POLITIK
08/10/2015 19:37 CEST | Aktualisiert 15/10/2015 13:48 CEST

Das ist die gefährlichste Sekte Deutschlands, die viele von uns unterschätzen

dpa

Rund Tausend Männer und Frauen haben sich in den letzten Monaten auf den Weg nach Syrien gemacht, um an der Seite der IS-Terroristen in den Dschihad zu ziehen und ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Einige dieser Salafisten sind bereits zurückgekehrt - teils traumatisiert und geläutert, teils radikalisiert und gewaltbereit. Die Gefahr, die von ihnen ausgeht, ist nur schwer einzuschätzen. Wir wollten wissen: Was verbirgt sich hinter dieser Bewegung, die sich in Deutschland und anderen europäischen Ländern in immer schneller werdendem Tempo ausbreitet?

Das haben wir Rauf Ceylan gefragt, Professor für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück. Und er hat eine ziemlich radikale Antwort: In seinen Augen ist die Gruppierung, die er "Neo-Salafismus" nennt, gleichzusetzen mit einer Sekte - von der eine Bedrohung ausgeht wie von keiner anderen in Deutschland.

Diese 11 Dinge müsst ihr wissen, um die salafistische Bewegung in Deutschland zu verstehen

1. Die Bedrohung in Deutschland ist akut. Der Verfassungsschutz schätzt die Zahl der Anhänger auf 6000 bis 7000 - zum Vergleich: die Anhänger von Scientology kommen laut einem Bericht der Behörde auf eine ähnlich hohe Zahl. Genaue Zahlen zu Islamisten in Deutschland gibt es keine. Ceylan ist sich aber sicher: Es werden mehr und - und damit steigt auch die Gefahr von islamistisch motivierten Attentaten.

Ceylan verweist auf den Mordanschlag am Frankfurter Flughafen 2011. Damals tötete ein albanisch stämmiger Junge zwei amerikanische Soldaten und verletzte zwei weitere schwer. Es war der erste und bisher einzige Anschlag in Deutschland mit Todesopfern, der einen islamistischen Hintergrund hatte. Man müsse damit rechnen, dass so etwas jederzeit wieder passiere, warnt der Forscher. “Die Gefahr ist immer da, dass Menschen aus dieser Gruppierung hier Anschläge verüben", sagte Ceylan der Huffington Post. Der Verfassungsschutz, der gegen Islamisten in Deutschland ermittelt, sieht das ähnlich. Erst kürzlich warnte die Behörde davor, dass Anschläge nicht auszuschließen seien.

2. Deutschland hat die Gefahr verschlafen, warnt der Forscher. In fast jeder großen Stadt gebe es inzwischen ein Ballungsgebiet, in dem sich Prediger der salafistischen Ideologie niedergelassen hätten. “In Berlin-Neukölln ist beispielsweise so ein Zentrum oder in Braunschweig.” Der Staat habe viel zu spät auf die Bewegung reagiert, kritisiert Ceylan. “Jetzt setzt die Regierung nur auf Bekämpfung. Viel wichtiger aber ist Prävention - und die Frage: Wie können wir vorzeitig diesem Prozess entgegenwirken?”

3. Die Bewegung lehnt die Grundsätze des Islam ab. Das ganze Konzept baut auf einem Bruch mit der alten Ideologie der Religion auf. “Mit der islamischen Ideologie haben diese Leute nicht viel zu tun. Mit Tradition und Moschee-Gruppierungen wollen sie nichts zu tun haben”, sagt Ceylan. “Sie lehnen den theologischen Hintergrund ab und setzen stattdessen zum Teil auf gewalttätigen Extremismus.” Er hat der Bewegung daher den Namen "Neo-Salafismus" gegeben. Der Begriff Salafiyya sei eigentlich positiv konnotiert, erklärt er. In seinen Augen bedeutet der Neo-Salafismus einen Rückschritt in der Geschichte des Islam.

4. Es handelt sich um eine Jugendbewegung. Der Neo-Salafismus ist laut Ceylan nach den Terroranschlägen des 11. September entstanden. Nach und nach habe er sich zu der Jugend-Pop-Bewegung entwickelt, der er heute sei. “Die meisten Anhänger sind zwischen 15 und 30 Jahren alt. Anfällig sind junge Männer, die noch nicht im Berufsleben stehen und noch keine Familie gegründet haben”, sagt der Forscher.

5. Längst nicht alle Neo-Salafisten stammen aus einem muslimischen Umfeld. “Es handelt sich um eine multiethnische Bewegung, die es so noch nie gab”, erklärt der Islamexperte. Die meisten Glaubensbewegungen seien sehr stark ethnisch geprägt. “Nur ein Teil der Anhänger des Neo-Salafismus kommt aus muslimischen Familien. Einige seien in überhaupt keinem reigiösen Umfeld aufgewachsen, auch nicht anderen Glaubens.

6. Neo-Salafisten identifizieren sich vor allem über zwei Dinge:

  • Die gemeinsame Mission, einen weltweiten Gottesstaat unter muslimischer Führung zu errichten und so alle anderen Religionen zu vernichten
  • Ihr äußeres Erscheinungsbild, in dem sich alle Anhänger ähneln, bestehend aus Bart und langem Gewand. Auch das orientiert sich zwar an der Tradition, bricht aber gleichzeitig mit ihr. “Sie tragen Nike-Schuhe unter der Djellaba”, sagt Ceylan. Das meint er mit Pop-Kultur-Bewegung.

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Salafisten verteilen am Potsdamer Platz in Berlin Ausgaben des Koran an Passanten; Credit: Getty

7. Innerhalb des Neo-Salafismus gibt es drei Gruppierungen:

  • Die Puristen: “Sie wollen durch vorbildliches Verhalten und Missionieren dafür sorgen, dass sich eine Gesellschaft von unten nach oben ändert”, erklärt der Experte. Sie seien nicht gewalttätig und mischten sich auch politisch nicht in Deutschland ein.
  • Die Politischen: “Das sind die, die sagen: ‘Wir müssen auf die Straße, überall aktiv sein, uns zu aktuellen politischen Themen einbringen’”, sagt Ceylan. Gewalttätig seien aber auch sie meist nicht.
  • Die gewalttätig Orientierten: “Sie glauben, dass man zur Waffe greifen muss und sehen Gewalt als einziges Mittel zum Umsturz”, sagt er. “Die Gefahr, die von diesem Teil der Bewegung ausgeht, ist derzeit nicht einschätzbar.”

8. Der Neo-Salafismus weist mehrere Charakteristika auf, die auch bei Sekten zu finden sind:

  • Ausgeprägtes Sendungsbewusstsein: “Sekten haben ein sehr starkes Sendungsbewusstsein”, sagt der Islamexperte. Sehr ähnlich sei das bei den Neo-Salafisten. Führe man sich vor Augen, dass es über vier Millionen Muslime in Deutschland gebe, sind ein paar Tausend Radikale eigentlich eine ziemlich geringe Zahl, ein Randphänomen. “Allerdings hat diese kleine Gruppierung es in den letzten Jahren geschafft, sich sehr geschickt in das Diskursfeld zum Islam einzubringen und zwar durch ihre starke Präsenz im Internet und in den Medien.”
  • Missionierungsbewusstsein: Auch den starken Wunsch, allen Menschen ihre Weltanschauung aufdrücken zu wollen, haben sie nach Ceylans Ansicht mit Sekten gemeinsam.
  • Völlige Vereinnahmung der Anhänger: “Die Neo-Salafisten sprechen gezielt Menschen an, die in Krisen stecken und versuchen, sie für ihre Mission zu gewinnen. Wenn die Leute rekrutiert sind, nehmen wie bei Sekten die Außenkontakte immer mehr ab und sie sind nur noch mit Gleichgesinnten zusammen”, erklärt der Wissenschaftler. Dadurch entstehe eine gefährliche Gruppendynamik. “Sie ziehen sich gleich an, agieren nur noch in der Gemeinschaft, bis ein Ausstieg immer schwieriger wird.”

9. Doch etwas Entscheidendes ist beim Neo-Salafismus anders als in anderen Sekten: Seine Anhänger haben einen politischen Anspruch. “Das gibt der Bewegung eine ganz andere Dimension. Neo-Salafisten sind an einem gesellschaftlichen Umbruch, an einer Revolution interessiert”, sagt Ceylan.

10. Und genau das macht ihn so gefährlich. “Sie erklären Menschen zu Ketzern, die nicht ihrer Ideologie folgen”, sagt der Experte. Hier habe sich eine vollkommen neue Community entwickelt, die nicht zu überschauen sei und die die meisten Werte des Islam missachte. “Man muss sich nur mal ansehen, wie die IS-Kämpfer die heiligen Städten in Syrien zerstören.”

11. Was es braucht, sind Präventionsmaßnahmen. Eltern würden im Stich gelassen, wenn sie merken, dass ihr Kind anfängt, radikale Ansichten zu vertreten. “Die meisten wollen ihren eigenen Sohn nachvollziehbarerweise nicht bei der Polizei anzeigen”, sagt Ceylan. “Deswegen brauchen wir Anlaufpunkte, eine Art Frühwarnsystem, das gut vernetzt ist mit Schulen, mit Moscheen und muslimischen Vereinen. Und wir brauchen Lehrer, die einschätzen können, wann ein Jugendlicher gefährdet ist, sich mit der neo-salafistischen Ideologie zu identifizieren.”

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