POLITIK
18/09/2015 14:30 CEST | Aktualisiert 18/09/2015 17:18 CEST

Experte warnt: "Universitäten sind klassische Rekrutierungsorte für Islamisten"

dpa
Peter Neumanns Erkenntnisse können einen entscheidenden Schritt im Kampf gegen den Terrorismus bedeuten

Der "Islamische Staat" zieht junge Menschen in den Bann seines Glaubenskriegs. Den meisten Menschen in Europa ist diese Strahlkraft unerklärlich. Auf viele junge Europäer üben die Versprechungen allerdings einen gefährlichen Reiz aus. Das Team rund um den Politikwissenschaftler Peter Neumann erforscht in London ihre Biographien mit Hilfe von Social Media.

"Uns ist aufgefallen, dass Briten, die nach Syrien gehen, weiter bei Facebook, Twitter und Instagram aktiv sind", sagte Neumann im Interview mit dem "Zeit Campus Magazin“ Westliche Islamisten gebe es schon lange. "Aber jetzt kann man sie im Netz verfolgen, auf allen Kanälen, in Echtzeit.“

So funktioniert die unkonventionelle Forschungsmethode: Die Wissenschaftler speichern alle Informationen ab, die diese „europäischen Islamisten“ freiwillig über sich preisgeben und schließen daraus auf deren Netze und Lebensläufe. So kann das Team auch unbekannte Extremisten entdecken.

Die scheinbare Leichtsinnigkeit dieser Social Media Aktivität kann der Politikwissenschaftler gut erklären. Die meisten europäischen Islamisten hätten demnach nicht vor jemals wieder nach Europa zurückzukehren, da sie sich als „Bürger des Islamischen Staats “ sähen.

Vor allem aber nutzt Facebook den Terrororganisationen. Neumann ist der Meinung, dass gerade diese authentisch wirkenden Berichte aus Syrien der Terrormiliz sogar ganz besonders in die Karten spielen und noch viel effektiver als alle professionell gedrehten Propagandavideos sind. "Wer darüber nachdenkt, nach Syrien zu gehen, den überzeugt ein verwackeltes Handyvideo eines europäischen Kämpfers tausendmal mehr. Das gibt ihm das Gefühl: ‚Da ist einer im IS, der so ist wie du und sagt: Es ist cool hier.’“

Die Forscher sind mit einigen ausgewanderten Islamisten vernetzt: „Mit 100 Kämpfern haben wir direkten Kontakt. Wir telefonieren mit ihnen über Skype oder chatten per WhatsApp. Wir haben dafür extra ein "Dschihadi"-Phone", erklärt Neumann. Die Hintergrundeindrücke hat das von ihm geleitete International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence demnach vor allem durch diese privaten Auskünfte.

Die Motivation der Kämpfer für den Kontakt mit den Wissenschaftlern: Sie wollen ihre Botschaft verbreiten und fühlen sich schlicht und einfach geschmeichelt, weil sie in Neumanns Buch vorkommen werden. Der Politikwissenschaftler erzählt, dass sie zwar zu Beginn versuchen würden Geschichten zu erfinden, aber dass sich dies mit zunehmendem Vertrauensverhältnis abbaut.

Seinen Erkenntnissen zu Folge ist der islamistische Terrorismus „eine Jugendkultur“, da sehr viele Kämpfer Anfang oder Mitte zwanzig sind. Das hat zwei Gründe:

1. Rebellion: „Was ist das Verrückteste, was du heute machen kannst? Womit kannst du deine Eltern, deine Lehrer, alle Autoritäten gegen dich aufbringen? Das sind Sinnsucher", sagt Neumann.

2. Unsicherheit und mangelhafte Integration: Besonders die mit dem Übertritt in Universität und Erwachsenenalter verbundene Unsicherheit und Ziellosigkeit wirken als verstärkende Faktoren für die Entscheidung zur Radikalisierung. Laut Neumann bietet der „Islamische Staat“ vielen jungen Leuten genau das wonach sie suchen: „ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt“ und klare, einfache Regeln.

Insbesondere die schwierige Integrationssituation ist ein riesiges Problem: Viele junge Leute mit Migrationshintergrund sind zwar in Deutschland geboren, fühlen sich allerdings durch die Gesellschaft nicht wirklich akzeptiert. Verstärkt wird dies natürlich durch islamfeindliche Bewegungen wie Pegida. Ganz anders beim „Islamischen Staat“: Hier ist jeder ,willkommen’, ganz besonders Muslime.

Trotz dieser düsteren Erkenntnisse besteht laut Neumann Hoffnung, dass der Anreiz für junge Leute in Zukunft abnehmen wird: „Man muss die zehn Prozent Zweifel wecken, die schon in ihnen stecken. Wenn du dich für eine Sache in die Luft sprengen willst, musst du zu 100 Prozent davon überzeugt sein. Sonst wärst du ja verrückt.“

Bisher sinkt die Zahl der deutschen Islamisten jedoch nicht wirklich. Es haben sich bereits mehr als 730 Deutsche dem Dschihad angeschlossen, dabei sind fast alle jünger als 30 Jahre. Dies stellt laut dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) eine leichte Erhöhung der ausgewanderten Islamisten dar.

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