WIRTSCHAFT
09/09/2015 18:41 CEST | Aktualisiert 19/10/2015 17:23 CEST

„Geht weg, sonst kommt ihr in die Kammer" – schwere Vorwürfe gegen Wachdienst vor European-Homecare-Unterkunft

Für die einen ist es eine Flüchtlingskrise, die das Land vor gewaltige Herausforderungen stellt. Für andere ist die Not vor allem eines: eine Gelddruck-Maschine, ein großes Geschäft.

Anbieter von Flüchtlingsunterkünften erzielen derzeit Traumrenditen, die selbst hochspekulative Anleger nicht erreichen können.

Der Marktführer in Deutschland ist European Homecare (EHC) aus Essen. Das Unternehmen wurde in den vergangenen Monaten zum Teil heftig kritisiert, unter anderem für eine fragwürdige Mitarbeiterauswahl. Im vergangenen Jahr zum Beispiel geriet das Unternehmen in Nordrhein-Westfalen in die Kritik, weil Mitarbeiter der privaten Wachfirma SKI - die im Auftrag von European Homecare tätig war - Flüchtlinge misshandelt haben sollen..

Der neueste Vorwurf: Vor einer von EHC betriebenen Erstaufnahmeeinrichtung in Essen soll ein Wachmann einem Flüchtlingskind gedroht haben, Abstand von einer anderen Personen zu halten – „geht weg, sonst kommt ihr in die Kammer“.

Der Augenzeuge Pascal Hesse berichtet im Gespräch mit der Huffington Post über diesen Vorfall. Schon zuvor hat Hesse, Reporter und und Mitglied des NRW-Landesvorstands im Deutschen Journalisten-Verband, den Vorfall in einem offenen Brief an EHC und die Bezirksregierung Arnsberg öffentlich gemacht.

In dem Brief heißt es:

„Ich musste selber miterleben, wie ein Flüchtlingskind, das auf die Frau des Oberbürgermeisters zuging und mit ihr reden wollte, von einem Mitarbeiter des Sicherheitspersonals schroff angemacht wurde. ‚Geht weg, sonst kommt ihr in die Kammer’, entgegnete der S.E.T-Mitarbeiter dem Kind, das womöglich schwer traumatisiert ist und in einem dunklen engen Lkw geflohen ist.

Werden die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes nicht wenigstens in dieser Hinsicht geschult? Oder sparen sich European Homecare und die Bezirksregierung lieber das Geld dafür?“

Zur Erklärung: SET ist eine Security-Firma aus Düsseldorf, die mit European Homecare in der Unterkunft zusammenarbeitet.

Was sagen die Betroffenen?

„Wäre das wahr, wäre es ein Skandal, weil eklatantes Fehlverhalten, das für die Zukunft unterbunden werden müsste; es ist aber nicht wahr“, dementierte Klaus Kocks, Sprecher von European Homecare, den Vorfall auf Anfrage der HuffPost.

Pascal Hesse hält dagegen: „Herr Kocks hat mich nicht gefragt. Ich habe es gesehen und gehört.“ Das Flüchtlingskind habe erschrocken geschaut.

Die Bezirksregierung Arnsberg, verantwortlich für die Flüchtlingsunterkunft in Essen, ist bei der Wortwahl vorsichtiger.

Nachforschungen hätten bisher keine Ergebnisse ergeben. „Wenn dieser Satz gefallen ist, ist der entsprechende Mitarbeiter natürlich untragbar. Wir prüfen das weiter“, sagte eine Sprecherin. Die Sicherheitskräfte werden von der Bezirksregierung nicht auf ihre soziale Eignung geprüft und erhalten keine Schulungen.

Was sagen andere Augenzeugen? „Auch ein freundliches Gespräch mit Kindern wurde schroff unterbunden“, schreibt die Frau des Oberbürgermeister auf ihrer Facebook-Seite über die Erfahrungen vor der EHC-Einrichtung.

Das ist schwammig. Meint sie damit den Satz "Geht weg, sonst kommt ihr in die Kammer"?

Eigentlich eine einfache Frage: Gab es das Zitat des Wachmanns - ja oder nein? „Ich möchte mich dazu nicht äußern“, sagte sie der Huffington Post am Telefon.

Der Oberbürgermeister Roland Paß (SPD) war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Eine Sprecherin der Stadt Essen erklärte umständlich: "Herr Paß war in seiner Freizeit vor der Einrichtung und nicht in seiner Funktion als Oberbürgermeister. Deshalb wird die Stadt dies weder bestätigen noch dementieren."

"European Homecare ist der Aldi unter den Anbietern"

Vielleicht sind alle so schweigsam, weil die mit der Flüchtlingskrise hilflos überforderten Kommunen auf die billige Hilfe der privaten Dienstleister angewiesen sind und man sich eine Debatte über fragwürdige Zustände gerne ersparen möchte. Dabei gibt es die doch schon längst.

Das Unternehmen European Homecare rühmt sich mit seiner Kosten-Kalkulation: "European Homecare ist der Aldi unter den Anbietern. Das Unternehmen gewinnt Ausschreibungen, die kostenorientiert sind und Anforderungen definieren, deren Einhaltung kontrolliert wird", sagte ein Sprecher dem "Handelsblatt".

Das Geschäft läuft. EHC verzeichnete bereits von 2012 auf 2013 einen Umsatzsprung um 72 Prozent auf rund 16,7 Millionen Euro, der Gewinn legte um deutlich mehr als das Doppelte von 585.000 auf mehr als 1,4 Millionen Euro zu. Aktuelle Zahlen liegen nicht vor. Aber man braucht keine magischen Fähigkeiten, um zu sagen: Sie dürften weiter gestiegen sein. Nach eigenen Angaben versorgt der private Heimbetreiber momentan rund 5000 Asylbewerber in 50 Einrichtungen.

european homecare

European Homecare vergleicht sich mit Aldi

Doch während bei Discounter Aldi die Qualität der Produkte stimmt, gab es bei European Homecare schon in der Vergangenheit ähnliche Fragezeichen wie jetzt beim Vorfall in Essen.

  • In Österreich verlängerte European Homecare 2010 einen Vertrag für ein Flüchtlingsheim nicht, weil sich ein Profitrückgang andeutete.

    Die österreichischen Sozialdemokraten fragten damals, warum die Regierung in sensiblen Bereichen nicht lieber auf Kontinuität setze.

    Österreichische Zeitungen berichteten zudem über einen Hungerstreik von Asylbewerbern in einer EHC-Einrichtung Anfang der Nullerjahre. Die Tagessätze von 12,90 Euro pro Tag und Bewerber hätte nur zwei Rollen Klopapier pro Person und Monat zugelassen. Putzkräfte und Küchengehilfen hätten Aufgaben von Sozialarbeitern übernehmen müssen.

  • Der "Spiegel" berichtete über einen Fall aus dem Jahr 2003, in dem eine Frau aus Kamerun einen Wachmann wegen Vergewaltigung angezeigt habe. Der gab zu „scharf auf die Negerin“ gewesen zu sein und sie in einem Büro eingesperrt zu haben, um Sex mit ihr zu haben.
  • In Heidelberg arbeiteten sogar drei Rechtsextreme als Wachmänner vor einer Flüchtlingsunterkunft. Sie waren bei einer privaten Sicherheitsfirma angestellt, Betreiber der Unterkunft war European Homecare. Mittlerweile sind die drei Rechtsradikalen ihren Job los.
  • Im September 2014 gab es bundesweit Schlagzeilen, weil Wachmänner einer Sicherheitsfirma in einem Heim von European Homecare im nordrhein-westfälischen Burbach Flüchtlinge misshandelt hatten. Sie filmten sich dabei mit Handy-Kameras. Besonders schockierte ein Bild, auf dem ein Wachmann seinen Fuß auf den Hals eines gefesselten Flüchtlings stellt.

Und EHC ist längst nicht das einzige Unternehmen, das in der Kritik steht. Die NDR-Reporterin Alena Jaborine war kürzlich undercover in einer Hamburger Flüchtlingsunterkunft von "Fördern und wohnen" unterwegs. Sie schildert ihre furchtbaren Eindrücke:

"Zwei Toiletten für Hunderte Menschen, für Frauen und Männer. Auf dem Boden schwimmt Urin. Vor den Toiletteneingang eine riesige Mülltonne. Drumherum liegt ein großer Haufen Müll. Fliegen und Wespen. Daneben schläft ein Kind."

Auch das Thema Wachdienst ist - wie bei EHC - ein Problem. Ein syrischer Zahnarzt berichtet: “Sicher, einige sind sehr bemüht, aber sie sind eben nicht ausgebildet für den Umgang mit Flüchtlingen, das sind Security-Leute. Wir aber brauchen ausgebildete Mitarbeiter, die verstehen, was uns in unserer speziellen Situation hilft.”

In der Tat ist der Wachdienst wichtig. Denn an Abenden und am Wochenende sind sie es, die das meiste regeln. Regeln müssen. Weil Fachpersonal fehlt, müssen sie auch schon mal bei der ärztlichen Versorgung von Flüchtlingen einspringen.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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Es ist Zeit, dass wir in Deutschland ein Zeichen setzen. FÜR Weltoffenheit, FÜR Toleranz und FÜR Menschen in Not

(mit Material der dpa)

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