WIRTSCHAFT
20/09/2015 20:59 CEST | Aktualisiert 20/09/2015 22:01 CEST

Bei Nachhilfe geht es nicht um Noten - sondern um ein gutes Image

Thinkstock
Nachhilfeschüler

Diese Zahl überrascht selbst erfahrene Bildungsforscher: Fast jeder zweite Schüler in Deutschland geht zur Nachhilfe - doppelt so viele wie noch im Jahr 2000. Verdummen unsere Schüler? Ist der Unterricht mittlerweile Hochbegabtenstoff? Nein, der Grund ist ein schlichter Trend: Lernen ist Luxus.

Die Zahlen stammen aus einer bislang unveröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, die die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS) eingesehen hat. 47 Prozent aller 17-Jährigen hat demnach schon einmal Nachhilfe in Anspruch genommen. Grundlage ist das sozioökonomische Panel des Forschungsinstitus mit 30.000 Teilnehmern. Die Ergebnisse deuten auf ein Riesengeschäft mit Angst und Gier: Angst vor dem sozialen Abstieg, Gier nach dem besten Sozialprestige - durch Bildung.

Diese sieben Fakten zeigen, warum Nachhilfe in Deutschland Lifestyle ist:

1. Nachhilfe ist Luxus, kein Notnagel

Schüler nehmen Nachhilfe heute vor allem in Anspruch, um ihr Abitur zu optimieren. Galten ein paar schlechtere Noten früher als in Ordnung, sind sie heute ein ungewünschter Makel. Die bürgerliche Mitte protzt heute nicht nur mit Haus und Auto, sondern auch mit dem eigenen Kind. Und das soll bitteschön ein Ass in der Schule sein. Die Mittelschicht "sucht damit den Anschluss zur Oberschicht und grenzt sich ab nach unten", heißt es. Und das schon möglichst früh: Bereits in der Grundschule, wo der Stoff fast für jeden gut zu schaffen ist, gehen fast 6 Prozent zur Nachhilfe.

2. Nachhilfe ist ein Riesengeschäft

Zum Umsatz der Nachhilfeinstitute in Deutschland gibt es nur Schätzungen. Aus diesen lässt sich aber sicher ablesen, dass die Branche im Jahr weit mehr als eine Milliarde Euro umsetzt - Tendenz steigend. Einer der größten Anbieter, der Studienkreis, verdient daran etwa 80 Millionen Euro jährlich. Da Nachhilfe vor allem ein Phänomen der gut verdienenden Mittelschicht ist, ist das kein Wunder: Die Angst vor dem Abstieg lässt man sich etwas kosten.

3. Hinter dem Boom steckt der Run auf die Unis

Undenkbar, wenn der Sohn eines Professors es nicht auf die Uni schafft! Grundschüler müssen aufs Gymnasium und Gymnasiasten müssen auf die Universität - so denken viele Eltern in Akademikerhaushalten. Deshalb sind diese auch Hauptkunden der Nachhilfeanbieter. Eine der Lehren aus der Studie: Je höher die Mütter gebildet sind, desto eher schicken sie ihr Kind in den kostenpflichtigen Zusatzunterricht.

4. Die Unterschicht bleibt zurück

Früher, da war Nachhilfe ein Instrument, um die Fünfer auf dem Zeugnis loszuwerden. Jetzt soll aus einer Drei eine Zwei oder noch besser eine Eins werden. Schüler aus der Mittelschicht nehmen die Hilfe professioneller Institute viel häufiger in Anspruch als solche aus sogenannten bildungsfernen Schichten. Sie stellen gerade einmal jeden zehnten Nachhilfeschüler. Bildungsgutscheine, mit denen sich Nachhilfe ebenfalls in Anspruch nehmen lässt, werden kaum eingesetzt.

5. "Jedermann-Nachhilfe" ist out

Früher waren es oft die Mütter, die nach der Schule noch Vokabeln abfragten oder die Bruchrechenaufgaben kontrollierten. Die Studie weist allerdings darauf hin, dass Mütter heute öfter berufstätig sind - doch deshalb nicht minder engagiert, wenn es darum geht, am schulischen Erfolg des Sprösslings mitzuwirken. Studenten, Klassenkameraden oder der Nachbar kommen dabei allerdings nicht mehr als Helfer in Frage. Dass die registrierten Zahlen von Nachhilfeschülern so stark gestiegen ist, liegt am Erfolg der gewinnorientierten Institute.

6. Eltern vertrauen der Schule nicht mehr

Die Zeiten, als Lehrer Respektspersonen waren, sind vorbei. Heute geben sogenannte Helikopter-Eltern in vielen Schulvertretungen den Ton an. Die Lehrer geraten beim Elternsprechtag in die Defensive. Schließlich müssen sie unpopuläre Modelle durchsetzen: etwa das Turbo-Abitur innerhalb von 12 statt 13 Jahren. Das bedeutet: Schnell lernen ist Trumpf - und wer dabei ein wenig zu langsam ist, wird in seiner Freizeit nachoptimiert.

7. Was die Schüler wollen, ist Nebensache

Mit Nachhilfe sollen auch Schüler zum Studium geschleift werden, die ganz andere Talente haben. Die zählen aber offenbar nicht, wenn für die Eltern nur ein Studienabschluss als wahre Bildung zählt. Schon 2008 stellte eine Studie im Auftrag des Bundesbildungsministeriums fest, dass es Eltern gibt, die "für ihre Kinder Bildungsabschlüsse anstreben, die die Leistungsfähigkeit des Kindes

übersteigen". Das heißt nicht einmal, dass ein Schüler dumm ist - sondern, dass seine Eltern nur einen Weg akzeptieren.

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