POLITIK
08/11/2015 16:49 CET | Aktualisiert 08/11/2015 17:05 CET

„Diesen einen Moment werde ich nie vergessen" - so emotional stellt Guido Westerwelle sein Buch vor

dpa

Normalerweise laufen Buchvorstellungen im kleinen Kreis ab. Aber an diesem Sonntag in Berlin ist es anders. Die Republik schaut auf den Spiegelsaal im Theater des Berliner Ensembles. Der Grund: Der Hoffmann und Campe-Verlag hat zur Buchpräsentation des ehemaligen Außenministers Guido Westerwelle geladen.

In seinem Buch „Zwischen zwei Leben“ schreibt der FDP-Politiker über seine schwärzesten Stunden. Über seine schwere Leukämie-Erkrankung. Und den Kampf, den er seitdem um sein Leben führt. Seit Tagen bewegt Westerwelle und sein Ringen mit dem Blutkrebs die Deutschen, Zeitungen widmen ihm lange Aufmachergeschichten.

Die Buchpräsentation ist eine der ersten öffentlichen Termine, die Westerwelle seit seiner Erkrankung im Juni 2014 wahrnimmt. Der Bitte, seine Privatsphäre zu respektieren, waren alle deutschen Medien in den vergangenen Monaten geschlossen nachgekommen.

Westerwelle gibt niemandem die Hand

An diesem Nachmittag im Berliner Ensemble berichtet Westerwelle von den eindrücklichsten und schwersten Momenten seiner Krankheit. Wie er in einem Moment dachte, sterben zu müssen. Und wie ihm Freunde dabei geholfen haben, zu überleben.

westerwelle

(Guido Westerwelle bei der Vorstellung seines Buches)

Das Spiegelfoyer des Berliner Ensembles ist voll mit Journalisten, Fotografen und Fernsehteams. Alle wollen ihn sehen, wollen von ihm hören, was in den ersten Besprechungen des Buches schon angeklungen ist: Dass Guido Westerwelle durch die Krankheit ein anderer Mensch geworden ist.

Kurz nachdem sein Ehemann Michael Mronz in der ersten Reihe Platz genommen hat, betritt auch Westerwelle den Saal. Er begrüßt einige Gäste persönlich und hält dabei die rechte Faust an sein Herz. Ein Zeichen der Freude über das Erscheinen seiner Freunde, von denen zahlreiche im Saal sind. Ein Zeichen, das aber auch noch von seiner Krankheit zeugt. Leukämie-Patienten sollten Körperkontakt zu anderen Menschen möglichst reduzieren, aus Angst vor Infektionen mit einer Krankheit. Schon eine Erkältung kann für Leukämie-Erkrankte schwerwiegende Folgen haben.

Begleitet von seinem Co-Autor und ehemaligem Chefredakteur des "Stern" Dominik Wichmann betritt Westerwelle das Podium, seine Schritte sind tastend – man sieht ihm die lange Leidenszeit an. Er wirkt gealtert, setzt sich vorsichtig und entschuldigt sich gleich eingangs: Er habe gerade mit einer Abstoßungsreaktion zu kämpfen. Diese kommen häufig nach einer Knochenmarktransplantation vor. Der Körper stößt dabei die neuen Immunzellen ab. Seine Stimme sei daher vielleicht etwas „schludrig“, erklärt Westerwelle. Im späteren Gespräch ist davon allerdings nichts zu merken.

„Entweder ehrlich, oder gar nicht“

ZDF-Moderatorin Dunja Halali moderiert die Gesprächsrunde und stellt zum Auftakt direkt eine Frage, die wohl viele bewegt: Was hat den ehemaligen, von vielen oft als verbissen wahrgenommenen, Spitzenpolitiker dazu bewegt, so offen und so ehrlich über seine Krankheit zu sprechen? Und dabei nicht nur viel Privates zu offenbaren, sondern auch von seiner Schwäche, seinen Zweifeln, seinem Kontrollverlust zu schreiben?

Wie viele der Antworten, die Westerwelle in Folge geben wird, ist auch diese sehr direkt und einfach: „Entweder ehrlich, oder gar nicht“, sagt er. Er wolle mit seinem Buch vor allem auch anderen Krebspatienten und deren Angehörigen Mut machen. Wie solle das gehen, wenn er nicht alles offenbare?

So erzählt Westerwelle weiter bewegt von seiner Zeit auf der KMT-Station (Knochenmarkstransplatation) in der Kölner Universitätsklinik. Michael Hallek, sein behandelnder Arzt und Leiter der Abteilung, sitzt während der Präsentation vor ihm. Oft wendet sich Westerwelle mit Dank an den Mediziner.

Auf der KMT-Station gebe es eine goldene Regel, die alle Patienten beherzigen würden, erklärt Westerwelle. Sie laute: „Man zieht sich nicht runter“. Und genau so habe er auch versucht, gesund zu werden. Auf die Dinge zu achten, die schön sind, die gut laufen. Denn anders hätte er nicht die Kraft gehabt, sich auf den Kampf gegen den Krebs zu konzentrieren.

Der Tod war ganz nah

In einem Moment dachte er auch, den Kampf verloren zu haben. In dem Moment habe er den Tod ganz nah gespürt.

Westerwelle hatte nach einer Chemotherapie einen allergischen Schock. Der Kreislauf „sackte ihm weg“. Eine halbe Stunde dauerte dieser Zustand. Er dachte: „So fühlt es sich also an, das Sterben.“

„Diesen einen Moment“, sagt Westerwelle auf der Bühne, „das werde ich nie vergessen“. In diesem Moment habe er gelernt, Kontrolle abzugeben, sich fallen zu lassen und sich helfen zu lassen.

Dunja Halali spricht Westerwelle und Co-Autor Wichmann auch auf die Bedeutung von Michael Mronz, Westerwelles Ehemann an. Das Buch ist Mronz, dem „Mann meiner zwei Leben“ gewidmet. Halali fragt, wie es dazu gekommen sei, dass das Buch eine „kleine Liebeserklärung“ an Mronz enthalte. Daraufhin lächelt Westerwelle: „Ich hoffe, es ist nicht nur eine kleine!“ Mronz habe ihn unglaublich unterstützt, er habe dabei wirklich erfahren, was Ehe als Verantwortungsgemeinschaft bedeute.

Was sind die wirklich wichtigen Sachen im Leben?

In der abschließenden offenen Fragerunde soll Westerwelle erläutern, wie ihn die Krankheit verändert habe. Auch hier betont der ehemalige Außenminister in knappen Worten eine große Erkenntnis: „Man bleibt derselbe Mensch und ist doch ein anderer Mensch.“

Die Erkrankung habe ihm einen neuen Blick auf das Leben, auf die wichtigen Dinge im Leben beschert. „Über was ich mich früher so aufregen konnte!“, ruft Westerwelle schmunzelnd. Hier lacht das Publikum zum ersten Mal. Westerwelle nutzt die Gelegenheit auch, um zu Stammzellen-Spenden aufzurufen. Westerwelle selbst hatte kurz vor seiner ersten Behandlung erfahren, dass ein Spender abgesprungen war.

Jetzt denkt Westerwelle häufiger über die „wichtigen Fragen“ im Leben nach. „Was hast Du gemacht mit deinem Leben? Und was wirst Du noch machen?“ Vor allem wolle er gesund werden. Und zwar richtig gesund. Er wolle die Leukämie nicht einfach überleben. Er wolle wieder leben.

Abschließend betont Westerwelle aber noch eine andere wichtige Erkenntnis. Wie sehr ihm der Zuspruch von seinen Freunden, aber auch ganz fremden Menschen geholfen habe. Und er appelliert an uns alle: „Wenden sie sich hin und wenden sie sich zu. Wir sind als Menschen auf Menschen angewiesen.“ Nach diesem Satz gibt es vom Publikum langen Applaus.

Lesenswert:

Auch auf HuffPost:

Das solltest du wissen: U = I - R: Diese Formel bestimmt, ob du glücklich wirst

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite