POLITIK
04/10/2015 12:23 CEST | Aktualisiert 04/10/2015 13:35 CEST

"Homosexualität ist die Schmiere, die den Machtapparat Vatikan am Laufen hält"

Im Vatikan spricht ein Priester offen über sein Schwulsein und das Glück, das er mit seinem Lebenspartner empfindet. Und wird wenige Stunden danach ohne Gespräch, geschweige denn ordentliches Gerichtsverfahren rausgeworfen.

Warum reagiert eine Kirche, die Barmherzigkeit und Liebe predigt, hier so gnadenlos? Eine Antwort von David Berger, der selbst vor fünf Jahren kurz nach seinem Outing aus dem Vatikan entlassen wurde.

Wie ein Paukenschlag muss es durch die hohen Gänge und Säle des Vatikan gehallt sein, als bekannt wurde, dass einer der jungen Hoffnungsträger des Führungszentrums der Kirche, der 43 Jahre alte Krzystof Charamsa, in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ öffentlich über etwas redet, über das man im Vatikan zwar auch viel, aber dann nur hinter vorgehaltener Hand spricht.

Schwul im Vatikan? Es gibt nur eine einzige Sache, die du nicht machen darfst

Ich persönlich habe Charamsa als konservativ, papsttreu, bescheiden, aber eben auch hoch intelligent kennen gelernt. Und schwul. Er galt als einer, vom dem man es zwar wusste, aber niemals erwartet hätte, dass er damit das Einzige macht, was man nicht machen darf. Offen darüber sprechen.

Über die Tatsache, dass ein Mann einen anderen Mann liebt und mit ihm Sex hat. Sex, der nicht nur widerlich und eine Qual ist, sondern der Spaß macht und beide Partner bereichert.

Es ist nicht so, dass schwuler Sex kein Thema im Vatikan wäre. Homosexualität ist unter den dort arbeitenden Geistlichen wesentlich weiter verbreitet als in der Gesamtbevölkerung und selbstverständlich auch eines der Lieblingsthemen.

Was auch erst mal für die Betroffenen gar kein Problem ist. Jedenfalls, solange sie darüber nur so laut sprechen, dass man jenseits der Mauern des Vatikan nichts davon mitbekommt, solange sie es weiterhin in Kauf nehmen, dass sie aufgrund dieser Homosexualität teils von homosexuellen Vorgesetzten besonders gefördert, teils von anderen Vorgesetzten, Mitbrüdern oder Untergebenen aber auch erpresst werden.

Homosexualität ist sozusagen die Schmiere, die den Machtapparat Vatikan am Laufen erhält.

Die Macht der katholischen Kirche stützt sich auf die Dämonisierung von Homosexualität

Dieses System kann aber nur funktionieren, wenn schwuler Sex sowohl dämonisiert als auch geheim gehalten wird. Ein Priester, der sich wie Charamsa hinstellt und lächelnden Blicks und ohne schlechtes Gewissen aller Welt von seinem Schwulsein und dem Glück, einen Partner zu haben, erzählt, ist der Supergau für dieses Machtsystem.

„Ich möchte, dass die Kirche und meine Gemeinschaft wissen, wer ich bin: ein homosexueller Priester, glücklich und stolz auf seine eigene Identität“ – das sind Worte, bei denen die altgedienten Vatikanmitarbeiter mehrmals hinhören müssen, damit sie es glauben können, dass sie jemand der Ihren wirklich gesagt hat.

Und weil diese Worte so unglaublich sind, hat der Vatikan auch Hals über Kopf gehandelt. Jene Institution, die zurecht stolz ist auf ein Recht und Rechtsbewusstsein ist, das sie direkt vom Römischen Reich in der Antike geerbt und unter kirchlichem Belang weiter entwickelt hat, verzichtet einfach auf die Rechtswege und setzt den Mitarbeiter fristlos vor die Türe? Er wird – so der Sprecher des Vatikan unmissverständlich - unmittelbar all seiner Ämter beraubt.

Was für jedes geschiedene Ehepaar in dieser Kirche gilt, dass es über Prozesse zu seinem Recht kommen und die Ehe annullieren lassen kann, das gilt für Menschen, die die schlimmste Sünde gegen das Machtsystem der katholischen Kirche begangen haben, offensichtlich nicht mehr.

Purer Zorn, ausgelebte Rache

Wo dauernd Barmherzigkeit und Mitleid gepredigt wird, herrscht hier nur noch der pure Zorn und ausgelebte Rache. Wo der Papst auf Auslandsreisen schon mal ein schwules Männerpaar umarmt, lässt er schwule Männerpaare im Vatikan gnadenlos aus seiner Nähe wegstoßen und schickt sie in die wirtschaftliche Unsicherheit.

Und eine kleine Pointe hat die Geschichte dann am Ende auch noch. Vatikansprecher Lombardi beklagte, mit diesem Schritt solle die dieser Tage stattfindende „Familiensynode“ des Vatikan erpresst werden, sich zur Verabschiedung eines homosexuellenfreundlichen Dokuments zu entschließen.

Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man selbst heimlich gelebte Homosexualität seit Jahrzehnten als Erpressungsmittel einsetzt und nun auf einmal selbst, diesmal durch öffentlich gemachte Homosexualität, unter Druck gerät.

Hätte ich nicht selbst Jahre lang für den Vatikan gearbeitet und mich vor 5 Jahren zu einem sehr ähnlichen Schritt wie Charamsa entschieden, würde ich jetzt darauf tippen, dass diese Erfahrung heilsame Prozesse im Vatikan auslösen wird.

Der Verfasser des Kommentars war selbst 7 Jahre lang Professor der Päpstlichen Thomasakademie im Vatikan. In dieser Eigenschaft hat er auch mit Charamsa zusammen gearbeitet. Er verlor ebenfalls alle Ämter, als er sich 2010 als schwul outete.