POLITIK
04/11/2015 17:49 CET | Aktualisiert 04/11/2015 18:38 CET

Hört endlich auf, Nazis als "dumm" zu bezeichnen. Denn eigentlich sind wir das - weil wir sie unterschätzt haben

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Es ist Zeit, dass wir uns einen Fehler eingestehen.

Jahrelang haben wir über Populisten und Nazis im Netz gelacht. Über das angespannte Verhältnis der Fremdenfeinde zu ihrer eigenen Muttersprache. Über kläglich gescheiterte Versuche, einen ordentlichen Fackelmarsch zu organisieren. Über „besorgte Bürger“, die sich vor laufender Kamera um Sinn und Verstand reden und sich selbst dabei auch noch so unwiderstehlich widerständlerisch finden wie Martin Luther, Mahatma Gandhi und Nelson Mandela zusammen.

Doch vor lauter Spott haben wir vergessen, mit wem wir es zu tun haben. Und das wird uns eines Tages bitter leidtun.

Den Rechten ist es gelungen, anschlussfähig zu werden

Denn wir wollten viel zu gern glauben, dass „der Nazi“ an sich eben „hohl“, „unterbelichtet“ oder „dumm“ ist. Manche wollten daraus sogar eine grundsätzliche IQ-Theorie ableiten: Wer gegen Fremde hetzt, ist von Natur aus unterbelichtet.

Wenn es so einfach wäre, dann hätte sich die ganze Anti-Asyl-Bewegung schon längst selbst erledigt.

Hat sie aber nicht.

In Wahrheit nämlich steckt hinter der neuen rechten Welle in Deutschland ein System. Erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs ist es den Rechtsextremen damit gelungen, in der Mitte der Gesellschaft anschlussfähig zu werden.

Jeder kann etwas mit der Asylfrage anfangen

In das Thema Asyl kann beinahe jeder Bürger seine persönlichen Sorgen hineinprojizieren. Egal ob die Rente zu schmal, die Stütze zu klein oder die Hypothek zu mächtig ist: Schuld daran, dass der Staat den eigenen Bürgern nicht helfen mag, ist dieser Lesart zufolge am Ende immer der gierige Asylbewerber.

Gerade das macht die Debatte so gefährlich: Denn wir reden schon längst nicht mehr über einige Hundert Trottel, die ihren Frust stumpfgermanisch in den Heidenauer Abendhimmel schreien.

Der Hass ist zur politischen Bewegung geworden. Er begegnet uns nicht mehr nur in kleinen, braunen Reservaten. Er ist überall in Deutschland.

Volkstribunen auf deutschen Marktplätzen

Man muss sich das nur mal vorstellen: Auf deutschen Marktplätzen trauen sich rechte Volkstribunen allen Ernstes, so klingen zu wollen, als wäre Weimar plötzlich wieder eine politische Mode.

Zum Beispiel der thüringische AfD-Chef Björn Höcke.

Als der aus Westfalen stammende Politiker vor einigen Wochen bei Jauch aufgetreten ist, haben sich viele über das Deutschland-Fähnchen echauffiert, dass er mit ins Studio gebracht hatte. Viel erschütternder war jedoch, mit was für einer Dreistigkeit sich Höcke über die Werte des Grundgesetzes erhob. Einfach so. Weil er sich dazu mit vorrevolutionärem Gestus berufen fühlte.

Humanität? Für ihn nur „Gutmenschentum“. Seine bisweilen hetzerischen Reden halte er deswegen, weil Deutschland sich in einem „Notstand“ befinde.

Höcke behandelt Heiko Maas wie eine Witzfigur

Der Bundestag? Ein Hort der „verrückt gewordenen Altparteienpolitik“, an dem nicht mehr „die Stimme des Volkes“ spreche. Der Bundesjustizminister? Eine Witzfigur. Und den saarländischen Innenminister Klaus Bouillon – gut 25 Jahre älter als Höcke - behandelte er wie einen kleinen Jungen.

Aber ist ist ja nicht nur Björn Höcke.

Experten gehen davon aus, dass sich derzeit eine neue „völkische Ideologie“ ihren Weg brechen könnte. Womöglich irgendetwas zwischen Heimatschutz und Rassenreinheit. Im Jahr 2015. Wer hätte das zur Jahrtausendwende für möglich gehalten?

Wir müssen endlich über den Terror reden

In den ersten zehn Monaten dieses Jahres gab es etwa 600 Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland. Knapp 100 davon waren gewalttätige Angriffe. Warum eigentlich reden wir immer noch viel zu selten über diese womöglich hoch organisierte Form des rechten Terrors?

Passt das am Ende vielleicht doch nicht ins lieb gewonnene Bild der braunen Bildungs-Allergiker, deren Intellekt gerade dazu ausreicht, den ersten und den achten Buchstaben des Alphabets zu erkennen, aber nur selten dafür, diese Buchstaben auch in logischen Satzkonstruktionen zu verwenden?

Allein der Gedanke daran, dass Fremdenfeinde doof sind, ist für die meisten Nicht-Fremdenfeinde schon mit etwas verbunden, was man in der Psychologie als „Disktinktionsgewinn“ bezeichnet. Vereinfacht gesagt: Ich grenze mich von einer Sache ab und fühle mich dadurch besser.

Ich bin besser als der da - eine gefährliche Denke

Auch deshalb ist das Foto von den Mann im Deutschlandtrikot, der sich in Rostock-Lichtenhagen im Suff eingepinkelt hatte und den Hitler-Gruß zeigte, bis heute so populär. Es erlaubt gleich in mehrerlei Hinsicht Abgrenzung: Niemand will sich mit einem Betrunkenen identifizieren, der sich vollpinkelt. Auch nicht mit jemandem, der so doof ist und ein Deutschland-Trikot anlässlich von fremdenfeindlichen Krawallen trägt. Und erst recht nicht mit einem Kerl, der im Suff den rechten Arm hebt.

Dieses Foto verschafft dem Betrachter selbst ein Überlegenheitsgefühl. Doch es ist trügerisch.

Wir lachten, während die Rechten stärker wurden

Denn in Wahrheit haben die Rechten im Verlauf des Jahres 2015 in allen Belangen an Boden gut gemacht, während wir sie die ganze Zeit ausgelacht oder verachtet haben.

Die Zahl der Anschläge auf Asylbewerberheime dürfte sich bis Ende des Jahres gut verdreifacht haben – ohne, dass die Polizei dagegen etwas tun könnte. Die AfD hätte nach aktuellen Umfragen bei der nächsten Bundestagswahl gute Chancen, drittstärkste Kraft zu werden. Und die bereits tot gesagte Pegida-Bewegung hat im Oktober wieder 15.000 Menschen mobilisieren können.

Natürlich sollte man über Fremdenfeinde lachen können. So lange man sie hinterher noch ernst genug nimmt, um sie tatsächlich mit politischen Mitteln zu bekämpfen. Alles andere wäre nämlich ziemlich dumm.

"Eiskalter Hetzer": So reagiert Justizminister Maas auf den Goebbels-Vergleich von Pegida-Chef Bachmann

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