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10/11/2015 10:08 CET | Aktualisiert 10/11/2015 16:26 CET

André Glucksmann ist verstorben - Frankreich trauert

Michel BARET via Getty Images
André Glucksmann ist mit 78 Jahren gestorben

Einer der bedeutendsten französischen Philosophen der Gegenwart ist tot: André Glucksmann starb im Alter von 78 Jahren in der Nacht zum Dienstag, wie der französische Radiosender "France Info" unter Berufung auf Familienkreise berichtete.

Frankreichs Staatspräsident François Hollande hat den Philosophen André Glucksmann als Verteidiger der Unterdrückten gewürdigt. Er habe sich immer für das Leiden der Völker eingesetzt, teilte Hollande über Twitter mit. Er habe vor der Fatalität der Kriege nicht resigniert, schrieb der Staatschef in seiner Würdigung weiter.

Frankreichs Kulturministerin Fleur Pellerin erinnerte ebenfalls via Twitter an den Intellektuellen:

Sie schreibt: "André Glucksmann, eine der Stimmen der Neuen Philosophen, ein überzeugter Weltbürger, ist gestorben ... Trauer."

Wie auch Jean-Paul Sartre war Gluckmann aber zunächst ein überzeugter Kommunist. So demonstrierte er im Mai 1968 gegen den autoritären Geist der konservativen Gesellschaft. Mitte der 1970er Jahre vollzog er jedoch eine Kehrtwende und schloss sich den "Neuen Philosophen" an, die eine radikale Abkehr vom Kommunismus forderten. Auslöser seines Gesinnungswandels seien der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn und sein Buch "Archipel Gulag" gewesen, das ihm die Augen geöffnet habe, wie er damals gestand. In seinem 1976 erschienenen Buch "Köchin und Menschenfresser" rechnet er mit stalinistischen und marxistischen Systemen ab.

Von nun an bekämpfte Glucksmann in seinen Streitschriften jegliche Form von Totalitarismus. In "Die Meisterdenker" rechnete er mit den deutschen Philosophen Fichte, Hegel und Nietzsche ab. Ihnen warf er vor, mit ihren romantisch-mythischen Überhöhungen der totalen und endgültigen Revolution zur Gründung eines totalitären Staates beigetragen zu haben.

"Um sich empören zu können, muss man sich gegen sich selbst empören", erklärte Glucksmann. Eine Grundhaltung, mit der der Philosoph, mit den längeren grauen Haaren, regelmäßig für Aufsehen sorgte. Im Jahr 1999 befürwortete er die Intervention der Nato gegen Slobodan Milosevic in Jugoslawien und 2003 unterstützte er den Krieg der USA im Irak. Nach den Attentaten vom 11. September 2001 forderte er einen Krieg gegen die internationalen Mörder.

Glucksmann stand aber auch zu seinen Fehlern. In seiner Autobiografie "Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens" bereut er unter anderem auch seine Verehrung für Mao Tsetung. In "La République, la pantoufle et les petits lapins" (etwa: "Republik, Pantoffel und kleine Hasen") aus dem Jahr 2011 bekennt er, dass auch sein überraschender politischer Richtungswechsel vom überzeugten Linken zum Anhänger des ehemaligen konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy ein Fehltritt gewesen sei. Der Grund: Er habe in den letzten Jahren bei den französischen Linken die internationale Solidarität vermisst.

Glucksmann hat sich in seinem Kampf gegen Despoten und totalitäre Regime auch dem Glauben an Humanität und Brüderlichkeit verschrieben. Wie wir helfen können? "Indem wir beginnen, laut und unmissverständlich Klartext zu reden, indem wir falsche Ausflüchte und Vorwände in entscheidenden Kernfragen aufdecken."

Der Philosoph stammt aus einer jüdischen Familie osteuropäischen Ursprungs, die nach Frankreich emigrierte. Geboren wurde er am 19. Juni 1937 bei Paris, kurz nach der Flucht seiner Eltern aus Deutschland. Sein Vater kam nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht ums Leben. André und seine Mutter wurden in ein Lager bei Vichy gebracht, das sie jedoch wieder verlassen durften.

Er müsse sich empören, das sei ihm angeboren, erklärte er später. Und so prangerte er Europas Politik der Nichteinmischung an, die er den "Kniefall vor den Paten der Despotie" nannte. Mit Deutschland ging er dabei besonders hart ins Gericht, weil es sich aus dem Libyen-Einsatz gegen Muammar al-Gaddafi herausgehalten hatte. Er warf der deutschen Bundesregierung vor, die Macht von Menschenschlächtern zu akzeptieren.

Seine Analysen des politischen Weltgeschehens haben ständig aufs Neue die öffentliche Moral schockiert. In seinem 1983 veröffentlichten Buch "Philosophie der Abschreckung" rechnete er mit der Politik der Verteidiger der Friedensbewegung ab. Er forderte darin, der Bundesrepublik Deutschland Zugang zu Atomwaffen zu gewähren: "Man kann von den Deutschen nicht verlangen, Freiheit und Demokratie zu verteidigen und ihnen gleichzeitig die dafür notwendigen Waffen verweigern." Weitere in Deutschland bekannte und erschienene Werke von Glucksmann sind "Köchin und Menschenfresser. Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager" und "Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt".

Der Intellektuelle bezeichnete sich selbst als "ehrlichen Pessimisten". Was ihn in seinem Denken vorangetrieben hat, war die Realität. "Die Existenzkrisen, die wir durchleben, halten verschiedene Schicksalswege für uns offen. Was mich vorangetrieben hat, war die Suche nach einem Leben ohne Illusionen."

Mit Material von der dpa

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