POLITIK
28/09/2015 16:33 CEST | Aktualisiert 30/09/2015 09:32 CEST

Ängste, Übergriffe, Vergewaltigungen: So schlimm ist die Situation für Frauen in Flüchtlingsheimen

dpa
Frauen in Flüchtlingsheim

Marija lebt auf zehn Quadratmetern. Die Kabine teilt sie sich mit fünf anderen Frauen. Sechs Betten, ein kleiner Tisch, ein Schrank. Für mehr ist nicht Platz. Ich sitze neben ihr auf ihrem Bett, auf dem all ihre Habseligkeiten verteilt sind. Es ist nicht viel. Sie habe nicht mehr als einen kleinen Koffer mitgebracht, erzählt sie mir.

Sie kam mit ihrem Mann Predrag und ihren Söhnen Velko und Marko vor knapp zwei Monaten von Serbien nach Deutschland. Erste Station: die Traglufthalle in der Berliner Kruppstraße. Eine Notunterkunft für Flüchtlinge. Etwa 300 Flüchtlinge hausen hier auf engstem Raum.

Eigentlich sollte sie hier nur drei Nächte schlafen. Die Flüchtlinge werden hier nur kurzzeitig untergebracht, bevor sie vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) weitervermittelt werden sollen.

Eigentlich. Denn bislang blieb es ihre einzige Station. „Wir haben hier 50 bis 60 Flüchtlinge, die bis zu zwei Monate in der Halle untergebracht werden“, sagt der Heimleiter Mathias Hamann der Huffington Post.

Angst vor fremden Männern

Marija hat jede Nacht panische Angst. Nein, nicht nur Angst, als "Wirtschaftsflüchtling" wieder abgeschoben zu werden – sondern vor den fremden Männern in der Unterkunft. „In der Nacht schlafe ich kaum. Ständig kommen irgendwelche Männer rein und starren mich an.“ Auch deswegen trägt sie nie Nachtwäsche, sondern bleibt immer in ihrer Straßenkleidung. So fühle sie sich sicherer.

Die Situation der 24-Jährigen ist kein Einzelfall. Flüchtlingsfrauen berichten von fehlenden Rückzugsorten, körperlicher Gewalt, rassistischen Beschimpfungen und sexuellen Übergriffen in Unterkünften.

Katastrophale Zustände in Gießen

So auch ein einer Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen, wo es Vergewaltigungen und Zwangsprostitution geben soll. Das behaupten verschiedene Sozialvereine Hessens in einem Schreiben an die Frauenpolitischen Sprecherinnen der Fraktionen im Hessischen Landtag.

"Frauen berichten, dass sie, aber auch Kinder, vergewaltigt wurden oder sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind. So schlafen viele Frauen in ihrer Straßenkleidung. Frauen berichten regelmäßig, dass sie nachts nicht zur Toilette gehen, weil es auf den Wegen dorthin und in den sanitären Einrichtungen zu Überfällen und Vergewaltigungen gekommen ist. Selbst am Tag ist der Gang durch das Camp bereits für viele Frauen eine angstbesetzte Situation", heißt es in dem Papier.

Die Dunkelziffer ist hoch

„Wir haben zahlreiche glaubhafte Berichte über sexualisierte Gewalt und Übergriffe, sowohl von Betroffenen als auch von Beratungseinrichtungen und Hilfsorganisationen“, sagt Barbara Helfrich von der Paritätische Hessen der Huffington Post. Zahlen über sexuelle Übergriffe in Flüchtlingsunterkünften gibt es bislang nicht. Man müsse davon ausgehen, dass die Dunkelziffer sehr hoch sei.

Auch Marija erzählt mir von Vergewaltigungen. „Ich habe Gerüchte gehört, dass es hier schon welche gegeben hat. Aber mehr Details kenne ich nicht. Ich will auch nicht mehr wissen, weil ich dann noch panischer werde.“ Heimleiter Hamann sind die Ängste der Frauen bekannt: „Daher haben wir Security-Personal und Sozialbetreuer in der Nähe, das aufpasst, dass nichts passiert.“

Marija fühlt sich dadurch nicht sicherer. Deshalb stellt sie jeden Abend zwei Stühle vor den Vorhang. Wenn jemand den Raum betritt, würde sie es so zumindest mitbekommen. „Vor wenigen Nächten wurde ich wach. Ich hörte das Kratzen der Stühle auf dem Boden, ein fremder Mann bewegte sie und stand im Raum. Ich hatte panische Angst.“

Männer und Frauen werden getrennt

Und warum passt ihr Ehemann nicht auf? „Er darf nicht bei uns bleiben. Aber er kommt nachts heimlich, um uns zu bewachen“, erklärt Marija. Denn Ehemänner müssen ab 22 Uhr zurück in ihre eigene Kabine. Dann herrscht Nachtruhe. Die Regeln der Unterkunft schreiben vor, dass Männer und Frauen getrennt voneinander schlafen.

Das ergibt einerseits Sinn, weil die Betreiber bei der hohen Fluktuation von Flüchtlingen den Überblick behalten können. Andererseits werden dadurch Familien getrennt werden und die Situation für verheiratete Frauen verschlimmert sich. So wie für Marija.

Bevor ich aufstehe und gehe, greift sie nach meiner Hand und fragt mich: „Wie soll man hier als Frau nur sicher leben?“

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