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12/10/2015 14:11 CEST | Aktualisiert 12/10/2016 11:12 CEST

Darum drücken sich Merkel und Co um klare Aussagen

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René Borbonus arbeitet als Spezialist für Rhetorik und Kommunikation mit Topmanagern und Politikern zusammen. In seinem Buch "Klarheit: Der Schlüssel zur besseren Kommunikation"(Econ, 256 Seiten, 18 Euro) erklärt er, wie man auch als Kollege, Kunde, Partner, Mutter oder Vater Dinge priorisiert, Bedürfnisse präzise formuliert und wirklich wichtigen Botschaften Gehör verschafft. Im Interview verrät er, was Gregor Gysi und Margot Käßmann besonders gut können, warum Angela Merkel vorsichtig sein muss und wie wir selbst mehr Klarheit schaffen.

Wir werden jeden Tag mit Statements von Experten, Promis und Politikern bombardiert. Gibt es einen Klarheits-Code, an dem wir glaubwürdige Menschen erkennen können?

René Borbonus: Glaubwürdigkeit drückt sich unterschiedlich aus. Charisma sagt zum Beispiel noch nichts darüber aus, ob jemand glaubwürdig ist. Doch genau darauf reagieren wir spontan am stärksten. Klarheit gibt es oft erst auf den zweiten Blick. Wir müssen auf die Inhalte und die Argumentationsweise schauen, wenn wir jemanden wirklich einschätzen wollen. Und da gibt es durchaus Anhaltspunkte: Echte Experten beschränken sich zum Beispiel nicht auf die reine Meinungsäußerung, sondern beziehen Fakten in ihre Aussagen ein. Sie können diese Fakten auch in einen Kontext stellen. Dank ihrer Erfahrung sind sie in der Lage differenziert zu argumentieren. Schwarz-weiß-Malerei sollte uns immer skeptisch machen. Menschen, die wirklich etwas beizutragen haben, beschränken sich beim Argumentieren auch nicht darauf, auf anderslautende Meinungen einzuprügeln. Sie argumentieren konstruktiv, nicht destruktiv.

Von Medienpersönlichkeiten erwarten wir klare Kommunikation. Wer macht das aus Ihrer Sicht besonders gut?

Borbonus: Ungeachtet aller politischen Zugehörigkeiten ist Gregor Gysi einer, der immer wieder für eine klare Äußerung gut ist. Auch beim Thema Flüchtlinge ragt er mit seinen verständlichen und treffenden Analogien positiv heraus. Margot Käßmann sticht dadurch hervor, dass ihre Worte und ihr Verhalten zusammenpassen. Sie ist konsistent. Leider werden in puncto Klarheit längst nicht alle Medienpersönlichkeiten ihrer Vorbildrolle gerecht. Gerade jene, die sich als Klartexter vermarkten, sind oft das Gegenteil. Bei Politikern und Promis zeigt sich oft sehr deutlich, was auch in den sozialen Netzwerken zunehmend zum Problem wird: Der Meinungs- und Beteiligungsdruck, dem wir heute ausgesetzt sind, stiftet oft eher Verwirrung als Klarheit. Es hat eben nicht jeder zu jedem Thema substanziell etwas beizutragen, nur weil er auf einem anderen Gebiet ein gefragter Meinungsträger ist. Viele haben das Gefühl, sich dennoch äußern zu müssen. Öfter mal nein sagen - das würde schon helfen.

Politiker drücken sich gern um klare Ansagen. Woran liegt das?

Borbonus: Ich glaube, dass sie oft kaum noch eine andere Wahl haben. Nehmen Sie nur das Kanzlerduell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück 2013. Da ließ die Kanzlerin sich in einem einzigen Punkt festlegen: Mit ihr werde es keine Autobahnmaut geben, sagte sie. Zwei Jahre später war die Maut da, und das Zitat flog der Kanzlerin um die Ohren. Welchen Schluss kann sie daraus ziehen? Beim nächsten Mal möglichst in gar keinem Punkt mehr festlegen. Dass Politiker sich oft nicht zu klaren Aussagen hinreißen lassen, hat viel damit zu tun, dass die Debattenkultur bei uns ein Stück weit aus dem Ruder gelaufen ist. Ein Talkshow-Moderator, der seine Gäste gezielt in die Inkonsistenz hineinmoderiert, sorgt damit nicht unbedingt für mehr Klarheit. Dass jemand mal begründet seine Meinung ändert, macht diesen Menschen nämlich nicht automatisch unglaubwürdig.

Inwiefern kann Klarheit uns helfen, beruflich und privat mehr zu erreichen?

Borbonus: Klarheit macht Kommunikation effektiv. Wer sich darum bemüht zu verstehen und verstanden zu werden, kann besser zusammenleben und arbeiten. Klare Menschen können andere besser überzeugen und führen. Klare Kommunikation macht Kompetenz erst erkennbar und schließt Wissen auf. Sie schafft Vertrauen. Unsere Kommunikation entscheidet darüber, ob unsere Beziehungen funktionieren. Und die sind maßgeblich für unser Lebensglück. Dafür, dass unser Miteinander in hohem Maße zu unserer geistigen Gesundheit beiträgt, behandeln wir sie viel zu nachlässig.

Woran liegt es, wenn wir nicht verstanden werden? Gibt es typische Fallen, in die wir beim Reden tappen?

Borbonus: Allerdings. Ein häufiges Problem, wenn wir andere zu überzeugen versuchen, ist etwa der "Fluch der vielen Worte". Wir glauben, je mehr Argumente wir auftürmen, desto überzeugender sind wir. Tatsächlich ist es meist umgekehrt: Je mehr wir sagen, desto mehr Widerstände bauen sich auf. Aus zwölf Gründen für eine Gehaltserhöhung pickt sich der Chef für seine Erwiderung garantiert den schwächsten heraus. Auch die Reihenfolge spielt beim Argumentieren eine große Rolle. Wenn mein Zahnarzt ohne Vorwarnung zu mir sagt: "Die beiden Weisheitszähne müssen wir ziehen", dann kann er das hinterher so gut begründen, wie er will. Ich höre ihm gar nicht mehr richtig zu, weil ich mit meinen Widerständen beschäftigt bin.

Warum reden wir in Gesprächen so oft aneinander vorbei? Sagen wir das Falsche, oder sagen wir das Richtige falsch?

Borbonus: Die meisten Missverständnisse in Gesprächen entstehen lange bevor wir formulieren. Angefangen damit, dass wir nicht richtig zuhören. Wir hören nicht zu, um zu verstehen - wir hören zu, um zu antworten. Während der andere noch redet, stellen wir uns schon für unsere Erwiderung auf. Und verpassen vielleicht die guten Argumente, die Schnittmengen, die Lösungsansätze. Kein Wunder, wenn wir dann aneinander vorbeireden. Generell kann man sagen: Unser Denken ist das Problem. Und das noch größere Problem ist, dass wir glauben, was wir denken. Die inneren Bewertungen für die Dauer des Zuhörens zurückzustellen ist eine Grundbedingung, damit Dialoge gelingen.

Ist klar zu kommunizieren eine Kunst der Redebegabten, oder kann das jeder lernen?

Borbonus: Klare Antwort: Das kann jeder lernen. Um im Alltag klarer zu kommunizieren, helfen schon einfache Regeln. Grundsätzlich würde es uns allen guttun, mehr über unsere Kommunikation nachzudenken. Und mehr übers Reden zu reden.

Wie können wir Blender und Lügner anhand ihrer Rhetorik entlarven?

Borbonus: Die sogenannten Bauernfänger kommunizieren bewusst unklar, also verschleiernd. Angst ist der effektivste aller Klarheits-Killer. Wenn jemand mit seinen Aussagen auf Ängste zielt, führt er wahrscheinlich etwas im Schilde. Verschleiernde Argumente bauen oft auf Klischees, Ressentiments und Stereotypen auf. Sprachlich können ein übermäßiger Gebrauch von Konjunktiv, Passiv und relativierenden Formulierungen darauf hindeuten, dass jemand sich bewusst nicht klar ausdrücken möchte. Einzeln sind diese Symptome allerdings mit Vorsicht zu genießen. Oft relativieren wir auch einfach unbewusst, weil wir uns selbst nicht so ganz im Klaren sind. "Vielleicht könnte Ihre Beförderung nächstes Jahr noch einmal in Betracht gezogen werden" - das muss nicht zwingend eine Lüge sein. Auf die Beförderung verlassen sollten Sie sich aber nicht...

Geben Sie uns einen heißen Tipp: Wie können wir sofort klarer kommunizieren?

Borbonus: In der Kommunikation ist weniger oft mehr. Was fürs Argumentieren gilt, gilt auch fürs Erklären und für die meisten anderen Gesprächsanlässe: Wir neigen dazu, viel zu viel zu sagen. Das ist der Klarheit abträglich. Der Philosoph Karl Popper hatte für die Geschwätzigen unter seinen Kollegen einen Spitzen-Tipp parat: "Wer's nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er's klar sagen kann."