POLITIK
05/11/2015 18:01 CET | Aktualisiert 18/01/2016 17:09 CET

"Faschistoides System": Kabarettist Serdar Somuncu spricht über Deutschlands Umgang mit der Flüchtlingskrise

dpa

In zwei Monaten läuft das Urheberrecht an Adolf Hitlers "Mein Kampf" aus. Anfang 2016 könnte die Hetzschrift wieder gedruckt werden. Wie Deutschland damit umgeht, hat zuletzt für heftige Debatten gesorgt.

Einen überrascht das nicht: Serdar Somuncu, Kabarettist und ausgewiesener "Mein Kampf"-Kenner. Über 1400 Mal hat er in den späten 1990er Jahren auf der Bühne satirisch kommentierend aus dem Buch gelesen. Die Diskussionen über "Mein Kampf" seien symptomatisch für Deutschland, sagte Somuncu am Donnerstag im Deutschlandfunk.

"Das ist zum Teil erschreckend"

"In Deutschland funktioniert heute noch ein faschistoides System", sagte der Kabarettist, der in einem neuen Buch ("Der Adolf in mir - Die Karriere einer verbotenen Idee") über seine künstlerische Aufarbeitung mit rechtem Gedankengut schreibt. Was er in den vergangenen 20 Jahren als Künstler erlebt habe, sei "zum Teil erschreckend gewesen".

Und auch heute gebe es "unterschiedliche Energien, die aufeinanderprallen", sagte Somuncu. Zum einen spüre man immer noch, dass es nach der Wiedervereinigung verpasst worden sei, den "inneren Angleich" der beiden Systeme zu betreiben. "Die Menschen im Osten haben immer noch ein gehöriges Unzufriedenheitspotenzial. Sie gehen auf die Straße, weil sie aufbegehren gegen eine unsichtbare Obrigkeit und schreien 'Wir sind das Volk!'".

Dabei glaube Somuncu kaum, dass alle, die in Dresden auf der Straße seien, "auch damals in der DDR auf der Straße waren", sagte der Kabarettist. "Wahrscheinlich waren sie eher systemkonform."

Somuncu kritisierte im Deutschlandfunk zudem die Scheinheiligkeit im Umgang mit der Flüchtlingskrise. Die Flüchtlinge kämen aus Kriegs- und Krisengebieten, sagte der 47-Jährige.

"Eine logische Konsequenz, mit der wir umzugehen haben"

"Dass Deutschland an diesen Krisen beteiligt ist, mag für den ein oder anderen seltsam wirken. Aber wenn wir an der Börse spekulieren und nicht wissen, das es auch Waffengeschäfte sind, dass es große Konsortien sind, die wir damit mit finanzieren, und dass unser Geld letztendlich auch in den Händen von Terrororganisationen landet, und wir viel Unfrieden stiften oder zulassen, dann ist das eine logische Konsequenz, mit der wir umzugehen haben", kritisierte Somuncu.

Sein Appell: Die Deutschen könnten nicht erwarten, dass "wir auf dieser Insel, auf der wir leben, allein bleiben". Deutschland profitiere davon, dass Menschen zu Hungerlöhnen in Deutschland arbeiten, sagte er. "Also müssen wir auch damit rechnen, dass sie irgendwann bei uns aufschlagen, weil sie mitbekommen, dass es uns gut geht."

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