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Philosoph Peter Sloterdijk rechnet meisterhaft mit Angela Merkel ab: "Betreutes Dahindämmern"

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MERKEL
Kanzlerin Merkel | Getty
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Im November 2015 wird Angela Merkel zehn Jahre lang Bundeskanzlerin sein. Für den Philosophen Peter Sloterdijk ist das ein Anlass, sich zu fragen, was eigentlich von ihrer Kanzlerschaft übrig bleiben wird.

In einem Gastbeitrag für das "Handelsblatt" beschäftigt er sich mit ihrem bemerkenswerten Politik-Stil, der daraus besteht, abzuwarten und zu reagieren, gestaltende Politik und unbequeme Entscheidungen größtenteils zu vermeiden und trotz dieser Zurückhaltung wahnsinnig beliebt beim Volk zu sein.

Das haben doch schon viele vor ihm gemacht, könnte man jetzt meinen. Stimmt auch, Merkel-Kritik ist nicht neu. Und vieles von dem, was Sloterdijk schreibt, ist inhaltlich auch nicht neu. Aber so deutlich und gleichzeitig künstlerisch wertvoll hat es wohl noch niemand gesagt. Eine meisterhafte Abrechnung.

Acht Zeitungsseiten hat der Philosoph auf teils virtuose Art und Weise beschrieben – wir haben die acht besten Aussagen herausgesucht.

  1. Merkel sei mit ihrer Art kein Phänomen, schreibt Sloterdijk, sondern eher ein "phänomenales Nicht-Phänomen". Weil sie das Unscheinbarsein perfektioniert hat.
  2. "Sie handelt nicht, sie reagiert. Sie präveniert nicht, sie fährt erschreckt hoch, wenn die Realität ans Tor klopft. Sie begnügt sich damit, darauf zu warten, bis ein Problem durch medialen Alarm von der öffentlichen Stimmung als so dringend wahrgenommen wird, dass sich ein Eingreifen seitens der Saumagen-essenden Elite nicht länger vermeiden lässt."
  3. Der Philosoph vergleicht die Kanzlerin mit Ex-Kanzler Helmut Kohl. "Auch von ihm, der offiziell als Ziehvater Merkels gilt, hätte zu Beginn seiner Kanzlerkarriere im Jahr 1982 niemand für möglich gehalten, er könne ein Mann werden, der die Geschicke des Landes bis zwei Jahre vor der Jahrtausendwende entscheidend prägen würde. Von Kohl lernen hieß begreifen, wie wichtig es ist, sich vom Gegner unterschätzen zu lassen."
  4. Sloterdijk schreibt, dass Angela Merkel "in psychologischer Sicht eine Container-Persönlichkeit verkörpert. In Hohlraum-Figuren dieses Typs deponieren zahllose Menschen etwas von ihren Hoffnungen, ihren Ärgernissen, ihren Träumen, ihren Niederlagen, ihren Sorgen, ihren Müdigkeiten. Im Container-Politiker ist Platz für jede Projektion. Der natürliche Preis einer solchen Delegation ist Entpolitisierung. Wo Politik war, wird betreutes Dahindämmern."
  5. sloterdijk
    Philosoph Sloterdijk

  6. "Merkwürdig, wie es klingen mag", habe sich die Kanzlerin trotzdem "dank einer unscheinbaren Magie in die Position einer Frau ohne Alternative gezaubert".
  7. "Es dürfte in Deutschland wenige Individuen geben, deren Existenz in solchem Ausmaß von Überinterpretationen umsponnen ist."
  8. Wie schon mancher "hervorgehobene" Politiker vor ihr, habe auch Merkel die Erfahrung gemacht, dass "ein Großteil der Lebensleistung im Ignorieren von Fremdbeurteilungen des eigenen Seins und Tuns" bestehe. "Man muss es wissen: Wer den Herabziehern den kleinen Finger reicht, riskiert, nicht nur die Hand, sondern den ganzen Arm zu verlieren."
  9. Eine Chronik über Merkel sei für den Leser wie eine Kippfigur, in der man "je nach der Art des Hinsehens einmal ein Frauengesicht und einmal einen gekrümmten Alten" erkenne. Bei ihr springe das Bild allerdings "zwischen Figuren der Aufheiterung und des Schreckens" hin und her.

    "Aufheiternd scheint die Bilanz des Jahrzehnts, sofern es für die Deutschen aufs Ganze gesehen erfolgreicher verlief, als zu erwarten war; erschreckend, weil sich durch die Risse im Mantel des Pragmatismus die Geschwüre unbehandelbarer Wirklichkeit deutlich abzeichnen."
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