POLITIK
04/11/2015 21:56 CET | Aktualisiert 05/11/2015 14:03 CET

Zukunftsforscher prognostiziert: Flüchtlinge werden Deutschland in den kommenden zehn Jahren konservativer machen

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Zukunftsforscher Horst Opaschowski

Wie wird sich Deutschland verändern angesichts von Hunderttausenden, vielleicht Millionen Flüchtlingen, die zu uns kommen? Was bringen all die Neuankömmlinge von ihrer Kultur ein, was lernen sie von uns - kurz: Wie sieht unsere Gesellschaft aus, wenn die Flüchtlinge integriert sind?

Besser als heute, sagt Zukunftsforscher Horst Opaschowski, der seit 1970 Prognosen zur Zukunft Deutschlands herausgibt. Zumindest, wenn man auf die Dinge schaut, auf die die Menschen künftig besonders viel Wert legen. So hätten sie derzeit ständig das Schicksal von Einwanderern vor Augen, die vor Not und Existenzangst geflohen sind. Das färbt ab - und lässt den Wert von Geld oder Job zurücktreten hinter der Sorge um das Miteinander. Zusammenhalt wird wichtiger.

"Konservative Werte kommen wieder", sagte Opaschowski im Interview mit dem Deutschlandradio Kultur. Das bedeutet: Schluss mit der sich überschlagenden Erneuerung. Deutschland besinnt sich auf traditionelle Tugenden.

Ein Wert, der nach Opaschowskis Ansicht wichtig wird: Mitmenschlichkeit. Sie werde Ego-Wahn und Selbstverwirklichung ablösen. "Emanzipation", das Schlagwort der 68er-Jahre, werde durch "Konvention" und Werte wie Ehrlichkeit, Anstand und richtiges Benehmen ersetzt.

Schon jetzt sei die konservative Wende zu beobachten. "Wahrscheinlich wird man eines Tages über ein Schulfach 'Anständiges Benehmen' diskutieren", sagt Opaschowski. Ökologische Fragen etwa würden dagegen künftig zweitrangig.

Von der konservativen Warte aus wirkt jedoch auch manches bedrohlich. Der Forscher erwartet eine Veränderung auf der "Angstskala". "Soziale Konflikte werden als bedrohlicher angesehen als ökonomische Probleme" wie Armut und Arbeitslosigkeit. "Wir können jetzt schon nachweisen, dass sehr starke Konflikte zwischen Einheimischen, Ausländern, Christen, Muslimen befürchtet werden, die als sozialer Zündstoff für die Zukunft folgenreicher eingeschätzt wird als etwa die Kluft zwischen arm und reich."

Auch Generationenkonflikte spielten in einigen Jahren keine Rolle mehr. "Und Flugbegleiterstreiks, Pilotenstreiks, Lokführer, Kita, Post oder was es alles gibt, das ist dann nebensächlich." Schließlich ist ein Miteinander, ein Zusammenhalten von Alten und Jungen in der Familie, ein urkonservativer Wert.

Der Politik wirft Opaschowski Zukunftsblindheit vor. Sie reagiere in der aktuellen Situation hektisch und wie eine Getriebene. Dabei sei schon seit Jahrzehnten absehbar gewesen, dass es wegen der großen Unterschiede zwischen Arm und Reich zu weltweiten Wanderungsbewegungen kommen werde.

Es ist die Andeutung eines Schreckensszenarios, das Opaschowski entwirft: Eine Gesellschaft, in der Schichten mit unterschiedlicher Wirtschaftskraft gegeneinander kämpfen. Gleichsam Deutsche und Ausländer sowie die Religionen. Ein Aufeinandertreffen, in dem unsere Gesellschaft zu zerbrechen droht. Deutschland droht, gespalten zu werden.

Deshalb müsse jetzt schnellstens eine soziale Vision her, fordert der Zukunftsforscher. "Wir brauchen einen Deutschlandplan, einen Perspektivplan, der konkrete Angaben darüber macht, wie wir in Zukunft leben wollen."

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