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Schweden testet 6-Stunden-Modell: Warum auch wir eine Revolution auf dem Arbeitsmarkt brauchen

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Es ist fast traurig. Aber es ist die Wahrheit: Viele Deutsche verbringen mehr Zeit mit ihren Kollegen als mit ihren Freunden und ihrer Familie.

Laut einer Studie des Statistischen Bundesamtes ist die Arbeitsbelastung in den letzten zehn Jahren stark gestiegen. Gut 45 Stunden pro Woche arbeiteten volljährige Deutsche im Untersuchungszeitraum von 2012 bis 2013 im Schnitt, fast zwei Stunden mehr als im Vergleichszeitraum 2001/2002.

Schwedische Forscher haben eine geniale Idee

Burnout, Überlastung und Unzufriedenheit sind die Folge. Angestellte, die überarbeitet sind, bringen dem Arbeitgeber wenig. Forderungen nach neuen Arbeitszeitmodellen werden laut. Vorbild könnte hier ein Experiment in Schweden sein.

In Göteborg arbeitet eine Gruppe Angestellter im öffentlichen Sektor statt acht Stunden jetzt nur noch sechs Stunden am Tag. Bei der Testgruppe handelt es sich um Altenpfleger- und Altenplegerinnen. Das Ziel: eine bessere Work-Life-Balance, eine höhere Produktivität und auf längere Sicht geringere Kosten. Und bisher zeigt das Projekt Erfolg.

Wer länger arbeitet, arbeitet nicht automatisch besser

Die Ergebnisse geben Studien recht, die einen Zusammenhang zwischen kürzeren Arbeitszeiten und gesteigerter Produktivität herstellen. Vergangenes Jahr stellte der Ökonom John Pencavel von der Stanford University fest, dass Angestellte nicht unbedingt mehr schaffen, wenn sie mehr Stunden am Tag arbeiten. Seine Studie kam zu dem Schluss: Ab einer bestimmten Anzahl an Arbeitsstunden steigt die Produktivität in immer geringerem Maße an.

Braucht es solche Projekte also nicht auch für Deutschland? Josephine Hofmann vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) glaubt: ja. "Auf dem Papier arbeiten die Deutschen zwar immer weniger. Vor 20, 30 Jahren hatten sie vertraglich festgelegt noch längere Arbeitszeiten als heute. Aber die Anzahl der Überstunden hat in den letzten Jahren stetig zugenommen”, sagte sie der Huffington Post.

Das neue Modell ist nichts für jeden

Das Problem der Entgrenzung von Arbeit und Privatleben sei nicht wegzudiskutieren, sagt Hofmann. Aber Modelle wie ein 6-Stunden-Tag setzten Luxusbedingungen voraus, von denen die meisten Deutschen nur träumen können. “Die Supermarkt-Kassiererin ist überhaupt nicht in der Lage, eine kürzere Arbeitszeit und damit weniger Lohn auch nur in Betracht zu ziehen."

Nach Ansicht der Expertin müssen Unternehmen an anderer Stelle ansetzen. "Das Problem der Entgrenzung und der Überlastung wird nicht dadurch gelöst sein, dass auf dem Papier die Arbeitszeit gekürzt wird.”

Es gibt Alternativen zum 6-Stunden-Tag

Vorschläge zu neuen Arbeitszeitmodellen gibt es auch in Deutschland einige. “Ein interessanter Vorstoß ist beispielsweise die 32-Stunden-Woche für Eltern”, sagt Hofmann. Relevant sei aber auch ein solches Modell nur für Gutverdiener. Außerdem im Gespräch sind Modelle, die es erlauben, Überstunden auch nach Jahresende abzufeiern oder Urlaub flexibel zu nehmen und nicht am Jahresanfang festlegen zu müssen.

Hofmann findet das 6-Stunden-Modell aus Schweden zwar interessant. Für Deutschland ist es allerdings ihrer Ansicht nach so nicht realisierbar. “Gerade weil die Diskussion um Arbeitskosten und Wettbewerbsfähigkeit hier immer drängender wird.”

Weniger arbeiten macht glücklich

Hier ließe sich natürlich anmerken: Auch in Schweden funktioniert die reduzierte Arbeitszeit bisher nur im Kleinen. Das ganze Land wäre von dem Modell wohl auch arbeitsmarkttechnisch überfordert.

Auch wenn Unternehmen und die deutsche Regierung es nicht gerne zugeben: Skandinavien ist noch immer Vorreiter, wenn es um Work-Life-Balance und flexible Arbeitszeiten geht. Nicht nur Schweden hat in den letzten Jahren einiges unternommen, um für Angestellte die Arbeit familienfreundlicher und freizeitkompatibler zu machen. Auch Holland fällt in dieser Hinsicht immer wieder positiv auf. Dort arbeiten beispielsweise die Hälfte aller Bürger in Teilzeit. Das trägt mit dazu bei, dass die Niederländer seit Jahren einen der ersten Plätze in der Liste der glücklichsten Menschen der Welt belegen.

Jetzt geht es auch in Deutschland los

Untätig sind aber auch deutsche Arbeitgeber laut Hofmann nicht. "Es tut sich in Unternehmen derzeit eine Menge, gerade weil viele merken, dass junge Mitarbeiter andere Erwartungen haben. Sehr viele Unternehmen agieren mittlerweile in Richtung flexibler und mobiler Arbeitsorte und –zeiten." Die deutschen Arbeitgeberverbände forderten vor einigen Monaten bereits, den Acht-Stunden-Tag abzuschaffen. Ihr Vorschlag: Statt einer täglichen solle es künftig eine wöchentliche Höchstarbeitszeit geben, fordern sie.

Vonseiten der Regierung ist aber bisher bemerkenswert wenig in Richtung neue Arbeitszeitmodelle passiert. Dass das 6-Stunden-Modell aus Schweden für Deutschland nicht kompatibel ist, mag sein. Dass es aber neue, flexible Arbeitszeitmodelle braucht, steht außer Frage.

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