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07/11/2015 12:45 CET | Aktualisiert 17/11/2015 10:23 CET

Diese Schule traut sich etwas, das alle anderen für unmöglich halten

Sabrina Heimig-Schloemer weiß, wie es ist, wenn Menschen sie nicht verstehen wollen. Als vor zwei Jahren ihre Tochter von der Schule nach Hause kam, hatte sie eine radikale Idee, für die sich einiges anhören musste.

Ihre Tochter hatte keine Lust auf Hausaufgaben. Und Heimig-Schloemer das sehr gut nachvollziehen. Sie sagt:

„Es kann nicht der Sinn sein, dass die Schüler um vier Uhr nach Hause kommen, dann noch Hausaufgaben machen müssen und um zehn Uhr todmüde ins Bett fallen, aber keine Zeit hatten, sich zu entfalten, eigene Ideen zu haben und ein Selbstbewusstsein zu entwickeln."

Eine Schule ohne "Bulimie"-Lernen

Sie fing an, die klassische Schule zu hinterfragen. Die meisten deutschen Schüler lassen sich ihren Tag mit einem Stundenplan penibel einteilen. Das Wort „Bulimie-Lernen“ steht für den Wettkampf um die besten Noten. Und nach dem Abschluss wissen nur die wenigsten, welchen Job sie wirklich ergreifen wollen. Muss das wirklich sein?

Es war der Moment, in dem Heimig-Schloemer die Idee für ihre NewSchool kam. Eine Schule, die es so in Deutschland noch nicht gab und die jetzt in Berlin eröffnet hat.

Modern, radikal anders

Eine Schule, die vermutlich die modernste und radikalste in Deutschland ist, was man ihr schon rein oberflächlich anmerkt.

Erst einmal deswegen, weil sie erst drei Schüler hat. Die NewSchool hat erst nach den Herbstferien angefangen - ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt. Im kommenden Jahr sollen es nicht mehr als 12 werden. Die Schule will aber rasch wachsen. Damit ist die neue Schule nicht vergleichbar mit den öffentlichen Schulen, die Hunderte Kinder unterrichten müssen. Noch nicht jedenfalls. Möglich, dass das Konzept auch für mehr Schüler funktioniert.

Außerdem sieht die NewSchool nicht aus, wie sich die meisten eine Schule vorstellen. Mit Tafel, Pult, braunen Tischen und Landkarten aus altem Papier. Die NewSchool ist anders. Die Wände sind, bis auf ein paar neonfarbenen Post-its, nackter Beton und zur Straße hinaus aus Glas. Auf über 200 Quadratmetern steht bislang nur ein Tisch, fünf Stühle und ein Sofa.

Im Lehrerzimmer, Blick durch die Glasfassade auf die Spree, stehen Club-Mate und MacBooks. Mit dem verrauchten, gelbtapetigen Lehrerzimmer des 80er-Jahre-Gymnasiums hat das nichts zu tun.

Als ein Beamter der Stadt vorbeikam, um die Schule vor der Eröffnung abzunehmen, fragte der: Wo ist denn hier die Schule?

Gründerin Heimig-Schlömer (r) mit Schulleiterin Röper

Doch der wirkliche Unterschied ist ein anderer. Es gibt keine Noten, keine Klassen, keine Prüfungen. Dafür suchen sich Schüler ein Projekt, das sie während ihrer Schulzeit umsetzen wollen. Wollen. Nochmal: wollen. Etwa einen Roboter bauen. Eine Weltreise machen. Oder ein Computerspiel programmieren. Um die Projekte zu verwirklichen, vermitteln die Lehrer das nötige Wissen.

Also: Möchte ein Schüler einen Roboter bauen, muss er zum Beispiel über Mathematik, Design und Elektronik Bescheid wissen. Im Idealfall hat ein NewSchool-Schüler im Zug eines Projekts all das gelernt, was er in einer klassischen Schule im Frontalunterricht in sein Schulheft geschrieben hätte. „Wir glauben, dass die Kinder so wieder Spaß haben zu lernen, weil sie ein Ziel vor Augen haben, das nicht daraus besteht, die nächste Prüfung zu bestehen“, sagt Heimig-Schloemer.

Kooperation mit Startups

Dafür arbeitet die Schule eng mit Experten aus der Berliner Startup-Szene zusammen. Heimig-Schloemers Ehemann ist Gründer der Berliner Factory, ein Startup-Hub, in dem Google und Soundcloud sitzen. Mehr noch: In das Gebäude der NewSchool ist ein Startup gezogen, das zusammen mit der Schule eine App weiterentwickelt, die quasi das Herz der Schule ist.

Sie soll eine Art Facebook und Whatsapp für Schüler und Eltern sein, gleicht aber vor allem die erlernten Fähigkeiten mit dem Lehrplan einer klassischen Schule ab. Denn am Ende des Jahres müssen auch NewSchool-Schüler eine Prüfung ablegen, die vom Staat abgenommen wird – so, wie bei anderen alternativen Schulformen auch.

Die Behörden waren ratlos

Keine Noten, kein Stundenplan, keine Klassen. Eine radikale Idee - so radikal, dass einige sogar Angst vor ihr hatten. „Wir leben leider in einer Angstgesellschaft”, sagt Heimig-Schloemer. „Angst davor, dass Kinder abseits des klassischen Schulwegs nicht genug lernen und später nicht genug verdienen werden.“

Immer, wenn sie von ihrer Idee erzählte, merkte sie, wie sich Widerstand in den Leuten gegen etwas Neues regte. Die Behörden verstanden gar nicht, was sie von ihnen wollte. War man doch bislang daran gewöhnt, dass Leistungen durch Noten festgehalten werden. Lehrer waren ratlos: Sowas kannten sie schlicht aus ihrem Alltag nicht. Und Eltern sagten ihr: Das ist eine tolle Idee. Aber wie soll das Kind zurecht kommen, wenn es nicht lernt, was ihnen der Staat vorgibt?

Doch davon ließ sie sich nicht abbringen.

Sie führte viele Gespräche. Im Berliner Senat, der mittlerweile gebannt auf das Projekt schaut und sich viel erhofft. Mit Freunden, Bekannten. Eltern. So gewann sie immer mehr Menschen für ihre Idee, die ihr Unterstützung zusagten. Eine der ersten, die Heimig-Schloemer überzeugte, war Almut Röper, jetzt Schulleiterin der NewSchool, anfangs ähnlich stutzig wie alle, die von der Schulidee das erste Mal hören.

newschool

Campus der NewSchool an der Spree

Röper, wasserstoffblonde Haare, blauer Kapuzenpulli, ist Designerin, kennt aber die klassische Schule von innen. Sie studierte Lehramt und unterrichtete eine kurze Zeit auch an einer Schule. Doch davon hatte sie schnell genug. Das System war ihr zu festgefahren - und damit ihrer Meinung nach auch nicht gut für Kinder. "Die klassische Schule bildet Kinder ohne eine klare Zielrichtung aus - schon gar nicht auf die uns noch unbekannten, zukünftigen Berufe.“

Röper und Heimig-Schloemer wirken nicht wie klassische Schulleiter, sondern eher wie CEOs. Die NewSchool ist schließlich selbst noch ein Startup. Finanziert sich durch das Schulgeld von zehn Prozent des Elterneinkommens und Sponsoren. Und die winzige Schule will wachsen. “Jeder, der Lust hat, Verantwortung für sich zu übernehmen, ist bei uns willkommen“, sagt Röper.

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