NACHRICHTEN

Die Mutter dieser Jungen holt den Tod ins Haus. 15 Jahre später löscht er die Familie aus

08/11/2015 11:46 CET | Aktualisiert 05/12/2015 18:29 CET

Andreas (rechts) und sein Bruder Frank an Weihnachten.

An dem Morgen, der alles verändert, klingelt das Telefon: „Hier ist die Polizei-Inspektion Waldenburg. Sie müssen jetzt ganz stark sein“, hört Andreas Jung eine Stimme sagen.

Stark sein. Dabei ist er fast noch ein Kind. Ein Teenager, der mit Freunden einen Ausflug nach Berlin macht. Als Andreas aufgebrochen ist, hat er noch nicht geahnt, dass er nie wieder nach Hause zurückkehren wird.

Noch bevor der Polizist am Telefon sein Beileid bekunden kann, sinkt Jung zu Boden. Da kniet er nun in einer fremden Wohnung und versucht zu verstehen, was passiert ist. Nein, das kann nicht wahr sein, wummert es in seinem Kopf. Nein.

Sein Stiefvater hat die Kontrolle verloren. Niemand hätte es für möglich gehalten und doch kam es nicht unerwartet. Denn dieser Tag hatte sich lange angedeutet. Es gab Anzeichen und Jung hat sie gesehen.

Sein jüngerer Halbbruder Frank siegte als Turner bei Jugend-Meisterschaften

Andreas Jung ist drei Jahre alt, als seine Mutter den Tod ins Haus holt. Sie verliebt sich in Josef S. Ein Glaser aus Italien, der hart arbeitet und für den Dorfverein im Tor die Bälle hält.

Er heiratet Jungs Mutter. Das Paar bekommt noch einen Sohn, Frank, und eine Tochter, Yvonne.

Der Stiefvater bleibt Andreas Jung immer fremd. Seine Zuwendung schenkt er seinen leiblichen Kindern. Besonders stolz ist er auf Frank, der als Turner bei Meisterschaften siegt.

Über die Jahre aber bröckelt die Fassade von Josef S. Das Bild des guten Bürgers, das er in der Öffentlichkeit so sorgsam aufrecht zu erhalten versucht. Er leidet unter Stimmungsschwankungen. Am einen Tag ist er euphorisch. Am nächsten depressiv. Immer schneller bewegt sich das Stimmungspendel zwischen diesen beiden Polen.

Manchmal droht er, sich umzubringen. Dann steigt er auf den Dachboden und versteckt sich in einer Ecke, spielt mit Schatten, damit es für die Kinder aussieht, als würde er sich erhängen.

Manchmal packt er die Kinder und zerrt sie zum Auto. „Du wirst uns nie wiedersehen“, ruft er seiner Frau zu und rast davon. Nur, um Stunden später wieder vor der Tür zu stehen.

Jungs Mutter verzeiht ihrem Mann immer wieder, wenn er reumütig zurückkehrt. Er fällt vor ihr auf die Knie und schwört, sich zu bessern. Er wimmert, er fleht, er drückt zitternd ihre Hände.

Die beiden Brüder mit ihrer Mutter Inge bei einem Ausflug.

Irgendwann aber ist es genug. Jung ist 17 Jahre alt, als seine Mutter die Scheidung verlangt. Bei einer Kur an der Nordsee hat sie sich in einen anderen Mann verliebt. Mit den Kindern will sie zu ihm ziehen.

Doch Josef S. ist kein Mann, von dem sich eine Frau scheiden lässt. Er tobt vor Eifersucht. Droht Frau und Kindern, dass er sie umbringen werde.

„Ich habe das Gefühl, dass ich nicht mehr lange lebe“, sagt Inge S. zu ihrem ältesten Sohn, kurz bevor er mit seinen Freunden nach Berlin aufbricht. Eine unheimliche Vorahnung.

Das ist eines der letzten Fotos, das Andreas gemeinsam mit seiner Mutter Inge zeigt

In der Nacht auf einen Dienstag geht Josef S. mit einem Messer auf seine Familie los. Er ersticht seine Frau, seinen 14-jährigen Sohn Frank, seine dreijährige Tochter Yvonne und die 12-jährige Nichte, die gerade zu Besuch ist.

Die Spuren ihres Todeskampfes sieht Andreas Jung, als er nach der Tat noch einmal in das Haus zurückkehrt. In beiden Stockwerken kleben Blutspritzer an den Wänden, bis fast unter die Decke reichen sie. Viele stammen von Frank, dem Turner, der es am längsten geschafft hatte, dem Vater zu entkommen.

Josef S. sagte den Polizisten später, dass er versucht habe, sich nach der Tat umzubringen. Er zeigt auf eine Wunde am Hals, wo er sich angeblich die Kehle aufschneiden wollte. Sein Motiv: Eifersucht. Wenn er seine Frau und seine Kinder verliert, soll sie auch kein anderer haben. Eine Handlung im Affekt. Das Gericht verurteilte ihn wegen Totschlags zu 16 Jahren Haft.

Die Medien berichteten über die Familientragödie

Heute lebt Jung in Dresden, in einer Altbauwohnung. „Ich könnte nie wieder in einem Neubau wohnen“, sagt er. Die niedrigen Decken machen ihm Angst. Sie erinnern Jung zu sehr an das Haus, das Josef S. für seine Familie gebaut hatte. Das Haus, in dem sie sterben musste.

Wenn sich Andreas Jung heute, 38 Jahre nach der Tat, an seine Mutter erinnert, muss er lächeln. „Sie war sehr warmherzig. Voller Liebe für andere Menschen.“

Andreas Jung hat nie aufgehört, nach einer Erklärung für das Geschehene zu suchen. Er arbeitet als Filmproduzent, doch seine wahre Leidenschaft gilt der Spiritualität, den alternativen Heilmethoden, überhaupt allem, was den Menschen Hoffnung macht. „Ich will wissen, ob das Sterben einen Sinn hat“, sagt Jung. „Weil ich dem Tod ziemlich nahe gekommen bin.“

Jung spricht wie ein Erzähler, jedes Wort, jede Silbe mit Bedacht. Dabei neigt er gern den Kopf und schaut würdevoll unter seinen Wimpern hervor. Trotz seines Schicksals liegt Vertrauen in seinen Augen. Nie würde man glauben, dass dieser Mann Sätze sagt wie: „Nachts träume ich davon, dass ich für alle Fehler bestraft werde“.

Er hätte sich dem Hass ergeben können, doch er hat sich für ein anderes Leben entschieden. „Ich habe meinem Stiefvater verziehen“, sagt Jung. „Er hat auch eine gute Seite, wie jeder Mensch. Sonst hätte sich meine Mutter nicht in ihn verliebt.“

Jung als Teenager mit seiner Oma. Sie hält das Baby Yvonne

Josef S. lebt noch. Nachdem er sechs Jahre seiner Strafe abgesessen hatte, kam er frei. Noch immer wohnt er im gleichen Dorf. Im Sommer schenkt der alte Mann den Kindern aus dem Ort Eis. Vielleicht ist das seine Art der Wiedergutmachung.

Einmal hat Andreas Jung seinen Stiefvater noch gesehen. Das war ein paar Jahre nach der Freilassung. Jung wollte eine Erklärung für all das, was er nicht begreifen konnte.

„Mir ist das Herz fast aus der Brust gesprungen, ich lief zehnmal ums Haus herum“. Und schließlich klingelte er doch an der Tür.

Als Josef S. ihn sah, erstarrte er. Er wich ein paar Schritte zurück, riss die Augen auf und den Mund. „Gleichzeitig winkte er mich mit einer Hand zu sich her“, sagt Jung. Es schien, als hätte er all die Jahre darauf gewartet, dass sein Stiefsohn kommen würde, um sich zu rächen.

Josef S. war rundlicher geworden und grau. „Er wirkte schwach und hilflos. Doch ich konnte den gefährlichen Mann noch in ihm sehen“, sagt Jung.

Sein Stiefvater beteuerte, er könne sich an nichts mehr in jener Nacht erinnern. „Du musst mir glauben“, flehte er. Er habe doch nicht seine eigenen Kinder umbringen wollen. Als Jung ging, hatte er seinen Frieden mit dem Mann gemacht.

Andreas Jung lebt heute in Dresden und produziert mit seiner Firma Filme

Es ist gut, dass die Wut verschwunden ist. „Für mich geht es nicht darum, ob es weiter geht, sondern wie es weiter geht“, sagt Jung. Er braucht seine Kraft, um seinen eigenen Schmerz zu bewältigen.

„Ich weiß, dass es dumm ist. Aber ich habe Schuldgefühle, weil ich noch am Leben bin. Sie sind einfach da“, sagt Jung leise. Es sieht aus, als wolle er weitersprechen. Seine Augen werden groß. Sie füllen sich mit Tränen, aber Jung kämpft sie zurück. Er lächelt in großer Hilflosigkeit.

„Das bist nicht du, sage ich mir dann. Das ist ein Teil von dir. Er hindert dich am Weiterleben.“




Gerade arbeitet Jung an einem seiner wichtigsten Projekte: Er dreht einen Film über einen neuen Umgang mit dem Sterben. Weil er fest daran glaubt, dass es nach dem Tod weitergeht. Hier ist ein Trailer:


Trailer "Im Licht des Erlöschens" von Andreas Jung from Kathleen Biermann on Vimeo.

Schnelle Nachrichten, spannende Meinungen: Kennen Sie schon die App der Huffington Post?

Sie können sie rechts kostenlos herunterladen.

Get it on Google Play



MEHR: