POLITIK
09/10/2015 22:01 CEST | Aktualisiert 10/10/2015 14:15 CEST

Was darf man in Deutschland noch sagen? Autor Mosebach über die "Reichsbeschwichtigungsbehörde"

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Schriftsteller Martin Mosebach

Am Münchner Hauptbahnhof steigen Flüchtlinge aus den Zügen, erschöpft von einer langen und gefährlichen Reise aus ihren umkämpften Heimatländern. Am Bahnsteig wartet eine Masse jubelnder Menschen, sie halten Schilder hoch, mit denen sie die Neuankömmlinge begrüßen. Eine Szene dieses Sommers. Deutschland zeigt sich von einer wunderbaren Seite. Deutschland freut sich über Flüchtlinge.

Wer sich nicht mitfreut, der ist nicht Deutschland. Wer auch nur zarte Bedenken anmeldet ob der Vielzahl der Einreisenden, der steht im Nazi-Verdacht. Das sagt der Schriftsteller Martin Mosebach. Anlass ist ein Text des Autors Botho Strauß im "Spiegel". Strauß möchte demnach ungern in einem Volk leben, das "mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird". Das sei "ein Dokument des Wahns", schreibt etwa "Zeit Online".

Ist es jetzt schon verboten, Fragen zu stellen?

Mosebach verteidigt Strauß nun im "Deutschlandfunk". Er glaubt, es gebe in Deutschland eine Art Gedankenpolizei. Und wer die Ankunft von Flüchtlingen kritisch sieht, der gelte sofort als Rassist. Das sind 4 Thesen Mosebachs über das Verhältnis der Deutschen zu den Asylbewerbern:

1. In Deutschland ist Integration unmöglich

Mosebach sieht die Deutschen als ein Volk, das sich seiner Wurzeln nicht mehr bewusst sei. Sei seien "das eigenschaftslos gewordene Volk" und könnten deshalb auch keine Ausländer integrieren, denn "dann muss man ja auch irgendwo feststellen, wo hinein". Den Menschen vor Ort sei das Verhältnis zu ihrer Vergangenheit verloren gegangen.

2. Nur eine Meinung ist erlaubt

Strauß' Text ist in den Kulturteilen der Zeitungen auf vernichtende Urteile gestoßen. Ihm wird eine Nähe zu rechtsextremem Gedankengut unterstellt. Mosebach allerdings sieht den Autor als kritischen Mahner verschmäht, fast nach der Devise "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!"

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Das passiert, wenn Deutsche endlich mal jemandem ihre wahre Meinung sagen dürfen

Tatsächlich gelte: "Jeder, der nur die bescheidensten Bedenken anzuwenden hat, der spielt nicht mit und ist infolgedessen verdächtig, gefährlich, obszön." Wer etwas problematisch finde und sich dazu äußere, werde "schon als menschenfeindlich und rassistisch gebrandmarkt". Und: "Man glaubt geradezu, es wäre eine Reichsbeschwichtigungsbehörde eingeführt worden." Mosebach glaubt also, in Deutschland herrsche ein Mainstream-Denken, in dem für andere Meinungen kein Platz sei. Die Deutschen hätten sich eine "Einheitsmeinung" verordnet.

3. Helfen ist keine moralische Pflicht

Entsprechend sieht Mosebach in der Bereitschaft vieler Deutscher, den Neuankömmlingen zu helfen, offenbar eine Art Zwang. Dabei betrachtet er Deutschland als ein christliches Land, also eines, in dem das Prinzip der Nächstenliebe gilt.

Aber: "Ein Staat kann keine Nächstenliebe üben. Das geht nicht, denn er hat keinen Nächsten." Die Bürger, die darin leben, haben aber sehr wohl einen Nächsten. Mosebach hält dagegen: "Der Staat hat nicht über die Nächstenliebe seiner Bürger zu befinden."

4. Einwanderer tragen zur kulturellen Verwässerung bei

Wenn eine kritische Meinung zu Asylbewerbern praktisch gesellschaftlich verboten ist - was fällt unter dieses Verbot? Sowohl Strauß als auch Mosebach sprechen von einer Gefahr für die Kultur, die von den Einwanderern ausgehe. Mosebach glaubt, "dass Integration, Assimilation natürlich auch mit einer weiteren Niveau-Senkung in den Schulen verbunden sein muss", das "kann gar nicht anders sein". Damit werde die "Verbindung zur deutschen literarischen Tradition natürlich dann noch gründlicher abreißen".

Gleichwohl seien die Flüchtlinge eine Chance. Syrer etwa hätten "ein unter Umständen sogar höheres kulturelles Potenzial" als die Deutschen, die ja angeblich die Verbindung zu ihren eigenen Wurzeln gekappt hätten. Mosebach sagt, er habe mit diesem Deutschland ein schwieriges Verhältnis "und es fällt mir schwer, mich mit dem Ganzen zu identifizieren".

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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