POLITIK
03/11/2015 16:13 CET | Aktualisiert 04/11/2015 10:43 CET

"Mein 86-jähriger Vater wurde wegen Flüchtlingen aus seinem Heim geworfen" – warum dieser Post völliger Schwachsinn ist

dpa
In einer Senioreneinrichtung in Nordrhein-Westfahlen wurde den Bewohnern gekündigt, da die Betreiber das Heim nicht weiterführen können. (Symbolbild)

„Ich glaub ich fall' vom Glauben ab. In welchem Land lebe ich hier.“ Mit diesen Worten leitete am vergangenen Wochenende eine Facebook-Nutzerin einen Post ein, der es in sich hatte.

In einer öffentlichen Facebook-Gruppe regt die Frau sich darüber auf, dass ihrem 86-jährigen Vater seine Wohnung in einer betreuten Wohneinrichtung gekündigt wurde. In nur vier Wochen müsse ihr Vater ebenso wie die Bewohner eines angrenzenden Altenheims ihre Wohnungen verlassen.

Weiter: „... und dann dürft ihr raten warum. Ab Januar sollen dort 300 Flüchtlinge untergebracht werden. Mit alten Leute kann man’s ja machen.“

Facebook-Hetze als Ventil

Klingt so, als trage hier eine Tochter ihren Unmut über die Kündigung ihres Vaters nach außen. Und schuld daran sind auch noch die Flüchtlinge. Der Post wurde mehr als 50.000 Mal geteilt. Facebook-Hetze als Ventil. Wie so oft in letzter Zeit.

Das Problem ist allerdings, dass die Frau zum Zeitpunkt ihres Posts offensichtlich nicht gut genug informiert war.

Inzwischen ist klar, dass die betreute Wohneinrichtung für Senioren ohnehin geschlossen werden muss. Die Betreiber, eine Familie aus dem Kreis Düren in Nordrhein-Westfahlen, kann den Betrieb nicht weiterführen. Der Familienvater ist nach einem Unfall arbeitsunfähig, seine Frau und Tochter sind laut Informationen des WDR nicht in der Lage, den Betrieb alleine weiterzuführen.

Einrichtung wird sowieso geschlossen

Da kein Nachfolger für die Betreiber gefunden wurde, wird die Senioren-Einrichtung zum Ende des Jahres geschlossen. Die Bewohner müssen ausziehen, können aber laut Aachener Zeitung in andere Häuser im näheren Umkreis umziehen.

Der Eigentümer der bald leerstehenden Senioreneinrichtung hatte das Gebäude daher der Bezirksregierung Köln zum Kauf angeboten. Ein Angebot, das die Bezirksregierung angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise natürlich dankend angenommen hat, zumal das Gebäude optimal für Frauen und Kinder geeignet ist.

Ab Januar 2016 werden in dem ehemaligen Senioren-Domizil also tatsächlich Flüchtlinge untergebracht sein. Allerdings sind nicht die Flüchtlinge an der Schließung des Hauses schuld, sondern einzig ein privater Schicksalsschlag der Betreiber.

Facebook-Nutzer sollten genau überlegen, was sie weiterverbreiten

Immer wieder kommt es zu solchen Hetz-Postings wie dem der oben beschriebenen Tochter. Oft stehen dahinter undifferenzierte Meinungen, blinde Wut, Angst oder - wie in diesem Fall – schlichtweg falsche Informationen.

Bevor Facebook-User derartige Beiträge also teilen oder liken, sollten sie die Hintergründe solcher Aussagen hinterfragen. Die Urheber solcher Hetze in sozialen Netzwerken können im Übrigen sogar rechtlich für ihre Taten belangt werden.

Die Tochter des 86-jährigen Seniors hat ihren Facebook-Post gegen die Flüchtlinge inzwischen gelöscht.

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