An die Satiriker der "Anstalt": Eure Verschwörungstheorien kotzen mich an

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ANSTALT
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Lieber Max Uthoff, lieber Claus von Wagner!

Im Grunde mag ich die „Anstalt“ im ZDF sehr. Immerhin findet dort durchaus engagiertes, originelles Kabarett statt. Und wer hätte das nach den finsteren Fernsehfolterjahren mit Urban Priols piefigen Studienratshumor noch erwartet?

Doch ab und zu sitze ich vor dem Fernseher und glaube der Welt nicht mehr, die da gerade in mein Wohnzimmer flimmert. Sind die Verschwörungstheoretiker denn wirklich überall? Und bezahle ich für solch einen Mist wirklich Gebühren?

So wie bei Ihrer letzten Sendung, als Sie sich des Themas Syrien annahmen.

Sie unterstellen den Amerikanern, dass diese seit Jahren einen „Regime-Change“ in Syrien betreiben würden. Mehr noch: Sie legen nahe, dass der Syrien-Krieg ein Werk finsterer amerikanischer Einflussinteressen sei. Und dass Bashar al-Assad eigentlich nur so ein mittelschlimmer Diktator sei, weil man ihm bisher nicht lückenlos den Einsatz von Giftgas nachweisen konnte.

Geht's noch? Was für ein riesiger Unsinn.

Als ob es die syrische Opposition nie gegeben hätte. Dar'a, Aleppo. Die ARD zeigte erst kürzlich eine bewegende Dokumentation über einige junge Männer aus Homs, die nacheinander im Kampf gegen das syrische Regime sterben.

Und auch der großartige Aboud Saeed berichtete in seinem Buch „Der klügste Mensch im Facebook“ schon früh über seinen täglichen Kampf mit dem Regime und dem Krieg. Sind diese Menschen Ihrer Ansicht nach alle gekauft oder von der CIA manipuliert worden?

Was ist mit den Fassbomben? Den Folteropfern? Den Hinrichtungen? Wissen Sie eigentlich, wie das Regime Assad in den vergangenen Jahren in Syrien gewütet hat?

Es ist so bitter, wie deutsche Wirtshausstrategen immer wieder mit ordentlich kleinem Karo im Kopf Weltpolitik erklären wollen. Und selbst vor Regionen nicht halt machen, die sie weder kennen noch verstehen.

Schlimmer als alle sachlichen Fehler Ihrer Argumentation finde ich nämlich, wie großspurig Sie über die syrische Bevölkerung hinweg trampeln. Die kommt in ihrem zwölfminütigem Beitrag kaum vor.

(Text geht unter dem Video weiter)

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Ihnen geht es einzig und allein darum, den gesamten Konflikt zu einem Schachspiel der Supermächte zu reduzieren. Die Syrer taugen für Sie nicht einmal als Bauern auf diesem Brett. Genauso war es übrigens auch damals im Ukraine-Konflikt: Der große Satan in Washington war in Ihren Beiträgen allgegenwärtig, die fremdgelenkte deutsche „Lügenpresse“ auch, und natürlich ebenso Wladimir Putin.

Über das Schicksal der Ukrainer aber haben Sie beharrlich geschwiegen. Kein Wunder, damit kitzelt man am Ende eben auch nicht die Verschwörungstheoretiker. Und die gehören ja seit zwei Jahren zu ihrem Stammpublikum.

Im Ernst: Es gab wunderbare „Anstalt“-Folgen über die Flüchtlingskrise, zu einer Zeit, da vielen Deutschen noch nicht klar war, welches Drama auf dem Mittelmeer vor sich geht.

Aber mit diesem Ken-Jebsen-Gedächtnis-Karabett leisten sie kein Stück Aufklärungsarbeit. Im Gegenteil: Wenn man sieht, mit das für einem riesigen Brett vorm Kopf Sie durch die Republik laufen, dann wird einem klar, warum so viele Bundesbürger so lange den Syrien-Krieg einfach ignoriert haben.

Denn offenbar interessiert Weltpolitik viele Deutsche erst, wenn der Ami irgendwie Schuld ist. Oder die Flüchtlinge vor unserer Haustür stehen.

Es ist zum Kotzen.

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