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Gebt Angela Merkel den Friedensnobelpreis – sie hat ihn sich verdient

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MERKEL
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Bis vor zwei Monaten gab es keinen einzigen vernünftigen Grund, warum man sich in zwanzig Jahren noch an die Ära Merkel erinnern sollte.

Angela Merkel hatte viele Zukunftsprojekte angestoßen. Sie wollte Klimakanzlerin sein, den demografischen Wandel gestalten, die Finanzmärkte neu definieren. Kein einziges dieser Vorhaben hat Merkel zu Ende geführt.

Die Ausgaben für den Bildungssektor sind erschreckend niedrig, die Energiewende stockt und das produzierende Gewerbe investiert viel zu wenig, um langfristig wettbewerbsfähig bleiben zu können.

Die Kanzlerin war als Politikerin nicht erkennbar. Der einzige rote Faden in ihrer Amtszeit verlief entlang der liegen gebliebenen Reformprojekte.

Die klaren Worte zur Flüchtlingskrise waren eine Wende in ihrer Kanzlerschaft

Doch ihre klaren Worte in der Flüchtlingskrise markieren die tiefste Zäsur in ihrer zehnjährigen Kanzlerschaft. Endlich einmal wagt es Angela Merkel, sich Feinde zu machen.

Zugegeben: Es hat ein wenig Anlauf dazu gebraucht. Wochenlang schwieg sie zum rechten Terror gegen Asylbewerberheime, zögerte, zauderte, zeigte keine Haltung. Dann schickte sie auch noch ihren Regierungssprecher vor, der in der Bundespressekonferenz einige noch vergleichsweise eckige Worte von ihr verlesen musste.

Doch seitdem hat sie Mut gefasst. Endlich einmal ist bei ihr eine politische Linie erkennbar.

Angela Merkel ist willens, eine wichtige und gleichzeitig unpopuläre Entscheidung gegen Widerstände in ihrer eigenen Partei durchzusetzen. Sie riskiert ihr politisches Erbe, weil ihr ein Ziel am Herzen liegt. Im Sinne der Werte unserer Verfassung und der Zukunft dieses Landes.

Merkel kämpft unpopuläre Entscheidung gegen Widerstände durch

Damit steht sie in einer Reihe mit großen Politikern wie Konrad Adenauer (Wiederbewaffnung, Westintegration), Willy Brandt (Ostpolitik), Helmut Schmidt (Nato-Doppelbeschluss) und Helmut Kohl (Wiedervereinigung, europäische Integration).

In dem wohl wichtigsten politischen Thema dieses Jahrzehnts gestaltet sie Gegenwart. Ein Zeichen dafür sind die womöglich bald schon inkrafttretenden Asylgesetze. Gleichzeitig bietet sie dem aufkommenden Rechtspopulismus in Europa die Stirn.

Merkel zeigte den Rechtspopulisten Europas, dass es auch anders geht

Wenn in Zukunft mal darüber geurteilt wird, wie sich das reiche Europa im Jahr 2015 gegenüber den notleidenden Menschen aus den Krisenregionen Afrikas und des Nahen Ostens verhalten hat, wird sich weder die österreichische FPÖ noch die polnische Partei „Recht und Gerechtigkeit“ noch das ungarische Fidesz-Bündnis darauf berufen können, dass die Schließung der Grenzen und der nationalistische Sonderweg die einzig praktikablen Mittel gewesen wären.

Deutschland hat es anders gemacht und ist sich im Sinne des Grundgesetzes treu geblieben. Das ist eine historische Leistung.

Norwegische Experten gehen derzeit davon aus, dass Angela Merkel gute Chancen auf den Friedensnobelpreis hat. Die Entscheidung wird am 9. Oktober verkündet.

Gebt ihr den Friedensnobelpreis

„Sie duckt sich vor konkreten und schwierigen Diskussionen nicht weg. Und wir wissen, dass sie nominiert ist – sie könnte den Preis also bekommen”, sagte der Direktor des Osloer Friedensforschungsinstituts „Prio“, Kristian Berg Harpviken, am Donnerstag.

Man muss kein Fan der Politikerin Angela Merkel sein.

Aber wer im wichtigsten sicherheitspolitischen Thema so viel Haltung bewahrt. Wer den Verlockungen des rechtspopulistischen Zeitgeistes in Europa widersteht und ein derart klares Zeichen für mehr Mitmenschlichkeit setzt.

Kurz: Wer in dieser Zeit den Arsch in der Hose hat, die eigene Karriere aufs Spiel zu setzen und den Hassfratzen die Stirn zu bieten - der hat auch den Friedensnobelpreis verdient.

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