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Ernährungsminister Schmidt und TV-Koch Mälzer fordern "Ernährung" als Schulfach (EXKLUSIV)

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SCHMIDT MLZER
Christian Schmidt (2.v.r.) und Tim Mälzer (M.) | dpa
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Zwei Millionen Kinder in Deutschland sind zu dick. Und es werden jährlich mehr. Allein in den vergangenen zehn Jahren ist der Anteil der übergewichtigen Kinder um rund acht Prozent gestiegen.

Christian Schmidt, der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft (CSU), und Starkoch Tim Mälzer wollen dagegen angehen – gemeinsam. Bei ihrem Wettbewerb "Klasse, Kochen" können Schüler Kochideen einreichen. Die Gewinner-Schule bekommt eine eigene Schulküche, in der sie in Zukunft gemeinsam kochen können - bewusst und gesund.

Im exklusiven Interview mit der Huffington Post diskutieren Schmidt und Mälzer über die Frage, warum unsere Kinder dick werden, was man dagegen tun kann und warum neue Ernährungsweisen die Welt auch nicht besser machen.

Huffington Post: Herr Minister, was essen Sie am liebsten?
Christian Schmidt: Sauerbraten mit breiten Nudeln. Natürlich von meiner Mutter gekocht.

Nicht gerade gesund.
Schmidt: Aber geschmackvoll. Ich frage nicht nach Kalorien, sondern genieße ihn, einfach weil’s schmeckt. Ich denke, auch Genuss gehört zu einem gesunden Lebensstil dazu.

Sie wollen gemeinsam mit Tim Mälzer jungen Menschen gesunde Ernährung beibringen. Hat uns so eine Initiative noch gefehlt?
Schmidt: Ja, dringend. Gesunde Ernährung kommt in Deutschland immer noch zu kurz. Wir müssen gerade bei Kindern und jungen Menschen ansetzen.

Tim Mälzer: Es sterben heutzutage mehr Menschen an Übergewicht als je zuvor. Wir wollen den Kindern aber keine dogmatischen Regeln aufzwängen – sondern erreichen, dass sie wieder eine Verhältnismäßigkeit zum Essen bekommen. Sie sollen den Spaß am Essen behalten, aber sich von sich aus für bessere Ernährung entscheiden.

Schmidt: Es darf nicht oberlehrerhaft sein. Gute Informationen sind der Kern. Und dazu kommt eine große Portion Spaß, sonst erreichen wir die Kinder nicht.

Wie ernährt sich ein junger Mensch heutzutage für gewöhnlich?
Mälzer: Ein Teenager ernährt sich so, wie er versorgt wird. Als 14-Jähriger ist man eben mehr an Mädels interessiert als an gesundem Essen. War bei mir auch so. Ich musste mir mit mein Mittagessen nicht selbst kochen, sondern meine Mutter hat für mich gesorgt.

Entscheidend ist, wie sich die Eltern ernähren?
Schmidt: Natürlich, die Eltern leben und geben einen Ernährungs- und Lebensstil vor.

Mälzer: Junge Menschen achten von sich aus nicht auf Nährstoffgehalt, sondern sie essen nach Lustprinzip. Aber wenn ich aus einer Familie komme, wo lustvoll und lecker gekocht wird, dann ist das Lieblingsessen von Herrn Schmidt auch verdammt gesund. Denn es ist ausgewogen.

Schmidt: Das mit dem Lustprinzip ist wahr. Pizza, Pasta, Pommes Frites und Pfannkuchen sind die absoluten Renner bei jungen Menschen. Das liegt auch am Angebot, sie haben kaum eine andere Wahl. Aber ich bin dagegen, als Reaktion darauf in Schulen nur noch Gemüse und Spinat anzubieten – das wird schiefgehen. Ich will jungen Leuten die Wahl geben und zeigen, dass es jenseits von dieser einseitigen Ernährung auch noch anderes leckeres Essen gibt.

Und warum nicht einfach "Ernährung" als ein festes Schulfach verankern?
Schmidt: Tatsächlich ist genau das mein Ziel: Ernährungsbildung, Verbraucherbildung - in jedem Fall müssen diese Kompetenzen wieder an den Schulen vermittelt werden und zwar intensiver als bisher.

Mälzer: Wir könnten es Verbraucherkunde nennen. Familiäre Konstrukte sind schwächer geworden und es wird mit der nächsten Generation noch schlimmer. Familien essen kaum noch gemeinsam. Deswegen muss die Schule hier einspringen und den Kindern gesunde Ernährung vermitteln.

Auch Transparenz im Lebensmittelmarkt spielt eine entscheidende Rolle für gesunde Ernährung. Warum setzen Sie sich nicht für die Einführung der Lebensmittel-Ampel ein?
Schmidt: Bei extrem zuckerhaltigen Lebensmitteln müssen Kennzeichnungen her. Aber ich bin nicht für die Lebensmittel-Ampel. Ein Herunterbrechen auf solche einfachen Kategorien wie rot, gelb und grün bereitet mit Sorgen. Das ist zu pauschal. Fünf mal grün ist am Ende dann auch nicht mehr gesund.

Kaum jemand ahnt, wie viel Zucker in einer Tiefkühlpizza ist. Wollen Sie den Verbrauchern nicht dabei helfen, sich zu informieren?
Schmidt: Das tue ich! Aber mit validen Informationen, nicht mit einer Ampel. Das ist eine Schein-Transparenz! Es kommt ja auch nicht auf das einzelne Lebensmittel an, sondern darauf, wie sich der Speiseplan insgesamt zusammen setzt und wie der Lebensstil aussieht. In Deutschland tragen die meisten Lebensmittelprodukte bereits Nährwertinformationen. Ab 2016 müssen sie diese – europaweit – verpflichtend haben. So kann jeder sehen, was in dem Produkt drin steckt.

Mälzer: Ich bin da komplett anderer Meinung. Ich wünsche mir eine Ampel – eine einfache Erklärung für die Menschen. Damit sind sie nicht überfordert. Für eine gesunde Ernährung müssen wir uns extrem informieren. Denn es wird viel kaschiert, vor allem bei Fertigprodukten. Nehmen wir als Beispiel Kelloggs: Ein angebliches Fitnessfrühstück, das aber sehr viel Zucker enthält. Ein roter Punkt würde helfen. Das wird den Menschen auch nicht davon abhalten, eine Pizza zu essen, wenn er einfach Bock darauf hat.

mälzer schmidt
Interview im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Minister Christian Schmidt (links) und Koch Tim Mälzer mit Huffington-Post-Redakteurin Sophia Maier

Die Grünen haben 2013 den Veggie-Day gefordert, was zu viel Spott und Häme führte. Haben Sie auch gelacht?
Schmidt: Ich halte eine solche Bevormundung für den falschen Weg. Heute wollen viele Grüne davon auch gar nichts mehr wissen. Wir erreichen mehr über Aufklärung, über Wissen, als über Verbote.

Gut, die Strategie war vielleicht falsch. Aber ist der Grundgedanke nicht berechtigt?
Schmidt: Nein, das ist so oberlehrerhaft. Wir müssen den Menschen erklären: So viel Fleisch und Fisch pro Woche ist gut für dich. Aber keine bestimmten Tage vorgeben. Jeder Mensch sollte für sich selbst im Blick haben, was er isst und sich dann vernünftig entscheiden. Ich will den Teller nicht mit Gesetzen vollpacken.

Mälzer: Ich fand die Idee grundsätzlich gut, auch wenn sie dumm gemacht war. Denn ein Veggie-Day kann darauf aufmerksam machen, dass wir unser gesundes Verhältnis zum Konsum verloren haben. Und unser Ernährungsbewusstsein stärken.

Hinter dem Vorstoß stand aber mehr als oberlehrerhaftes Verhalten. Unsere extreme Fleischproduktion hat krasse Folgen auf die Umwelt und das Klima. Können wir uns das noch leisten?
Schmidt: Fleisch gehört zu einer ausgewogenen Ernährung dazu. Aber wie immer gilt es, das rechte Maß zu wahren. In Deutschland sehen wir einen deutlichen Rückgang im Fleischkonsum. In den 80er-Jahren haben die Menschen durchschnittlich 80 Kilo Fleisch pro Jahr gegessen. Heute sind es 62 Kilo.

Andererseits haben im ersten Halbjahr 2015 die Schlachthöfe in Deutschland so viel Fleisch erzeugt wie noch nie.
Mälzer: Das ist aber ein globales Problem. Wir essen in den Wohlstandsnationen definitiv zu viel Fleisch. Wir haben eine totale Unverhältnismäßigkeit zu dem Produkt, da wir Fleisch immer beiläufig und billig kaufen können. Die industrielle Massentierhaltung geht völlig in die falsche Richtung.

Und was sollten wir als Verbraucher tun?
Mälzer: Der Konsument versteht mehr und mehr seine Aufgabe innerhalb dieses Systems und hat auch das Bedürfnis, verstärkt auf Fleisch verzichten. Aber es ist schwer, sich als Verbraucher bei den vielen Informationen überhaupt noch korrekt zu verhalten. Man darf ja eigentlich nichts mehr essen, wenn man sich richtig verhalten will. Alles ist irgendwie scheiße.

Schmidt: Je billiger Lebensmittel sind, umso mehr wird produziert. Zum Beispiel beim Schweinefleisch, das inzwischen sehr billig ist. Wir müssen statt billig auf preiswertig setzen. Lebensmittel sind einen guten Preis wert. Nicht jeder ist aber bereit, den zu zahlen. Hier muss sich auch etwas in den Köpfen ändern.

Wenn der Konsument umdenkt, lösen wir das Problem?
Mälzer: Es ist einerseits die Verantwortung des Bürgers. Wir müssen uns die Frage stellen: Will ich den Scheiß fressen oder nicht? Und wenn nicht, dann muss ich auch handeln. Aber auch der Staat ist gefordert. Wir brauchen viel strengere Kontrollen und Vorschriften in Betrieben, die wiederum Einfluss auf den Preis hätten. Wo ich herkomme, gibt es für 16.000 Betriebe nur zwei Lebensmittelkontrolleure. Und ich habe schon in vermeintlichen Vorzeigebetrieben Zustände gesehen, die nicht optimal sind.

Schmidt: Wir müssen dafür die Kosten so verteilen, dass das Risiko nicht alleine vom Erzeuger geschultert werden muss. Die müssen immer billiger produzieren oder sind irgendwann gezwungen ins Ausland abzuwandern, wo sich niemand richtig zum Beispiel um Tierwohlfragen kümmert. Das kann nicht in unserem Verbraucherinteresse sein.

Was halten Sie eigentlich von Veganern?
Schmidt: Ich mag sie – genauso wie Vegetarier oder Fleischesser. Ich selbst bin ein Stino – ein stinknormaler Esser. Aber: Niemand ist ein besserer Mensch, weil er auf Fleisch verzichtet.

Steckt dahinter nur ein Trend oder sollten wir die Menschen und ihre Beweggründe ernst nehmen?
Schmidt: Ich bin gegen Ideologisierung von Ernährungstrends. Der neueste soll der Paleo-Trend sein. Es landen nur Nahrungsmittel auf dem Speiseplan, die schon in der Steinzeit verfügbar waren – also Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte, Eier, Obst und Gemüse. Alles, was durch Ackerbau und Viehzucht dazukam, wird gemieden. Damit kann ich nichts anfangen.

Mälzer: Der Paleo-Trend ist Dreck.

Schmidt: Jeder soll das so handhaben, wie er will, aber nicht glauben, dass er damit das Heil der Menschheit erzeugt.

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