POLITIK
06/11/2015 11:47 CET | Aktualisiert 06/11/2015 13:29 CET

Guido Westerwelle über seine Leukämie: "Der Krebs kam für mich aus heiterem Himmel"

DPA
Guido Westerwelle spricht über sein Leben mit dem Krebs

Guido Westerwelle war nur wegen einer Sportverletzung zum Arzt gegangen. Die Diagnose, die der frühere Außenminister und FDP-Vorsitzende dann im Juni 2014 erhielt, änderte auf einen Schlag sein Leben: Leukämie.

Ein Kampf ums Überleben begann, den er jetzt in einem Buch verarbeitet hat. Am 10. November wird das 240-Seiten-Werk mit dem Titel „Zwischen zwei Leben. Von Liebe, Tod und Zuversicht“ dem Verlag zufolge erscheinen. Ganz intim erzählt Westerwelle hier erstmals vom Schock nach der Diagnose, der Ungewissheit während der Therapie und auch den „Momenten der Todesangst“, wie es Hoffmann und Camp“ ankündigten.

Noch nie hat ein deutscher Politik so offen über seine dunkelsten Zeiten der Krankheit gesprochen. Doch auch seine Kindheit und seine Faszination für die Politik sind Thema. Geschrieben hat er das biografische Buch zusammen mit dem ehemaligen "Stern"-Chefredakteur Dominik Wichmann.

In der "Bild"-Zeitung wurden nun vorab exklusive Auszüge aus dem Werk veröffentlicht.

„Es war der 17. Juni 2014, an dem ich erfahren habe, dass ich an akuter Leukämie erkrankt bin“, beschreibt Westerwelle dort den Beginn seiner Krankheitsgeschichte. „Völlig unvorbereitet, ohne die geringsten Symptome, gewissermaßen zufällig und aus heiterem Himmel.“

Er begann eine Chemotherapie an der Kölner Uniklinik, doch das allein sollte nicht ausreichen. Sein Arzt Michael Hallek sprach von „komplex aberranten Veränderungen“ des Erbmaterials. Das bedeutete: Er würde eine Stammzellentransplantation brauchen, um die Krankheit zu besiegen. „Ich hatte so etwas schon geahnt“, schreibt der ehemalige Vizekanzler im neuen Buch der „Bild“ zufolge. „Aber nun, da sich meine Befürchtung bestätigte, bekam ich es erneut mit der Angst zu tun."

Es wurde zum Wettlauf mit der Zeit: Die zweite Chemotherapie musste anschlagen und zum richtigen Zeitpunkt ein Knochenmarkspender gefunden werden – je früher, desto besser. Seine Angst war klar: Dass die Hilfe zu spät kommt: „Steige ich dann hinab auf der Krebskaskade, von Chemo zu Chemo, so lange, bis ich zu schwach für eine Transplantation bin?“ Besonders diese Phase der Ungewissheit scheint Westerwelle geprägt zu haben:

„Ich ließ mich nicht gehen. Ich ließ mich fallen“, erzählt er ganz intim in den Exklusivveröffentlichungen aus dem biografischen Werk. „Michael, die Ärzte und das Pflegepersonal fingen mich auf. (...) Ich vertraute, stellte wenig infrage, überprüfte das, was man mir erzählte, nicht im Internet. Sich fallen lassen bedeutet jedoch auch: alle Hüllen fallen lassen.“

Auch die Isolation im Krankenhaus machte ihm zu schaffen. Er durfte wochenlang das Zimmer nicht verlassen, um eine Infektion zu vermeiden. Durch eine Chemotherapie ist das Immunsystem stark geschwächt. Auch Körperkontakt mit den Freunden und Verwandten war untersagt. Das Zimmer empfand er zunehmend als „Zelle“, heißt es in der „Bild“.

Der zweite Teil der Chemotherapie schlug an, aber dennoch gab es wohl weitere Rückschläge. Zunächst trat der „Idealfall“ ein: Der optimale Spender schien vor einem Krebsrückfall gefunden, Westerwelle war kurzzeitig glücklich. Die Wahrscheinlichkeit seines Überlebens hatte sich von zehn auf fünfzig Prozent erhöht. Doch der Spender sprang kurzfristig ab.

Doch letztendlich wendete sich alles zum Guten: Im Spätsommer 2014 unterzog sich Westerwelle doch noch einer Knochenmark-Transplantation. Er besiegte den Krebs und begann, sich zu erholen. Dem "Spiegel" sagte Westerwelle: "Ich wollte und ich will unbedingt weiterleben."

westerwelle

Heute sieht Westerwelle wieder aus wie früher: Volles Haar statt Kappe auf dem kahlen Kopf, gesunde Gesichtsfarbe und sogar in Anzug und Krawatte. Im September diesen Jahres zeigte er sich erstmals wieder offiziell in Berlin der Öffentlichkeit, wie „Focus Online“ berichtete.

Er ist also wieder zurück – doch er ist auch nicht mehr derselbe. „Die Prioritäten in meinem Leben haben sich seitdem verändert“, sagt Westerwelle heute gegenüber seinem Verlag. Mit seinem Buch will er jetzt Kraft und Zuversicht weitergeben. Niemand sei vor Schicksalsschlägen gefeit, aber man solle nie die Hoffnung aufgeben.

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