Wie sich Millionen Deutsche selbst belügen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FREITAL
Getty Images
Drucken

Wer derzeit etwas gegen „Gutmenschen“ hat, Deutschland vor einem weiteren Zuzug von Asylbewerbern abschotten will und Angela Merkel für die Totengräberin des Abendlandes hält, der hat derzeit keine Probleme, eine politische Heimat zu finden.

Die Rede ist nicht von der NPD. Sondern von der AfD.

Lange Jahre hatten die Nationaldemokraten das Copyright auf Fremdenfeindlichkeit in Deutschland. Keine andere wahrnehmbare politische Partei in Deutschland brachte es fertig, mit einem derart wüsten Ideologiegemisch auf Stimmenfang zu gehen. Doch seit dem Abgang von Bernd Lucke als AfD-Chef ist die NPD nicht mehr allein mit ihren „Ausländer Raus!“-Parolen.

Die Flüchtlingskrise verändert derzeit die Kräfteverteilung in der Parteienlandschaft. Viele konservative Wähler sind unzufrieden mit Angela Merkels Politik und fordern eine „härtere Gangart“ in der Asylfrage. Die Beliebtheitswerte der Kanzlerin bröckeln.

AfD-Wähler sind einfach zu feige, um die NPD zu wählen

Derzeit jedoch profitiert nur die AfD von der neuen Sehnsucht nach einer nationalen Wahlalternative. Schaut man sich die jüngsten Äußerungen vom Spitzenpolitikern beider Parteien an, kommt man nur zu einem Schluss: Entweder, AfD-Wähler haben ein katastrophales Problem, ihren eigenen Hoffnungsträgern genau zuzuhören. Oder sie sind einfach zu feige, um gleich die NPD zu wählen.

Die Aussagen der beiden großen Rechtsparteien unterscheiden sich nur noch in Nuancen.

AfD-Chef Jörg Meuthen ätzte diese Woche gegen Angela Merkels Auftritt bei Anne Will: „Die Kanzlerin ist ganz offensichtlich unbelehrbar. Sie hat sich in ihrer Nebelfahrt verfahren, ist aber dennoch nicht zur Kursänderung bereit.“

Und dann setzte Meuthen zu einem ziemlich verschwurbelten Stück Revolutionsprosa an. „Ein Kapitän der so handelt, muss des Kommandos enthoben werden, denn er gefährdet nicht nur sich, sondern vor allem sein ganzes Schiff. Es ist höchste Zeit, das Ruder herumzureißen!“

Meuthen ruft zum Umsturz auf

Die Kernaussage dieses Statements könnte auch jeder NPD-Wähler unterschreiben: Merkel führt uns ins Verderben, es wird Zeit für eine Meuterei. Meuthen ruft ziemlich unverstellt zum Umsturz auf - in diesem Fall durch eine verfassungsmäßig nicht vorgesehene Amtsenthebung.

Dazu passt auch, dass die AfD in Person von Parteichefin Frauke Petry am Freitag Strafanzeige gegen Angela Merkel wegen Einschleusung von Ausländern gestellt hat. Der Alternative für Deutschland geht es nicht um die Kritik an der Regierungslinie. Vielmehr möchte sie einen vorrevolutionären Zustand herbeireden, in dem die Kanzlerin sich durch Gesetzesbruch am deutschen Volk schuldig macht.

Der gemeine Dorfnazi würde vielleicht keinen Anzeige stellen. Er würde einfach nur „Volksverräter“ brüllen.

Kurioserweise veröffentlichte die NPD in dieser Woche eine Pressemitteilung, die sich gegen das Treiben der AfD vergleichsweise programmatisch ausnahm. Zwar raunt auch die NPD Sachsen von einer „nachhaltigen Verschiebung des Koordinatensystems nach rechts“ durch die hohen Flüchtlingszahlen. Doch von Forderungen nach einem Umsturz liest man dort nichts. Stattdessen wird absätzeweise ein Text aus der FAZ zitiert.

Auch in Sachen Syrien sind sich beide Parteien einig

In der Syrienfrage sind sich beide Parteien weitgehend einig (sie begrüßen das russische Engagement). Ebenso, was die Verurteilung von Gewalt in Flüchtlingsheimen angeht. Es gibt noch gewisse Unterschiede in der Schwerpunktsetzung: Während die NPD gegen TTIP trommelt und damit offenbar nicht nur national, sondern auch ein wenig sozialistisch wirken will, wendet sich die AfD in einer Pressemitteilung an die Bundeswehrsoldaten, die bis 2013 in Kunduz gedient haben.

Früher, als die AfD noch von ihrem Gründer Bernd Lucke angeführt wurde, war es schwierig, die Partei politisch exakt zu verordnen. Einerseits war die Alternative für Deutschland Sammelbecken für frühere CDU-Wähler und Rechtsliberale. Andererseits zog sie Sektierer, Wutbürger und Nostalgiker aus sämtlichen politischen Himmelsrichtungen an.

Die AfD machte sich zunutze, dass es in Deutschland seit Jahren schon ein großes Potenzial von politisch Unzufriedenen gibt – die FDP profitierte davon bei der Bundestagswahl 2009, die Piraten in den Jahren 2011 und 2012. Lange Zeit einte diese Menschen die politische Bekenntnisformel, dass „gerade irgendetwas schief“ laufe in diesem Land.

Früher war die AfD ein Sammelbecken für Sektierer - doch die Zeiten sind vorbei

Schon im Gründungsprogramm stand ein Passus, wonach in der AfD auch „unkonventionelle Meinungen ergebnisoffen“ diskutieren wolle. Das haben viele Menschen mit einem eher randständigen Weltbild als Einladung verstanden. Gleichzeitig blieb die Partei in vielen Punkten vage.

Rechtspopulistisch trat die AfD schon immer auf. Sie spielte mit Ressentiments, versuchte aber gleichzeitig noch, eine bürgerliche Fassade zu wahren. Noch im Jahr 2013 trat die AfD dafür ein, dass Kriegsflüchtlinge in Deutschland Asyl bekommen sollten.

Unter der neuen Vorsitzenden Frauke Petry fällt die Maske nun.

Weniger Unterricht zum Holocaust

Schon im Landtagswahlkampf 2014 zeigte ihr Landesverband, in welche Richtung die Reise geht. Im Wahlprogramm war die Rede von einem faktischen Minarett-Verbot, der radikalen Kürzung von Integrationsprogrammen und einer „Deutschquote“ fürs Radio.

Zudem plädiert die sächsische AfD dafür, im Geschichtsunterricht weniger über den Holocaust als über die „positiven“ Episoden der deutschen Historie zu sprechen. Mehr Völkerschlacht wagen und weniger über Auschwitz diskutieren. Damit hat die sächsische AfD fast zehn Prozent der Stimmen geholt.

Dieses Rezept soll nun offenbar auch auf Bundesebene funktionieren. Und das tut es auch.

Während die AfD zu einer rechten Sammlungsbewegung werden könnte, kommt die NPD über einen Platz in der politischen Nische nicht hinaus. Viele AfD-Mitglieder -und Wähler belügen sich selbst, denn eigentlich wäre die NPD der bessere Ort für sie.

Allerdings: Vielleicht will die NPD ja auch derzeit nicht mehr erreichen. Verfassungsschützer gehen davon aus, dass Nationaldemokraten in den rechten Terror gegen Asylbewerberheime verstrickt sein könnten.

Und dies ist der eigentliche Unterschied zur AfD: Denn dort zündelt man lieber im Geiste. Bisher zumindest.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter
blog@huffingtonpost.de
.

Das passiert, wenn Deutsche endlich mal jemandem ihre wahre Meinung sagen dürfen



Hier geht es zurück zur Startseite