andreas Bader zu verhandeln. "Der Staat darf sich nicht erpressen lassen", sagte Schmidt. Ein Satz, der seine Kanzlerschaft geprägt hat.

Politiker mit Visionen wollte Schmidt zum Arzt schicken

Dass sich die Deutschen später vor allem an Schmidts Verdienste während der großen Krisen erinnerten, hatte aber noch einen anderen Grund: In vielen Zukunftsfragen hinterließ der Hamburger Sozialdemokrat seinen Nachfolgern keine allzu gute Bilanz.

Viel zu häufig begriff er sich selbst eher als Manager und Macher denn als Weichensteller und Gestalter. Das wurde schon deutlich, als er 1974 ins Amt kam. Er grenzte sich früh und bewusst von den gesellschaftlichen Reformen der Ära Brandt ab. Besonders die studentisch geprägten Jungsozialisten – damals eine mächtige, 300.000 Mitglieder zählende politische Lobby – waren dem seinerzeit 55-jährigen Spitzenpolitiker ein Dorn im Auge.

Mit Hinweis auf die bisweilen weit in die Zukunft gerichteten Reformvorstellungen der Jusos spottete Schmidt 1974: „Die Sozialdemokratische Partei ist keine futurologische Seminareinrichtung, sondern eine Partei, die alle vier Jahre und zwischendurch noch in Kommunal- und Landtagswahlen wiederum das Vertrauen braucht, das Vertrauen ihrer eigenen Leute plus das Vertrauen der Mitte, die sich auch anders entscheiden könnte, falls wir sie verscheuchten.“

Schmidts Politik war auf die Gegenwart orientiert. An der Lösung kommender Probleme scheiterte er reihenweise. In Erinnerung bleibt sein vielleicht berühmtester Satz: "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen."

Schmidt scheiterte beim Thema Integration

So tat er viel zu wenig, um die damals noch "Gastarbeiter“ genannten Migranten besser in die Gesellschaft zu integrieren. Noch 1973 – Schmidt war zu diesem Zeitpunkt Finanzminister – glaubten er und seine sozialdemokratischen Mitstreiter, dass sich viele der in den 1960er- und frühen 70er-Jahren eingewanderten Industriearbeiter aus Südeuropa mit einer Prämie von 10.000 Mark zu einer Rückkehr in ihre Geburtsländer bewegen ließen.

Stattdessen holten diese längst in Deutschland heimisch gewordenen Menschen ihre Familien nach, um sich eine Existenz aufzubauen. "Die Deutschen haben das Problem der Integration von Ausländern lange Zeit nicht begriffen. Sie haben in absolut unzureichender Weise Integrationshilfen geleistet. Das gilt bis auf den heutigen Tag. Ich mache mir selber Vorwürfe deswegen. Aber auch allen anderen. Wir haben das nicht gut gemacht“, sagte Schmidt später der „Zeit“.

Ein anderes Beispiel sind die Staatsfinanzen: Ausgerechnet der später als "Weltökonom“ verehrte Helmut Schmidt war es, der mit einer heute nur schwer verständlichen Leichtigkeit begann, jenen Schuldenberg aufzubauen, den Politiker aller Parteien heute abzubauen versuchen.

Im Jahr 1970 betrug die Gesamtverschuldung der Bundesrepublik lediglich 64 Milliarden Euro, im Jahr 1985 waren es schon 388 Milliarden Euro. Selbst in den Jahren 1977/78, als die Wirtschaft sich unverhofft positiv entwickelte, nahm die Regierung Schmidt trotz steigender Einnahmen immer neue Schulden auf. Das rächte sich später bitter.

Schmidt häufte gigantischen Schuldenberg an

Der "Spiegel“ schrieb 1982 in einer Bilanz über die 13 Jahre sozialliberaler Bundesregierungen: "Zu spät, und mithin wieder falsch, besannen sich die Sozialdemokraten auf Steuererhöhungen. Daß auch der gelernte Ökonom Schmidt sich die Forderung von Gewerkschaften und Parteigenossen nach einer Ergänzungsabgabe in den letzten Tagen seiner Kanzlerschaft zu eigen machte, war wohl eher der Versuch, in der Dämmerung in die politische Heimat zurückzufinden - und kein Muster für seine ökonomische Qualität.“

Auch dem sich abzeichnenden demografischen Wandel wusste Schmidt nichts entgegenzusetzen. Dabei hatte er noch 1978 auf die Ausarbeitung eines Arbeitspapiers über die Folgen des Geburtenrückgangs in den 1970er-Jahren gedrängt. Als das Innenministerium die – zugegeben recht alarmistischen – Zahlen vorlegte, reagierte Schmidt kühl. "Die Bundesregierung nimmt von dem Bericht des Bundesministers des Inneren über die Bevölkerungsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland Kenntnis“, verlautbarte es aus dem Kanzleramt. Und nichts geschah.

Vielleicht war diese Lässigkeit im Umgang mit diesem so wichtigen Thema die Geburtsstunde der späteren "Die Rente ist sicher“-Rhetorik der Regierung Kohl.

Nicht zuletzt erwies sich Schmidt – besonders in den letzten Jahren seiner Kanzlerschaft – als denkbar schlechter Brückenbauer zwischen den Generationen. Er wurde nie warm mit dem Eifer der jüngeren, meist aus der 1968er-Bewegung stammenden Sozialdemokraten, die mit ihm über die Frage des Nato-Doppelbeschlusses stritten. Sein Bonmot von den "Visionen“, mit denen man "besser zum Arzt“ gehen sollte, beschreibt sein zerrüttetes Verhältnis zur politisierten Jugend recht gut.

1982 wurde er als erster und bisher einziger Kanzler durch ein konstruktives Misstrauensvotum gestürzt. Und obwohl er im Jahr darauf zum Mitherausgeber der "Zeit“ avancierte und er sich regelmäßig in politische Debatten einklinkte, legte sich ein seltsamer Nebel über die acht Jahre seiner Kanzlerschaft.

Schmidt war lange nicht der beliebteste Altkanzler

Als im Jahr 2003 das ZDF in einer seinerzeit viel beachteten Aktion die "100 größtem Deutschen“ wählen ließ, belegte Schmidt lediglich Platz 21 – hinter den Kanzlern Konrad Adenauer (Rang 1), Willy Brandt (5) und Helmut Kohl (13). Nur die Übergangskanzler Ludwig Erhard und Kurt-Georg Kiesinger sowie der damals regierende Gerhard Schröder wurden als weniger bedeutend angesehen.

Und noch im Jahr 2005 kam Schmidt in einer "Forsa“-Umfrage nach den beliebtesten deutschen Kanzlern hinter Adenauer und Brandt lediglich auf Platz drei – mit kaum messbarem Abstand zu Helmut Kohl, der auf Rang vier folgte.

Schmidts bemerkenswerter Aufstieg zur moralischen Instanz der Republik vollzog sich erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt.

In einer Zeit, in der sich die SPD immer weiter von ihrem politischen Leitideen entfernte und die CDU immer sozialdemokratischer zu werden schien, stand Schmidt mit seiner Fähigkeit zur scharfen Analyse, seiner umfassenden Bildung, seiner Zeitzeugenschaft über mehr als 60 Jahre Spitzenpolitik und seiner Prinzipientreue für ein längst verloren geglaubtes Politikideal.

Die Deutschen begannen, den Raucher der Nation zu lieben

Seine frühere Mitherausgeberin bei der "Zeit“, Marion Gräfin Dönhoff, schrieb schon 1990 in ihrem Buch "Gestalten unserer Zeit“ über ihn: "Als ich jetzt Schmidts Schriften aus der Zeit vor der Kanzlerschaft las, war ich verblüfft, wie wenig sich dieser im Laufe der Jahre verändert hat. Zwar ist er ruhiger geworden und gebraucht nicht mehr so rüde Ausdrücke wie früher, auch hat er nicht mehr so häufig jene spontanen Zornesanfälle, die manchmal merkwürdig unbegründet erschienen (…), aber seine Grundanschauung, seine politischen und moralischen Maßstäbe sind die gleichen geblieben.“

Es war genau jene Kontinuität im Denken und Handeln, die ihn auch für die nach seiner Kanzlerschaft geborenen Deutschen wieder glaubwürdig machte. Vielleicht mag auch die Tatsache eine Rolle spielen, dass er in jener Zeit den Höhepunkt seiner politischen Karriere erreichte, die heute mitunter als "goldene Ära der Bundesrepublik“ verklärt wird.

Und vielleicht lässt sich so auch erklären, warum das immer mehr zur Nichtraucher-Nation werdende Deutschland ausgerechnet einem Politiker (!) das Sonderrecht zusprach, sich immer und an jedem nur erdenklichen Ort eine Zigarette anzünden zu dürfen. Die glimmende Menthol-Kippe (Marke "Reno") war mehr als ein Laster – sie stand für die Unverwüstlichkeit Schmidts.

Papierbötchen als Aschenbecher

Als Schmidt im Dezember 2007 – damals fast 89-jährig – seinen Platz in der ersten Reihe des SPD-Parteitags im Hamburger Congress-Centrum bezog, steckte er sich sogleich eine Zigarette an. Und das, obwohl im ganzen Saal strengstes Rauchverbot herrschte.

Mehrere Jusos machten sich verzweifelt auf die Suche nach einem Aschenbecher. Doch Schmidt war schneller: Er faltete sich unter den ungläubigen Blicken der Fotografen aus dem Einladungsschreiben der damaligen SPD-Schatzmeisterin ein Papierbötchen, in das er die Glut hineinaschte.

Der "Bild“-Zeitung war diese Anekdote nachher eine halbe Seite wert.

Es wirkte bisweilen rührend, mit wie viel Zuneigung die Deutschen Schmidt in seinen letzten Jahren begegneten. Ausgerechnet der stets so kühl auftretende Sozialdemokrat bot vielen Millionen Bundesbürgern eine emotionale Heimat. Man konnte meinen, dass da jemand geliebt wird, der selbst keine Liebe für seine Einlassungen zu den großen und kleinen Fragen der Politik erwartete. Aber wer ihn bei seinen Auftritten beobachtete, der spürte, wie er seine späte Popularität genoss.

Zweifelsohne war Schmidt ein großer Staatsmann. Aber noch besser war er als "Elder Statesman“. Es war die Rolle seines Lebens.

Und darin wird er den Deutschen auch in Erinnerung bleiben. Auch nach seinem Tod am 10. November 2015.

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