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"Flüchtlinge gehen ja nicht freiwillig. Auch bei den Juden gab es Möglichkeiten" - Video zeigt Skandal-Diskussion bei AfD-Veranstaltung

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Die AfD kann triumphieren. Laut einer aktuellen Umfrage kommt die rechte Partei bundesweit auf 9 Prozent und holt damit die Linkspartei ein. Wie das Meinungsforschungsinstitut Emnid für die Zeitung "Bild am Sonntag" ermittelte, kann die AfD vor allem im Osten punkten. Dort kommt sie auf 14 Prozent. Bei ostdeutschen Männern liegt der Zuspruch für die Partei, die vor "Asyl-Chaos" warnt, sogar bei 18 Prozent.

Viele Wähler sehen die AfD mittlerweile als Alternative zur CDU. Die macht in der Flüchtlingspolitik so gar nicht mehr konservative Politik. Der Parteienforscher Ulrich von Alemann erklärt den Aufschwung der AfD mit deren Haltung in der Flüchtlingsfrage. "Die AfD ist die einzige Partei in Deutschland, die die Vorurteile von Teilen der Bevölkerung gegenüber Ausländern hemmungslos ausbeutet", sagte von Alemann der "Bild am Sonntag".

Wie gefährlich und wie rechts die AfD mittlerweile ist, vergessen viele Wähler dabei. Marcus Pretzell, Mitglied des europäischen Parlaments und seit dem vergangenen Jahr Chef der Alternative für Deutschland in Nordrhein-Westfalen, forderte kürzlich im Fall eines gewaltsamen Grenzübertritts von Flüchtlingen den Einsatz von Schusswaffen. „Die Verteidigung der deutschen Grenze mit Waffengewalt als Ultima Ratio ist eine Selbstverständlichkeit“, erklärte der Lebensgefährte der AfD-Parteivorsitzenden Frauke Petry.

Aber nicht immer sind die AfD-Politiker so explizit. Viele schüren auch mit weniger radikalen Forderungen Ängste. So auch der stellvertretende Parteivorsitzender der AfD Alexander Gauland an diesem Samstag in Berlin. Er sprach von einer "Völkerwanderung" nach Deutschland, die mit dem Untergang des Römischen Reiches vergleichbar sei, "als die Barbaren den Limes überrannten".

Aber es kommt noch krasser. Die Aussagen der Parteigrößen sind harmlos gegen das, was am 4. November auf einer AfD-Veranstaltung mit dem Titel "Sicherheit in Europa" in Euskirchen in Nordrhein-Westfalen passierte. Wie der "WDR" berichtet, wurde an dem Tag über die Flüchtlingskrise debattiert. Ein Teilnehmer sagte, dass Flüchtlinge, die keinen Schutz benötigten, wieder in ihre Heimatländer zurückgeschickt werden müssten. Und was passiert mit denen, die sich nicht zurückschicken lassen wollen, fragte einer Teilnehmer? Die Antwort eines Mannes in einem grauen Kapuzenpullover ist laut dem "WDR"-Bericht (hier das Video) schockierend:

Man muss sich nur an den zweiten Weltkrieg erinnern, an unsere eigene Geschichte. Was haben wir denn mit den Juden gemacht? Da gab es ja auch Möglichkeiten. Man muss gar nicht übertreiben, aber etwas anderes wird bald gar nicht mehr möglich sein. Die Flüchtlinge gehen ja nicht freiwillig.

wdr
(Videoaufnahme der Veranstaltung in Euskirchen. Quelle: "WDR")

Im Klartext: Die Flüchtlinge müssen wie die Juden verfolgt werden. Wenn es einen letzten Beleg gebraucht hätte, wie rechtsradikal es auf Veranstaltungen der AfD mittlerweile zugeht, dann liefert ihn dieses Zitat. Dass die Partei Menschen mit rechtsradikalen Positionen anzieht, ist dabei kein Wunder. Laut dem Siegener Extremismusforscher Johannes Kiess ist es sogar Kalkül. Er sagte in einem Interview mit dem "WDR"-Magazin "Westpol":

Seit dem Abtritt Bernd Luckes und der Übernahme des Parteivorsitzes durch Frauke Petry ist das rechtspopulistische und ausländerfeindliche Image der Partei "weiter geschärft worden."

Der Kurs scheint Erfolg zu haben. Zur AfD-Demonstration am Samstag in Berlin kamen rund 5000 Menschen - es war die größte Demo der Partei in Berlin bisher. Das Motto: "Asyl braucht Grenzen - Rote Karte für Merkel".

Früheren AfD-Mitgliedern macht die Entwicklung der Partei Sorgen. Der frühere Vize-Vorsitzende der AfD, Hans-Olaf Henkel, sieht einen Rechtsruck seiner ehemaligen Partei. Die AfD sei mittlerweile zu einer "NPD light" geworden, sagte er "Westpol". "Ich mache mir schon Sorgen, denn ich darf daran erinnern, dass ich mit Herzblut für diese neue Partei gekämpft habe. Es macht mir Kummer, dass ich mitgeholfen habe, ein richtiges Monster zu erschaffen."

+++ UPDATE 11.11.2015 +++

Die AfD hat sich inzwischen zu der Berichterstattung des WDR geäußert:

Im Nachgang zu einer Diskussionsrunde der AfD Euskirchen zum Thema „Sicherheit in Europa“ am Abend des 04.11.2015 wurden Aussagen von Teilnehmern in den Medien fälschlich zitiert. Diese Äußerungen sind derart abstrus und menschenverachtend, dass sie hier nicht wiedergegeben werden. Fakt ist, dass diese Aussagen nie getätigt wurden – weder während der Veranstaltung, noch im Nachgang oder am Rande derselben.

Die AfD stellt klar: „Die Berichterstattung des WDR entspricht nicht der Wahrheit. Während der Veranstaltung in Euskirchen am 04.11.2015 wurde nicht über das Flüchtlingsthema diskutiert, da sich der Vortrag „Sicherheit in Europa“ ausschließlich mit außen-, sicherheits- und verteidigungspolitischen Themen befasste. Die menschenverachtenden Äußerungen hat es definitiv nicht während der Diskussion in der AfD-Veranstaltung am 04.11.2015 gegeben.

Die gezeigte Person im grauen Kapuzenpullover ist nicht Mitglied der AfD. Alles spricht dafür, dass dieses Video nach Abschluss der Veranstaltung mit der Absicht produziert wurde, die AfD politisch zu beschädigen. Die AfD wird umgehend rechtliche Schritte gegen diese falsche und verleumderische Berichterstattung einleiten.“

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