POLITIK
18/09/2015 19:16 CEST | Aktualisiert 18/09/2015 21:25 CEST

Über Minenfelder nach Kroatien: HuffPost-Reporter umgeht mit Flüchtlingen die gesperrten Grenzen

Kroatien hat die Grenzen dicht gemacht. Nicht mal Kroaten selbst dürfen mehr rein. Ich bin in Serbien. Seit vier Tagen bin ich an den südeuropäischen Grenzen unterwegs. Jetzt will ich zurück nach Deutschland. Das Problem ist: Mein Auto habe ich auf dem Hinweg in Kroatien gelassen. Irgendwie muss ich zurück.

Kroatiens Regierungschef Zoran Milanovic will die Flüchtlinge, die in sein Land drängen, nach Ungarn umleiten. Sein Land schaffe es nicht mehr, sie zu registrieren, sagte er. Allerdings baut die ungarische Regierung nun auch an der Grenze zu Kroatien einen Zaun, um Flüchtlinge abzuhalten. Es ist ein riesiges Chaos.

Niemand weiß, wann es weitergeht

Wie lange der Einreisestopp nach Kroatien anhalten wird, weiß niemand. "Vielleicht einen Tag", sagt ein serbischer Grenzbeamter. "Vielleicht auch fünf bis zehn Tage." Was soll ich tun?

Auch wenn die offiziellen Grenzen dicht sind, sollen mindestens 30 Busse in der Nacht zur Grenze gekommen sein, berichtete das serbische Staatsfernsehen am Freitag. Die Flüchtlinge hätten Kroatien ungehindert über die "grüne Grenze" erreicht.

Der Weg führt über vermintes Gelände

Tausende wollen es noch auf diesem Weg versuchen. Die Alternative wäre die viel längere Route über Rumänien, die Westukraine, die Slowakei und Tschechien. Ich entscheide mich, mit ihnen zu gehen.

In Sid, wo mich zwei französische Journalisten mit ihrem Wagen abgesetzt haben, schließe ich mich einer großen Gruppe von Flüchtlingen an. Über Äcker und Maisfelder versuchen wir, nach Kroatien zu kommen. Angeblich soll es hier noch Landminen geben. Ein mulmiges Gefühl.

Flucht über die Felder

Es ist über 30 Grad heiß. Die Menschen um mich herum sind so schwer beladen, dass ihnen ständig etwas herunterfällt oder ihre Tüten reißen. Viele junge Männer tragen kleine Kinder auf den Armen.

Weil die Grenzen geschlossen sind, gehen Flüchtlinge den inoffiziellen Weg über Felder (Credit: HuffPost/Christoph Asche)

Die kroatischen Behörden wissen, dass viele Flüchtlinge den inoffiziellen Weg ins Land nehmen. Aber sie nehmen das hin. Felder lassen sich schwer kontrollieren, es bräuchte Kilometer breit aufgestellte Polizeistaffeln. Für die Flüchtlinge ist das ein Segen. Und in diesem Fall auch für mich.

Keine falschen Hoffnungen

Außerdem will Kroatien Ausschreitungen zwischen Polizisten und Flüchtlingen vermeiden, wie es sie am Donnerstag noch gegeben hatte, weil die Beamten die Asylsuchenden an der Weiterreise hindern wollten. Menschen wurden verletzt oder ohnmächtig. "Wir werden hier Zeugen einer humanitären Katastrophe", kommentierte ein Politiker vor Ort.

Viele der Menschen, mit denen ich unterwegs bin, fragen mich, ob Kroatien sicher sei und wie es danach weitergeht. Die meisten kommen aus Syrien, sie wissen nichts über Europa. Ich beschränke mich auf geografische Beschreibungen. Nach Kroatien kommt Slowenien, Österreich, Deutschland. Mehr sage ich nicht, ich will ihnen keine falschen Hoffnungen machen.

Weil Staaten sich wehren, müssen Flüchtlinge marschieren

Niemand weiß, wohin ihr Weg sie führt, sie noch führen kann. Besonders in Osteuropa wehren sich die Staaten dagegen, Flüchtlinge überhaupt noch in ihr Land zu lassen, selbst wenn sie nur auf der Durchreise sind. Es sind jene Länder, die auch nichts von Aufnahmequoten halten. Von verbindlichen Regeln, die dafür sorgen sollen, dass nicht wenige Länder fast alle Flüchtlinge aufnehmen und andere fast gar keine. Sondern dass die Menschen fair auf alle EU-Staaten verteilt werden.

Es ist ein hitziges Thema, und wenn dieser Streit vorbei ist, wird nichts mehr in der EU sein, wie es war. Denn er wird wahrscheinlich damit enden, dass zum ersten Mal in der Geschichte der EU eine Reihe von Staaten Maßnahmen gegen den Willen ihrer Regierungen und ihrer Bevölkerungen aufgezwungen werden.

Sechs Kilometer bin ich mit den Flüchtlingen unterwegs, bis wir im kroatischen Ort Tovarnik ankommen. Busse warten schon auf die Flüchtlinge, sie werden sie weiter Richtung Norden bringen, nach Slowenien. Denn die Flüchtlingen sollen und wollen nicht in Kroatien bleiben, sondern weiter, im Zweifel nach Deutschland.

Die Polizei hält mich auf

Polizisten bitten auch mich, in einen der Busse zu steigen. Erst als ich meinen Ausweis zeige, lassen sie mich in den Ort. Ich suche mir ein Lokal, trinke und esse etwas. Zurück nach Deutschland ist es noch ein weiter Weg. Und von meinem Auto bin ich immer noch etwa 100 Kilometer entfernt.

Ich bin nur einen kleinen Schritt weitergekommen, aber er fühlt sich riesig an. Wie muss es sich erst für Flüchtlinge anfühlen, die auf dem Weg von ihrem alten ins neue Leben Hunderte solcher Schritte gehen müssen? Und noch mit ganz anderen Widerständen zu kämpfen haben als geschlossenen Grenzen?

Vor der Grenze sind alle gleich

Ich erinnere mich an eine Szene von unserem gemeinsamen Fußmarsch. "Wo kommst du her?", fragte mich ein Flüchtling.

"Aus Deutschland."

Er schaute mich verwundert an. "Und sie lassen dich nicht über die Grenze?" Er konnte nicht glauben, dass ich in Serbien wie gefangen war. Er hatte sich Europa anders vorgestellt.

Andere Texte von Christoph Asches Reise an die südeuropäischen Grenzen:



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