POLITIK
27/09/2015 18:10 CEST | Aktualisiert 27/09/2015 19:03 CEST

8 Mal Gastfreundschaft, wie sie dir nur in einem syrischen Flüchtlingslager begegnet

Getty

Stell dir vor, ein Ausländer kommt in irgendein deutsches Dorf. Fettige Haare, die Hose voller Staub, das T-Shirt verschwitzt. Typ: Junger Mann mit Smartphone. Das Dorf liegt irgendwo in der sächsischen Provinz, nennen wir es Freidorf oder Heidenkaff. So ein 300-Einwohner-Nest hinterm Autobahnzubringer.

Schon als Kind ging man hier gemeinsam zur Schule; also die, die überhaupt zur Schule gegangen sind. Seitdem blieb man unter sich. Und nun läuft also dieser ungebetene Fremde die staubige Hauptstraße herunter. Sein Deutsch als holprig zu bezeichnen, wäre beschönigend. Doch niemand klappt die Fensterläden zu. Keiner tuschelt hinter den Gardinen. Stattdessen wurde der Fremde am Ende seines Dorfspaziergangs rund 20 Mal zum Tee eingeladen.

Nach seinem Besuch kennt er die Lebensgeschichte von jedem zweiten Dorfbewohner. Er weiß, dass Mandy ihren Bruder vermisst, Ronny gern Maschinenbau studieren würde und Irmtraud schlecht schläft, seitdem ihr Mann im Krieg gefallen ist. Und die Nacht verbringt er natürlich auch in Heidenkaff.

Die Geschichte ist nicht völlig frei erfunden, nur in Deutschland könnte sie wohl nie spielen. Heidenkaff ist in Wahrheit ein syrisches Flüchtlingslager nahe Kobane, etwa 30 Gehminuten vom Zentrum der türkischen Stadt Suruc entfernt. Mandy und Ronny heißen eigentlich Zeinab und Hamed. Und der schmutzige Ausländer bin ich.

Hier sind acht Beispiele, wie man außerhalb Deutschlands mit Ausländern umgeht.

1. Der Sicherheitsmann kümmert sich um eine Genehmigung, anstatt sie zu verhindern

Wer schon einmal versucht hat, in ein deutsches Flüchtlingsheim zu kommen, kennt den grimmigen Blick von Sicherheitskräften in Bomberjacken. In der Container-Siedlung mit dem sperrigen Namen „Lager für die Familien von Märtyrern“ gibt es die auch – nur ohne die Jacke und den Blick.

Statt mit Polizei "droht" mir der Sicherheitsbeauftragte Mahmud bei meiner Ankunft mit der ersten Einladung zum Tee. Eine halbe Stunde später hatte er von der örtlichen Kommunalverwaltung die passende Genehmigung organisiert. Ohne Anmeldung, Wartezeiten, Ausweise und Bürokratie. Es reichte das Versprechen, sich für das Leben der Flüchtlinge zu interessieren.

2. Der Dorfälteste lädt dich zum Rundgang ein

Abu Ziyad ist der Lagerälteste und damit so etwas wie der Bürgermeister des 300-Einwohner-Lagers. „Die Welt hat uns verlassen“, sagt Abu Ziyad und drängt mit Nachdruck darauf, doch seinen Platz auf dem Plastikstuhl einzunehmen. Wie alle hier ist er vor dem Terror des IS geflüchtet.

„Was willst du machen, wenn sie ankündigen, dich zu köpfen und deine Töchter auf dem Sklavenmarkt von Raqqa zu verkaufen“, sagt er und versucht seine Wehmut mit einem Grinsen zu verdecken. „Das ist Ibrahim, seine Tochter ist gestorben... Noch Tee?“ beginnt er den Rundgang über den staubigen Platz, bei dem er mir dutzende Familien vorstellt. „Wenn was ist, wir liegen dort unter dem Baum.“

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(Flüchtlinge schützen sich vor der Hitze unter einem Baum. Copyright: Fabian Köhler)

3. Die Dorfjugend macht Jagd auf Ausländer

Das Containerlager zwischen Altmetallhandel und Brachland würde einen guten Parkplatz hergeben. Aber wer stellt schon sein Auto in diese Hitze? 45 Grad sind es an diesem Tag. Gelacht wird trotzdem. Es dauert ungefähr zehn Sekunden bis die ersten „Ausländer Ausländer“-Rufe durch das Container-Dorf schallen.

Der kleine Hamudi kommt als erster angerannt, greift meine Hand und lässt sie für die nächsten Stunden nicht mehr los. Shila ist etwas schüchterner und begrüßt mich aus der Ferne mit Luftküssen. Die Kennenenlernphase überspringen wir und ein Dutzend Kinder jagd mich, den Ausländer, durchs Camp.

4. Genügend Wasser mitten in der Wüste

Versorgt wird das kleine Lager von der Kommunalverwaltung und dem örtlichen Ableger der Kurdenpartei. In jedem Container gibt es eine Dusche, Strom und fließend Wasser. Schlimmer ist die Situation rund 20 Kilometer entfernt. Mitten im Nirgendwo leben dort 500 Menschen in Zelten der UN-Flüchtlingsorganisation UNRW, oder dem, was Wind und Sonne davon übrig ließen.

Die Szenerie erinnert an eine Mischung aus Mad Max und einem vom Sturm verwüsteten Campingplatz. Die Temperatur klettert bis auf fast 50 Grad. Und dennoch: Anders als in Mannheim oder auf dem Gelände der Berliner Lageso klagt hier niemand über Wassermangel. Wer durstig ist, dreht einen der rund 30 Wasserhähne auf oder greift einfach in den Kühlschrank, der in fast jedem Zelt steht.

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(Alltag im Flüchtlingscamp, Copyright: Fabian Köhler)

5. Hilfsbereitschaft von Menschen, die selbst nichts haben

„Setz dich und trink einen Tee mit uns“, sagt Mustafa. Es ist ungefähr die siebte Einladung an diesem Vormittag. Rund 20 werden es am Ende des Tages sein. Linsenbrei bei den Schwestern Jandar und Zerus. Zigaretten beim 60-jährigen Mohammed. Gekochte Aubergine beim Pärchen Mustafa und Sharan. Dazu ein Dutzend Facebook-Einladungen.

Gastfreundschaft gegenüber völlig Unbekannten ist hier genauso selbstverständlich, wie leider viel zu oft die Skepsis gegenüber dem Fremden in Deutschland.

Aber es bleibt nicht bei freundlichen Gesten: „Wir wollten helfen, das ist doch ganz normal", sagt der End-Fünfziger Ibrahim über den Tag, als der Terror des IS in der Türkei ankam.

Die Explosion, die 33 türkische Aktivisten in den Tod riss, war selbst noch im Flüchtlingslager zu spüren. Einer der Flüchtlinge, der half, war Adnan: „Die Menschen schrien und liefen in Panik umher. Überall lagen Körperteile herum. Ich habe den Leuten dann zugerufen, dass sie wegrennen sollten. Aus Kobane weiß ich, dass die wirklich großen Bomben erst später explodieren.“

6. Geschichten von echten Verlusten

Jeder Bewohner des Containerlagers hat Verwandte im Kampf gegen den IS verloren. Wirklich jeder. Kein einziges Wohnhaus, aus denen die Menschen hierher geflüchtet sind, ist noch bewohnbar. Jeden Tag erreichen Meldungen über neue Märtyrer das Lager. Fünf Geschwister hat der IS der 12-jährige Peruz und ihrer 10-jährigen Schwester Janda genommen.

700 Deutsche sollen an der Seite des Islamischen Staates kämpfen. Auf die Idee, mich deshalb als Terroristen abzustempeln, kommt dennoch niemand. Jandas und Peruz' größte Sorge, als sie mich in ihren Container einladen ist, ob ich noch genügend Sahnebonbons habe. Und ob sie mir etwas vorsingen dürfen.

7. Niemand sagt „Nein zum Asylheim“

Klar gebe es auch mal Konflikte, sagt Ibrahim. „Aber nicht, weil der eine aus Syrien und der andere aus der Türkei stammt, sondern weil der eine einfach ein Arschloch ist“.

Allein in Richtung der 100.000-Einwohner-Stadt Suruc sind Tausende aus Kobane vor dem IS geflohen.

Nach der Seite „Suruc sagt Nein zum Asylheim“ sucht man auf Facebook dennoch vergebens. Im Gegenteil: Viele Flüchtlinge leben nicht in Lagern, sondern in Wohnungen ihrer Surucer Nachbarn. Am Abend meines Besuches läuft am Containerlager ein Menschenmenge "besorgter Bürger" vorbei. Nur anders als in Deutschland skandiert hier niemand gegen Flüchtlinge. Es ist eine Mischung aus Demonstration und Trauermarsch – gemeinsam von Menschen aus Suruc und Flüchtlingen.

8. Hoffnung statt Hass

Wirtschaftliche Verlustängste, fehlende Perspektiven, schlechte Bildung, das Gefühl von „der Politik“ allein gelassen zu werden, all das, womit in Deutschland der Hass auf Fremde gerechtfertigt wird, gibt es an der türkisch-syrischen Grenze tausendmal schlimmer.

Seit Monaten geht keines der Kinder zur Schule, sind die Erwachsenen ohne Arbeit, weiß niemand, ob und wann es irgendwann wieder so etwas wie Heimat geben könnte, ob der Krieg der Türkei gegen die Kurden nicht auch bald hier ankommen wird.

Aber statt fremdenfeindlicher Parolen hängen in den Containern neben Fotos getöteter Verwandter Bekenntnisse zum kurdischen Freiheitskampf. „Bald, ein paar Wochen noch“, lautet die hoffnungsvolle Antwort Abu Ziyads auf die Frage, wann er nach Kobane zurückkehren wird.

Aber man könnte es auch jedem anderen dieser Menschen in den Mund legen, die fast alles verloren haben und dennoch nicht ihre Hoffnung und Gastfreundschaft. Oder wie es die Frau auf dem Foto zu mir sagte: „Wieso alles verloren? Alles was ich brauche sitzt doch hier neben mir.“

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(Copyright: Fabian Köhler)

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