POLITIK
29/09/2015 16:10 CEST

An Harald Martenstein, den Franz Josef Wagner für Manufactum-Kunden

Getty Images

Lieber Harald Martenstein!

Schon seit einiger Zeit weiß ich nicht mehr, wer "Tagesspiegel"-Redakteur Harald Martenstein wirklich ist. Als Leser hat man ja immer ein mehr oder weniger scharfes Bild im Kopf von dem Autor, den man gerade liest. Im besten Fall hört man sogar eine Stimme dazu im Ohr.

Am Anfang sahen Sie in meiner Vorstellung so aus wie mein Gemeinschaftskundelehrer in der neunten Klasse. Und Sie klangen so wie ein liebenswerter Großstadt-Nachbar, den man gerne und zu jeder Tageszeit auf dem Hausflur begegnet.

Doch die Eindrücke in meinem Kopf sind unscharf geworden. Manchmal stelle ich mir vor, wie Sie mit der AfD-Chefin Frauke Petry Tee trinken und über „Flüchtlingsströme“ parlieren. Oder mit Dieter Nuhr an einem neuen Bühnenprogramm arbeiten. Ist mir selbst ein wenig peinlich, aber das wird man wohl ja noch sagen dürfen. Denn Schuld daran sind Ihre bisweilen äußerst fragwürdigen Texte.

Einmal erklärten Sie mit wehleidigem Unterton, dass Sie für einen Rassisten gehalten würden, falls sie bei der Polizei einen Ausländer wegen eines Gewaltdelikts anzeigten. Wenn sie als Deutscher von einem Türken verprügelt werden, kümmere dies niemanden. Wenn Sie aber Jude wären, dann würden alle über die Anfänge des Antisemitismus reden.

In zwei Absätzen haben Sie es damit geschafft, sowohl allgemein ausländerfeindliches als auch speziell antisemitisches Gedankengut zu verbreiten. Weil Sie verschiedene gesellschaftliche Gruppen pauschal verurteilt haben. Die „kriminellen Ausländer“ und die Juden mit ihrem angeblichen „Opfer-Bonus“.

Anfang des Jahres haben Sie die mittlerweile als Lüge entlarvte Geschichte verbreitet, dass britische Banken keine Sparschweine mehr verteilen würden – aus Rücksicht auf ihre muslimischen Kunden. Es war die Hochphase von Pegida. Und erzählen Sie nichts: Natürlich wussten Sie, dass Sie zündeln.

Und nun haben Sie in einem viel beachteten Text darüber geschrieben, welche Art von Willkommenskultur Sie sich in der derzeitigen Situation wünschen. Die Deutschen müssten „selbstbewusst, hart und autoritär“ werden und ihre Werte gegen angebliche Demokratiefeinde verteidigen, die nun nach Deutschland kommen könnten. Flüchtlinge dagegen sollten vergessen, was sie daheim über Richtig und Falsch gelernt haben. Sie müssten sich zu den Werten des Grundgesetzes bekennen.

Erstaunlich viele Menschen nicken bei diesen Sätzen. Drücken auf den Like-Button. Oder teilen diesen Beitrag. Auch in meinem Freundeskreis.

Ich halte Ihren Artikel für ziemlich gefährlich.

Allein schon deshalb, weil Sie mit ihrer Forderung nach einem Bekenntnis alle Migranten unter Generalverdacht stellen.

Das wäre ungefähr so, als ob Sie sich bei ihrer nächsten USA-Einreise in Anwesenheit des Grenzbeamten von der Absicht distanzieren müssten, Juden und Homosexuelle zu erschießen. Und unser historisches Erbe ließe einigen Spielraum für derlei Pauschalverdächtigungen.

Was ich aber noch viel schlimmer dabei finde, ist der Reflex, den eine solche Forderung bedient. Denn er versetzt allein die Migranten in eine Bringschuld. Frei nach dem Motto: Wer nach Deutschland kommt, hat sich gefälligst zu benehmen.

Aus dem Text entnehme ich, dass Sie Angst vor neuen „Parallelgesellschaften“ haben. Wissen Sie, wovor ich Angst habe? Dass Männer und Frauen Ihrer Generation in Sachen Integration noch einmal alles falsch machen. Dass es 62-Jährige heute noch einmal derart verbocken wie zu der Zeit, als sie noch 22 waren. Dass wir in alte Reflexe zurückfallen.

Denn Integration funktioniert nur, wenn sich beide Seiten verantwortlich fühlen: die Einheimischen und die Ankommenden. Das ist eine Lehre aus der jüngeren deutschen Geschichte, Herr Martenstein.

Wir müssen Migranten Chancen eröffnen, durch Arbeit und Bildung in diesem Land heimisch zu werden. Wir sollten in ihnen nicht zuerst Ausländer sehen, sondern Mitmenschen. Und genauso wie ich und Sie und alle anderen, so müssen sich auch diese Menschen an die deutschen Gesetze halten. Es könnte so einfach sein.

Wenn nicht diese ständigen Unterstellungen wären, die aus Einwanderern von Anfang an Bürger zweiter Klasse machen. Daran beteiligen Sie sich gerade aktiv. Sie reduzieren Menschen zu potenziellen Gefährdern. Und manchmal würde es mich schon interessieren, wann Sie eigentlich mal ein Gelöbnis auf die deutsche Verfassung abgelegt haben.

Zumal Sie fortlaufend Panik schüren.

Herr Martenstein, Sie raunen darüber, dass sich Deutschland „im schlimmsten Falle“ den „Zuständen“ in den Herkunftsländern der Flüchtlinge annähern könnte. Glauben Sie etwa daran, dass die „Islamisierung des Abendlandes“ doch noch Realität werden könnte? Und wenn ja: In diesem oder im nächsten Jahr? Was denken Sie?

Sie schreiben wörtlich, dass Asylbewerber vergessen müssten, „was sie zu Hause über Richtig und Falsch gelernt haben“. Gleichzeitig kommen Sie den Migranten großzügig entgegen: „Ihr müsst eure Kultur nicht aufgeben, das nicht.“ Was bitte ist denn sonst „Kultur“, wenn nicht das Wissen um Recht und Unrecht, und um Richtig oder Falsch?

Oder ist für Sie Kultur nur das, was man beim Döner-Stand um die Ecke kaufen kann?

In Deutschland haben wir in den vergangenen Monaten viel über den "Bild"-Kolumnisten Franz Josef Wagner geredet. Dabei weiß mittlerweile fast jeder durchschnittlich intelligente Bundesbürger, dass man Wagners Kolumnen nicht ernst nehmen darf. Sie sind bestenfalls Unterhaltung, aber niemals Information oder Debattenbeitrag.

Über Sie, Herr Martenstein, haben wir dagegen bisher zu wenig geredet. Sie sind in Wahrheit viel gefährlicher, als Franz Josef Wagner es jemals sein könnte. Und das liegt daran, dass viele Hunderttausend Leser Ihre bisweilen an Populismus kaum zu überbietenden Texte auch noch für voll nehmen.

Aber ein Gutes haben Ihre Texte auch: Sie zeigen, dass gedankliche Irrwege nicht nur den „Armen“ und „Dummen“ vorbehalten sind. Wenigstens dafür danke ich Ihnen.

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