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Merkel warnt vor "militärischer Auseinandersetzung": So wahrscheinlich ist ein Krieg vor unserer Haustür

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MERKEL
dpa
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Es ist eine Warnung, die man von Merkel in einer solchen Deutlichkeit noch nie gehört hat.

Werde Deutschland seine Grenze zu Österreich schließen, könnte das zu neuen Konflikten zwischen Balkan-Staaten führen. „Es wird zu Verwerfungen kommen“, sagte Merkel auf einer Konferenz in Darmstadt.

Schon beim Zaunbau zwischen Ungarn und Serbien habe sich das angedeutet. "Denn ich will nicht, dass dort wieder militärische Auseinandersetzungen notwendig werden", sagte die Kanzlerin.

Hat sie recht? Wir haben uns das Szenario genauer angeschaut. So wahrscheinlich ist ein neuer Balkan-Krieg wirklich:

1. Das ist der Auslöser für Merkels Warnung
Dass Merkel die Warnung gerade jetzt in aller Öffentlichkeit ausspricht, ist kaum ein Zufall. Die Kanzlerin ist in Erklärungsnot. Sie muss ihrem Koalitionspartner, der SPD, beibringen, warum Transitzonen das geringere Übel sind. Die lehnt die Zonen strikt ab. Um zu argumentieren, braucht Merkel laute Gründe.

Gleichzeitig gewinnt die Öffentlichkeit den Eindruck, dass die Regierung die Kontrolle über die Flüchtlingskrise verliert. Behörden vermeldeten für September und Oktober Rekordzahlen neuer Flüchtlinge, die über das Mittelmeer kamen. Täglich kommen Tausende über die österreichische Grenze nach Bayern und werden von dort in der Republik verteilt. Mit ihrer Warnung will die Kanzlerin auch deutlich machen: Dass wir die Grenze trotzdem offen lassen, hat gut Gründe.

2. Eine Grenzschließung hätte dramatische Folgen
Keiner kann wirklich vorhersagen, was im Falle einer Grenzschließung passieren würde. Es wäre zwar nicht das erste Mal, dass ein EU-Land die Grenzen dicht macht. Ungarn hat sich nahezu abgeschottet. Die Konsequenzen sind vor allem für die Nachbarländer dramatisch, weil Zehntausende Flüchtlinge dorthin ausweichen.

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Würde Deutschland allerdings keine Flüchtlinge mehr reinlassen, wären die Folgen weitaus größer. Es würde eine riesige Rückwelle auslösen, die nicht nur für Nachbarländer, sondern für alle Staaten der Balkan-Route bis hin zu Griechenland zu spüren wären. Das aber auch nur dann, wenn der Flüchtlingsstrom anhält. In der Folge könnten auch andere Länder die Grenzen dicht machen und das Problem weiter verschärfen. Auch davor warnt Merkel.

3. Betroffen wären alle Länder auf der Balkan-Route
Alle Länder entlang der Flüchtlingsroute über den Balkan kämen in Schwierigkeiten. Vor allem aber Slowenien. Das Land ist seit Wochen im Ausnahmezustand, da Nachbarstaaten jeden Tag Tausende Flüchtlinge nach Slowenien weiterschicken. An der Grenze zu Österreich kam es bereits zu Aufständen. Zum Schutz der Grenze setzte das Land bereits Militärs ein, um die Lage zu kontrollieren.

4. Die Balkan-Staaten haben ohnehin große Probleme
Auch knapp zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Balkankriege sind die eingefrorenen und potenziell bedrohlichen Probleme nicht weniger geworden.

Der Kosovo-Konflikt: Die serbische Minderheit in dem seit sechs Jahren unabhängigen Staat mit albanischer Mehrheit ist nicht integriert. Fünf der 28 EU-Mitglieder verweigern die Anerkennung des jüngsten Staates in Europa.

Serbien ist ohne funktionierende staatliche Institutionen mit dem alles beherrschenden Regierungschef Aleksandar Vucic an der Spitze.

Mazedonien wird durch Griechenland bei seiner Annäherung an die EU und Nato blockiert. Das Land ist gelähmt durch tief verfeindete politische Lager und nationalen Streit bis hin zu bewaffneten Konflikten.

Hinzu kommt: Die Korruption beherrscht alle Länder. Die Wirtschaft ist daher schwach. Breite Schichten der Bevölkerung sind verarmt. Seit Jahren werden die Balkanstaaten durch die massive Abwanderung ihrer gut ausgebildeten Bewohner nach Westen immer weiter geschwächt.

5. Ein Krieg wäre die schlimmste aller Möglichkeiten
Die Frage ist, wie weit die ohnehin schon schwelenden Konflikte weiter eskalieren. Balkan-Experte Wolf Ochlies hält die Warnungen der Kanzlerin für überzogen.

"Sie können den Balkan anfassen, wo Sie wollen, es gibt Konflikte überall. Aber damit leben wir schon seit 20 Jahren und die Kriege, die es vorher gegeben hat, wurden ausgefochten. Irgendwie rauft man sich zusammen“, sagt Ochlies. Einen neuen Krieg hält er deswegen für unwahrscheinlich. "Eine militärische Auseinandersetzung ist die schlimmste aller Möglichkeiten. Ich würde aber nicht damit rechnen, dass es soweit kommt“, sagt Ochlies.

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