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Diese pakistanischen Mädchen riskieren ihr Leben, um zur Schule gehen zu können

22/09/2015 10:20 CEST | Aktualisiert 22/09/2015 12:18 CEST

“Sie starren mich an, als wollten sie mich gleich auffressen.“

Die siebzehnjährige Sawera könnte die Erste in ihrer Familie mit einem Grundschulabschluss sein. Doch für dieses Ziel muss sie den täglichen Fußmarsch zu ihrer Schule in einem Slum von Pakistans Hauptstadt Islamabad überstehen. Sie ist eine der wenigen Frauen, die alleine draußen unterwegs sind, und wenn Jungen und Männer sie auf der Straße anstarren, ist sie beunruhigt - aus gutem Grund.

Mit einer schulischen Bildung könnte Sawera ihrem schlecht bezahlten Job als Hausmädchen von drei Familien entfliehen, doch in Pakistan erfordert eine Ausbildung Mut.

sawera

Belästigungen, Gewalt und sexuelle Übergriffe in den Klassenzimmern als auch auf den Schulwegen sind an der Tagesordnung, vor allem für Mädchen. 43 Prozent der pakistanischen Kinder sind in der Schule bereits Opfer von Gewalt geworden. In der Hälfte aller gemeldeten Fälle sind die Täter Lehrer und Schulpersonal.

Aus Angst vor Schlägen, sexuellen Übergriffen, seelischer Misshandlung und Drohungen verzichten viele Mädchen lieber gleich ganz auf ihr Recht auf Bildung.

Sakina ist 15 Jahre alt ist und lebt ebenfalls in den Slums von Islamabad. Sie hätte beinahe aufgegeben. Als sie eines Tages auf ihrem Weg von der Schule nach Hause durch die engen Gassen ging, fuhr ein Junge auf einem Motorrad auf sie zu, hielt ihr mit der Hand den Mund zu und versuchte sie zu vergewaltigen. Er drohte, ihr weh zu tun, falls sie sich wehrte. Seine Freunde sahen zu und lachten.

sakina

Sakina fasst neuen Mut, um wieder zur Schule gehen zu können

"Es fällt mir schwer, darüber zu reden, was mir passiert ist“, sagt Sakina, die studieren und Modedesignerin werden will. Sie entkam ihrem Angreifer und ihre Familie meldete den Vorfall der Polizei, während andere ihre Tochter verstoßen und ihr die Schuld für den Vorfall gegeben hätten. Der Junge, der sie angegriffen hatte, sagte der Polizei, er und Sakina seien ein Paar. Seine Familie schlug sogar vor, die beiden zu verheiraten, doch Sakinas Familie weigerte sich.

Die Polizei habe wenig Verständnis gezeigt, sagt Sakina: "Sie machten alles noch viel schlimmer und ich gehe davon aus, dass mein Ruf für immer zerstört ist. In der Schule wissen alle, was passiert ist. Deshalb bin ich nach ein paar Tagen gar nicht mehr hingegangen.“

Sechzig Prozent der Mädchen in den Slums von Islamabad gehen nicht zur Schule: Sie haben die Ausbildung entweder abgebrochen oder gar nicht erst damit angefangen. Sakina sagt, ihr Leben habe nach dem Angriff "plötzlich stillgestanden“. Doch jetzt fasst sie neuen Mut, um ab Herbst wieder zur Schule gehen zu können.

streets in pakistan

In den engen Straßen lauert Gefahr

Viele Schulen in den Slums liegen in der Nähe von Märkten, was Mädchen auf ihrem Weg durch den dichten Verkehr für Männer zur leichten Beute macht. Nach Angaben von Mitarbeitern des Kinderhilfswerks Plan International sind sich arme Eltern in den Slums der Gefahren bewusst. Doch sie schicken ihre Kinder trotzdem über den Markt, weil dort kostenloses Essen verteilt wird.

Sakina ist nur eines von 337.000 Mädchen, die in der Schule oder auf ihrem täglichen Schulweg Gewalt erfahren – das sind vier Mädchen pro Sekunde. Laut Plan International werden auch Jungen zu Opfern von Gewalt, doch das Risiko sei bei Mädchen höher, da die Gewalt in Ländern wie Pakistan mit den dort vorherrschenden Geschlechterrollen zu tun habe.

Die Überzeugung, dass Frauen "Schande über sich bringen“, wenn sie belästigt werden, kann dazu führen, dass ihre Familie genauso brutal handelt wie der Angreifer draußen. Faridah, die in einer Provinz außerhalb von Islamabad lebt, wurde auf ihrem Schulweg auch schon oft belästigt, doch sie sagt: "Ich behielt es für mich, denn ich wusste, meine Familie würde mir nicht mehr erlauben rauszugehen, wenn sie es herausfände.“

faridah

Faridah musste auf Wunsch ihrer Familie mit 12 Jahren die Schule abbrechen

Sie sollte Recht behalten: Als ihr Großvater von den Belästigungen erfuhr, schlug er sie - mit 12 Jahren musste sie die Schule verlassen. Als sie mit 15 zwangsverheiratet wurde, verweigerte auch ihr Ehemann ihr die Schulbildung: "Er sagte, es sei unsinnig, Mädchen eine Ausbildung zu ermöglichen, weil sowieso nur Männer die Jobs bekämen. Er wurde oft wütend, wenn ich mich ihm widersetzte und zur Schule ging und er begann mich zu schlagen. Die Situation spitzte sich immer weiter zu und schließlich warf er mich raus.“

Faridah will nach wie vor unbedingt zur Schule gehen, doch ihre Familie macht sich Sorgen, dass ihr Ehemann, mit dem sie momentan zerstritten ist, sich scheiden lässt. "Ich sehe das völlig anders als meine Familie“, sagt sie. "Meiner Meinung nach ist es unglaublich wichtig, dass verheiratete Frauen und Mädchen auch zur Schule gehen können. Was ich in der Schule lerne, kann ich bei der Kindererziehung anwenden, und es ermöglicht meiner Familie einen höheren Lebensstandard. Ich finde, dass es durchaus möglich ist, zur Schule zu gehen und gleichzeitig meinem Ehemann und meiner pakistanischen Kultur Respekt zu zollen. Ich werde nicht nachgeben, wenn mein Ehemann wieder ankommt.“

Während immer mehr Mädchen wie Faridah sich gegen ihre Angreifer wehren, sorgt auch die Arbeit von Hilfsorganisationen, einheimischen Seelsorgern und Ehrenamtlichen für eine veränderte Einstellung in Pakistan. Dank einer Mischung aus offenen Diskussionsrunden und Aufklärungsarbeit ist eine Community entstanden, die sich für die Rechte von Mädchen einsetzt.

Lehrer sowie 5.000 Polizisten wurden zum Thema Kinderschutz ausgebildet. Rukhtaj, eine ehemalige Lehrerin, die jetzt für Plan arbeitet, erzählt, dass sie vorher nicht einmal von dem Problem wusste. Sie findet jetzt, dass sie "zu streng“ mit den Kindern war und ist "beschämt“ über ihre Arbeit, doch jetzt ruft sie den Kindern immer wieder drei grundlegende Dinge ins Gedächtnis: "Nein! Lauf weg! Sprich darüber! Sag nein, wenn du das Gefühl hast, dass jemand etwas mit dir machen will, was sich falsch anfühlt. Lauf weg und sprich mit anderen über das, was passiert ist.“

Rukhtaj glaubt, dass Mädchen immer besser verstehen, was Missbrauch bedeutet und dass sie sich auch trauen, solche Vorfälle zu melden. Schulbildung und Lehrer wie sie sind der Schlüssel dazu, "weil sogar unter Lehrern und Schulleitern noch oft die Meinung vorherrscht, dass dieses Problem gar nicht existiert.“

shazna

Shazna geht weiter zur Schule, auch wenn ihre Mitschüler viel jünger sind als sie

Die Organisation leitet auch Projekte, die Frauen bestärken: Plan bietet Gesprächsrunden für Kinder unterschiedlicher Altersstufen an, in denen ein offener Austausch stattfindet. "Offenheit ist wichtig. Uns ist bewusst, dass in vielen Fällen Gewalt, Missbrauch und Belästigungen nicht angezeigt werden, weil das Thema als Tabu gilt und schambehaftet ist“, sagt Rukhtaj. "Es erfüllt mich mit Stolz, wenn ich miterlebe, wie Kinder in den Gesprächsrunden etwas über ihre Rechte erfahren und dass auch ihre Eltern ihre Rechte anerkennen, zum Beispiel hinsichtlich ihrer Schulbildung.“

Auch wenn sie um die Sicherheit ihrer Töchter besorgt sind, erkennen immer mehr pakistanische Eltern den Wert von Schulbildung und sie setzen sich stärker dafür ein, dass ihre Kinder weiter zur Schule gehen. Als ein Junge in ihrer Klasse sich ihren Namen auf den Arm schrieb und ein anderer ein Foto von ihr klaute, war die Familie der dreizehnjährigen Shazna beunruhigt. Sie nahmen Shazna von der Schule, schickten sie aber auf eine andere Schule, anstatt ihre Ausbildung komplett zu beenden.

"Mein Bruder hatte wahrscheinlich Angst, aber ich gehe gern zur Schule und ich will das auch weiterhin tun“, sagt sie entschlossen. Jetzt muss sie mit Acht- und Neunjährigen in die Klasse gehen und wird gehänselt, weil sie älter ist, doch sie ist fest entschlossen, "die verlorene Zeit wieder aufzuholen“.

shazna

Shazna ist fest entschlossen, die "verlorene Zeit“ aufzuholen

Laut der Gesundheitshelferin Saima hängen die Fortschritte in diesem Bereich auch von der Zusammenarbeit mit den Müttern zusammen: "Mütter werden negativ davon beeinflusst, was im Fernsehen gezeigt wird. Deshalb ist es wichtig, mehr Bewusstsein zu schaffen und ihre Sichtweise zu ändern, damit sie ihre Kinder besser beschützen können.“

Der Priester Ejaz, der seit mehr als 18 Jahren in den Slums von Islamabad lebt, sieht der Zukunft optimistisch entgegen. Er leitet eine "Bürgergruppe“, bei der Ehrenamtliche, die über das Thema Kinderschutz informiert wurden, von Tür zu Tür gehen und mit Familien darüber sprechen, wie Missbrauch vermieden und die Gleichberechtigung von Jungen und Mädchen sichergestellt werden kann. "Wir haben Gruppen gebildet, die regelmäßig bei den Leuten nach dem Rechten sehen. Dadurch wissen wir besser über alles Bescheid, was passiert“, sagt er. "Und deshalb können wir bei schlimmen Vorfällen auch schneller eingreifen.“

Er bleibt aber realistisch und weiß, dass es Jahre dauern kann, eine Gesellschaft zu verändern, in der "Jungen von Geburt an mehr Autorität besitzen als Mädchen und in der es praktisch unmöglich ist, sie zurechtzuweisen.“ Doch die Kinder selbst über ihre Rechte zu informieren ist ein wichtiger Schritt. "Jetzt wissen sie mehr darüber, was ihnen zusteht und wie sie sich selbst schützen können. Die Kinder trauen sich deshalb jetzt auch, Probleme anzusprechen.“

Projekte wie das von Ejaz gibt es mittlerweile auch in anderen Gebieten. Er ist zuversichtlich, dass es eine große Wirkung hat, wenn sich immer mehr Menschen für die Sicherheit von Mädchen einsetzen. "Man muss die Leute mit einbeziehen“, so Ejaz. "Unser Erfolg ist ansteckend.“

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Huffington Post UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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