POLITIK
24/09/2015 19:49 CEST | Aktualisiert 24/09/2015 22:18 CEST

„Sie behandeln uns wie Tier hier": Undercover in einem Hamburger Flüchtlingsheim

Zehntausende Flüchtlinge werden in Deutschland zurzeit in Notunterkünften untergebracht. Journalisten wird der Einlass in diese Baumärkte, Turnhallen und Zeltlager fast immer verweigert. Der Reporter Fabian Köhler hat deshalb verdeckt recherchiert. In der Erstaufnahme-Einrichtung in der Hamburger Dratelnstraße erlebte er überfüllte Zelte ohne Licht und Heizung; Müllberge und verdreckte Toiletten und und hunderte Flüchtlinge, die sich selbst überlassen werden. Hier ist sein Bericht:

Donnerstag, 8 Uhr


Am S-Bahnhof von Hamburg-Wilhelmsburg treffe ich einen syrischen Bekannten. Anfang des Jahres haben wir uns in Istanbul kennengelernt. Ein paar Monate später bekomme ich die Nachricht von ihm: „Ich bin in Hamburg“ und ob ich Lust hätte, ihn zu besuchen. Habe ich. Gemeinsamen laufen wir den Schotterweg zur Erstaufnahme-Einrichtung Hamburg-Wilhelsmsburg entlang.

flüchtlingsheim

Am Einlass kontrollieren zwei Mitarbeiter des Betreibers „fördern und wohnen“ die Ausweise der Flüchtlinge. Ich bin skeptisch, ob sie mich wirklich hineinlassen. Journalisten ist es so gut wie unmöglich aus Erstaufnahmeeinrichtungen zu berichten. Immer wieder habe ich mich bei Behörden und Betreibern in den letzten Jahren um eine entsprechende Genehmigung bemüht. Nie mit Erfolg.

Doch in der Dratelnstraße funktioniert alles unkompliziert: Der Sicherheitsdienst setzt mich auf eine Besucherliste, gibt mit ein Plastikkärtchen und ich bin drin. Was ich im Lager will, ob ich Journalist bin, will niemand wissen. Die Mitarbeiter scheinen so desinteressiert zu sein, dass ich in einem passenden Moment auch ganz ohne Anmeldung auf das Gelände hätte laufen können.

Donnerstag, 9.30 Uhr

Über 1.500 Flüchtlinge sollen hier auf dem Parkplatz ehemaligen Gartenschau leben. Im Westen trennt ein Bauzaun das Lager vom Autobahn-Zubringer. Im Norden parken die LKW einer Transportspedition. Das Gelände besteht aus zwei Teilen: In der Container-Siedlung leben überwiegend Familien. Daneben stehen ein paar Dutzend Zelte, in etwa die Hälfte der Flüchtlinge lebt hier.

Donnerstag, 12.00 Uhr

„Es ist widerlich, einfach widerlich“, sagt der 26-jährige Syrer Nour, den ich in der Warteschlange vor der Toilette kennenlerne. Mehrere Sanitärcontainer stehen am Rande des Geländes, doch für Männer ist zurzeit nur in einziger geöffnet. Vier Waschbecken, drei Pissoirs, zwei Duschen und zwei WCs für hunderte Menschen. Warum die anderen Container verschlossen sind, weiß niemand.

toiletten

Als ich nach einer halben Stunde an der Reihe bin, fällt mir zu erst der Gestank auf: Es stinkt, wie es eben stinkt, wenn sich viel zu viele Menschen zu wenig Toiletten teilen müssen. Der Boden ist bedeckt mit einem Gemisch aus Matsch, Zeltstoff und Urin. „Alle fünf Stunden“, sagt mir eine ehrenamtliche Helferin später, soll die Toilette gesäubert werden. In der Zeit meines Besuches sehe ich davon nichts.

Donnerstag, 13.00 Uhr

flüchtlinge

Nour hat mich zum Mittagessen eingeladen. Drei Ehrenamtliche verteilen das Essen auf Pappteller. Es gibt ein Stück Fleisch mit einer Scheibe Ananas zu gelber Soße. Das Problem sei nicht. das Essen, sondern, dass es jeden Tag dasselbe gebe: „Wir fühlen uns wie Tier hier, nur essen und schlafen und keiner sagt uns wie es weitergeht“, sagt Nour.

Donnerstag, 16.30 Uhr

flüchtlinge

Syrer und Iraker erzählen mir vor einem Zelt ihre Fluchtgeschichten. Husten unterbricht immer wieder die Erzählung eines älteren jesidischen Flüchtlings. „Zwei Tage habe er gebeten, zum Arzt gefahren zu werden. „Sie haben gesagt ich soll mit seinem Taxi fahren und müsse das auch noch selber bezahlen.“ Ein anderer Flüchtling habe ihm schließlich Medikamente aus der Apotheke besorgt. Neben dem Zelt fallen mir die Müllsäcke auf, die sich wie überall auf dem Gelände um einen überfüllten Mülleimer sammeln. Auch am nächsten Morgen wird sie niemand abgeholt haben.

Donnerstag, 18.00 Uhr

Noch immer interessiert es niemanden, dass ich mich auf dem Gelände aufhalte. Ab und zu laufen zwei Sicherheitsmänner Patrouille. Wenn ich sie sehe, drehe ich mich um und sie laufen an mir vorbei. „Ich kann nichts Negatives über die Sicherheitsmänner sagen.Man sieht sie ja nie.“

Die fehlende Betreuung ist für meiste Bewohner das größte Ärgernis: „Niemand sagt uns etwas, keiner kümmert sich um uns“ ist die Klage, die ich am meisten höre. Als eine Gruppe neuer Bewohner das Lager betritt, wissen auch sie nichts von den kommen Blut- und Röntgenuntersuchung. Die Information, wie lange die Menschen hier bleiben müssen, verbreitet sich bestenfalls gerüchtweise von Flüchtling zu Flüchtling.

Donnerstag, 19.15 Uhr

Einer der Flüchtlinge hat mich in sein Zelt eingeladen. 16 Menschen leben hier: 11 stammen aus Syrien, 5 aus Eritrea. 15 Männer, 1 Frau. Das Zelt ist ausgefüllt mit eng-gestellten Doppelstock-Pritschen. Sonst gibt es dort nichts. Keine Tische und Stühle, keine Steckdosen, keine Heizung, keine Lampe. Die meisten Bewohner verbringen den Großteil des Tages trotzdem in ihren Zelten, dösen vor sich hin, chatten mit ihrer Familie oder warten einfach darauf, dass das Warten ein Ende hat.

Donnerstag, 22.30 Uhr

Die Bewohner eines Zeltes fragen mich, ob ich bei ihnen übernachten will. In einem Zelt sei noch ein Platz auf einer Doppelstockpritsche frei. Dort ist es stockfinster. Und kalt. Jeder der Flüchtlinge hat eine Decke und einen dünnen Schlafsack bekommen. Dass diese nicht ausreichend gegen die Kälte schützen, merke ich selbst. Jeder der Flüchtlinge sich deshalb noch mehrere Pullover angezogen.

„In der Türkei war ich schon einmal in so einem Zeltlager, nur dort gab es Heizung und Steckdosen in den Zelten“, sagt Ahmed aus dem syrischen Hama. Nachts beginnt der Regen auf das Zeltdach zu schlagen, zumindest wasserdicht scheint es zu sein.

Freitag, 7.00 Uhr

Die meisten Bewohner des Lagers schlafen noch. Nur vor den Versorgungscontainern warten schon wieder Dutzende. Eine Schlange aus blauen Müllsäcken endet vor einem Containern mit Waschmaschinen. Zwei Stunden wartet man hier in der Regel, erzählt mir eine junge Frau aus Aleppo.

hamburg

Ein paar Meter weiter versammeln sich Flüchtlinge um eine Bierbank und auf dieser Smartphones um eine Steckdosenleiste. Einer der Flüchtlinge hat sie aus dem Toiletten-Container nach draußen gelegt. Auch Steckdosen gibt es auf dem Gelände kaum.

Freitag 7.30 Uhr

Ein Krankenwagen fährt durch das Tor. Der Vater einer kurdischen Familie ist am Morgen nicht mehr aus dem Bett gekommen. Nun heben ihn Sanitäter von Feldbett auf die Krankentrage. „Wir haben ihnen immer wieder gesagt, dass es zu kalt ist, aber sie haben nichts getan“, erzählt mir einer seiner Zeltnachbarn.

Freitag, 13.00 Uhr

Ich lasse einen irakischen Fotografen meine Kamera ausprobieren. Ein paar Minuten später wird er von einem der Security-Mitarbeiter angehalten. Um ihm Probleme zu ersparen, gebe ich mich schließlich nach knapp 30 Stunden zu erkennen. Zum ersten Mal spüre ich etwas Hektik unter den Security-Mitarbeitern.

Nachdem Verstärkung eingetroffen ist, fordern sich mich auf, die Fotos auf der Kamera zu löschen. Die Begründung ist überraschend ehrlich: „Der Betreiber will verhindern, dass hier Informationen an die Öffentlichkeit gelangen. Das verstehen Sie doch sicher.“ Im Verwaltungscontainer nehmen Mitarbeiter meine Daten auf. Noch etwas Papierkram und ich muss das Gelände verlassen. 1.500 Flüchtlinge müssen bleiben.

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