Was dieser Bürgermeister mit Flüchtlingen macht, überrascht alle

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RICHARD ARNOLD
Katharina Scholz
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Die deutschen Flüchtlingsunterkünfte sind überfüllt. Asylbewerber wohnen in Zelten und Containern. In vielen Regionen drohte die Situation in den vergangenen Wochen zu eskalieren. "Besorgte Bürger" fürchten um ihre Jägerzaun-Idylle. Nicht so in Schwäbisch Gmünd.

Die Hälfte der Flüchtlinge wohnt in Privathaushalten

Oberbürgermeister Richard Arnold hat dort die Flüchtlingskrise zur Chefsache erklärt: 400 von 800 Flüchtlingen, die in seiner Stadt leben, wohnen in privaten Haushalten.

Auch seine 80-jährigen Eltern haben zwei Afrikaner bei sich aufgenommen. Der eine junge Mann kommt aus Nigeria, der andere aus Gambia. „Ein Christ und ein Moslem“, sagt Richard Arnold. Beide wohnten nicht in einem abgetrennten Bereich, sondern in einer Wohngemeinschaft mit den Eltern des Oberbürgermeisters.

„Sie haben frischen Wind ins Haus gebracht“, erzählt Richard Arnold. Er nennt es „Juvenalisierungsprogramm“ und lacht. Für seine 80-jährigen Eltern sei es eine Erfahrung gewesen, den jungen Muslim im Ramadan zu begleiten. „Integration funktioniert nicht, wenn die Flüchtlinge zu fünft im Zimmer der Gemeinschaftsunterkunft sitzen“, sagt Richard Arnold. Deshalb fordert er:

„Flüchtlinge müssen raus aus den Massenunterkünften und rein in private Haushalte.“ Am besten funktioniere das Konzept nicht in der Stadt Schwäbisch Gmünd, in der 60.000 Menschen leben, sondern in den Teilorten.

Als Beispiel nennt er Weiler in den Bergen mit knapp 1000 Einwohnern. „Dort entsteht demnächst eine neue Wohngemeinschaft mit sechs Flüchtlingen aus Eritrea“, sagt Richard Arnold. Ein Schreiner nehme sie bei sich auf, nicht im gleichen Haushalt, aber er wohne gleich nebenan und werde sich um sie kümmern.

„Wenn die Flüchtlinge vor Ort zur Chefsache gemacht werden, dann funktioniert es“, sagt Richard Arnold. Damit meint er nicht nur Bürgermeister und Oberbürgermeister, sondern ganz speziell die Ortsvorsteher der kleinen Teilorte mit nur ein paar hundert Einwohnern.

Die Ortsvorsteher als Türöffner

„Wenn bei einem Treffen im Teilort der Ortsvorsteher sich für die Sache einsetzt, dann sind die Leute ganz schnell auf seiner Seite“, sagt Richard Arnold.

Das Konzept, das der Oberbürgermeister „Gmünder Weg“ nennt, geht über die reine Unterbringung der Asylbewerber hinaus. Die Stadt biete den Menschen Deutschkurse an, ermögliche es ihnen, einen Hauptschulabschluss zu machen und auf die Berufsschule zu gehen.

Altersgrenze für Berufsschule aufgehoben

„Es gibt das Gesetz, dass Menschen, die älter sind als 25 Jahre, nicht auf die Berufsschule gehen dürfen“, sagt Richard Arnold und fügt an: „Das ist mir egal.“ Der Gmünder Weg gehe über dieses Gesetz hinweg.

Integration funktioniert in Schwäbisch Gmünd noch über eine dritte Schiene. Gemeinsam werde überlegt, welche Interessen die Flüchtlinge haben und bei welchen Vereinen sie mitmachen können. „Der Nigerianer, der bei meinen Eltern wohnt, singt als Bariton im Liederkranz“, erzählt Richard Arnold. „Das tut dem Chor gut.“

Ein Mann aus Eritrea spiele ein Instrument und interessiere sich für den örtlichen Musikverein. Drei weitere Flüchtlinge werden sich wohl bald bei der freiwilligen Feuerwehr engagieren.

Asylbewerber im Kirchengemeinderat

Und von einem jungen Mann erzählt Richard Arnold besonders begeistert. Der Asylbewerber spiele schon lange bei einem örtlichen Fußballverein. „Bei den vergangenen Wahlen ist er in den Kirchengemeinderat gewählt worden“, sagt der Oberbürgermeister.

Fraglich bleibt, ob der Gmünder Weg auf andere Städte und Gemeinden übertragbar ist. Richard Arnold gibt selbst zu, dass die Situation in seiner Stadt überschaubar ist. Auf 60.000 Einwohner kommen 800 Flüchtlinge. „Bei 5000 Asylbewerbern oder noch mehr würde auch dieses System zusammenbrechen“, sagt er.

Die Strukturen im ländlichen Raum in Baden-Württemberg sind ebenfalls nicht mit dem restlichen Deutschland vergleichbar. In Großstädten sind Vereine nicht mehr so wichtig. Trotzdem fordert der Oberbürgermeister, dass wenigstens der Mut, den er und seine Mitstreiter auf kommunaler Ebene beweisen, auf die große Politik bis auf die europäische Ebene übertragen wird.

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