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Deutschland sitzt auf einem Pulverfass - und es könnte bald explodieren

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POLIZEI
Wie Deutschland in den Flüchtlingsheimen versagt | dpa
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Am Sonntag zeigte sich mal wieder, dass Deutschland auf einem Pulverfass sitzt. Im Erstaufnahmelager Kassel-Calden, einer Zeltstadt für 1500 Flüchtlinge, eskalierte die Gewalt. Nach einem Streit zwischen zwei Männern an der Essensausgabe gingen Albaner und Pakistanis aufeinander los. Hunderte sollen an der Massenschlägerei beteiligt gewesen sein.

Viele Flüchtlinge flohen wieder - diesmal vor der Gewalt in dem Lager. Sie verbrachten die Nacht auf dem Boden vor dem Haupteingang, bis die Polizei die Lage beruhigt hatte. Bilanz der Ereignisse: 14 Verletzte, drei davon Polizisten.

Enge, religiöse Gegensätze, Frust über die langwierigen Asylverfahren und die Aussicht auf eine baldige Abschiebung: In den deutschen Erstaufnahmelagern ist eine explosive Mischung entstanden. Das Pulverfass könnte bald explodieren, wenn die Bundesregierung und die Kommunen nicht schnell handeln.

Gewalt, sexueller Missbrauch, religiöse Verfolgung

Nachrichten über Gewalt in den Lagern waren in den vergangenen Wochen immer häufiger zu hören: In Heimen für Asylbewerber werden Frauen sexuell belästigt, Christen fühlen sich von muslimischen Mitflüchtlingen drangsaliert, es kommt zu Schlägereien.

Und diese Vorkommnisse sind keine Einzelfälle.

Ende August zum Beispiel kam es in einer Flüchtlingsunterkunft in Suhl in Thüringen zu Ausschreitungen unter den Bewohnern. Die Bilanz: 17 Verletzte, darunter 6 Polizisten. Der Grund für den Krawall war angeblich ein Koran, den einer der Bewohner ins Klo warf.

Getrennte Unterbringung

Die Probleme beschränken sich nicht auf die Unterkünfte selbst. Im September kam es in der sächsischen Stadt Freiberg zu einem Überfall eines Flüchtlings auf einen Supermarkt. Dabei soll der Angreifer eine Kassiererin mit einer Machete bedroht haben. In Leipzig prügelten sich vergangene Woche 200 Syrer und Afghanen auf dem Messegelände.

Die Vorfälle rufen inzwischen Politiker aus der Union auf den Plan. Sie fordern: Christen und Muslime und Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern sollen in den Flüchtlingsheimen getrennt untergebracht werden. In Thüringen wird diese Praxis nach dem Vorfall in Suhl auch schon umgesetzt. Auch Männer und Frauen leben in manchen Unterkünften schon getrennt.

Dass die Politik reagiert ist gut - doch noch tut sie zu wenig. Mit einer gefährlichen Folge: Die Vorfälle sind Wasser auf die Mühlen der Flüchtlingsgegner, die Angst haben, dass mit der wachsenden Zahl der Hilfesuchenden auch die Gewalt in Deutschland zunimmt.

Diese Angst schüren die Berichte auch, weil häufig ein Kontext fehlt: Wo waren die Menschen genau untergebracht? Gab es eine Überbelegung in einem Flüchtlingsheim? Waren die Betreuer ausreichend geschult für den Umgang mit den teils traumatisierten Menschen?

Politik muss reagieren

In vielen Fällen sind sie es wohl nicht. In den vergangenen Monaten sorgten immer wieder Berichte für Aufsehen, die beschrieben, dass Heimpersonal schlecht ausgebildet und unterbezahlt ist. Auch die Überbelegung von Flüchtlingsheimen ist ein Problem.

Natürlich, all das rechtfertigt Gewalt nicht. Aber es kann sie zum Teil erklären. Und das bedeutet auch, dass sich etwas gegen die Gewalt tun lässt und sich solche Vorfälle künftig verhindern lassen.

Erstens müssen die Kommunen und Städte mit Hilfe der Bundesregierung jetzt schnell dafür sorgen, dass genug Wohnraum für die Flüchtlinge bereitsteht. Und dass diejenigen, die psychologische Hilfe benötigen, sie auch bekommen. Es ist die eine Sache, wenn die Kanzlerin medienwirksam die Flüchtlinge willkommen heißt. Es ist aber eine andere Sache, die politischen und finanziellen Voraussetzungen zu schaffen, dass sie ordentlich versorgt werden.

Vor allem junge Männer brauchen Arbeit

Und über noch etwas sollten sich die Politik und die Deutschen keine Illusionen machen: Rund 70 Prozent der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sind zwischen 18 und 30 Jahre alt. Junge Männer - egal welcher Herkunft und welches Glaubens - sind besonders anfällig dafür, Gewalttaten zu begehen. Das passiert vor allem, wenn die jungen Männer nicht beschäftigt sind.

Und an dieser Stelle sollte die Bundesregierung jenseits der besseren Unterbringung schnell ansetzen: Die Flüchtlinge müssen einer geregelten Beschäftigung nachgehen können. Sie müssen etwas zu tun haben. Denn Langeweile fördert dumme Ideen.

All diese Maßnahmen werden nicht alle Probleme lösen können. Aber vielen erwartbaren Problemen vorbeugen - das können sie. Und das wird hoffentlich auch Kanzlerin Angela Merkel zu hören bekommen, wenn sie sich am Dienstag im Kanzleramt mit Vertretern von Flüchtlingsorganisationen und ehrenamtlichen Helfern trifft.

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