POLITIK
07/09/2015 15:27 CEST | Aktualisiert 07/09/2015 15:53 CEST

Warum die Flüchtlingskatastrophe das "Vietnam" unserer Generation werden könnte

Getty Images

Ein kleiner Junge. Roter Pulli, blaue Hose, Turnschuhe. Er hat nasse Haare und liegt mit dem Gesicht im Sand eines Badestrandes in der Türkei. Hinter ihm sprudelt sanft die Brandung. Die Sonne geht auf.

Wer das Bild zum ersten Mal sieht, will an einen Urlaubsschnappschuss glauben. Oder an einen makabren Scherz. Doch alles ist, wie es scheint. Aylan, so heißt der Junge, hatte keine Chance, als Wasser in das Boot eindrang, das ihn nach Griechenland bringen sollte. Er ist ertrunken im Mittelmeer, genauso wie seine Mutter und sein Bruder.

Einige Stunden lang gab es ernsthaft Streit darüber, ob man dieses Foto zeigen sollte und ob das nicht die Würde der Familie des Jungen verletze. Aber Aylan Kurdi wurde die Würde durch die Veröffentlichung dieses Fotos nicht mehr genommen. Er hat sie bereits verloren, als er wie ein Aussätziger vor den Toren Europas stand und sich niemand um ihn kümmern wollte.

Wir haben uns von unseren eigenen Werten entfernt

Weil die EU-Außengrenze zur Türkei und nach Marokko wie ein gigantisches Sperrwerk ausgebaut ist, mussten die Familie von Aylan auf ein wackeliges Boot steigen, dass sie von der türkischen Ägäis-Küste auf einer der vorgelagerten griechischen Inseln bringen sollte.

Tatsächlich wollen viele Deutsche auch einige Tag nach Erscheinen des Fotos immer noch nicht einsehen, was dieses Bild in Wirklichkeit zeigt: Wir erkennen durch diesen toten Jungen, wie weit wir uns von unseren eigenen Werten entfernt haben.

Denn die traurige Wahrheit ist, dass Aylan Kurdi auch deswegen sterben musste, weil wir jahrelang Parteien gewählt haben, die Europas Abschottungspolitik mitgetragen haben.

Und wenn in diesem Jahr 800.000 Flüchtlinge nach Deutschland kommen, dann zeigt uns das, wie wenig Sinn es hat, die Ohren auf Durchzug zu stellen und das Leid der uns umgebenden Welt ignorieren zu wollen.

Die Bundesrepublik ist einmal als große Idee gestartet. Unser Grundgesetz war 1949 eine der fortschrittlichsten Verfassungen der Welt.

Deutsche Außenpolitik trägt menschenfeindliche Züge

Die deutsche Politik dagegen trägt schon seit Jahren menschenfeindliche Züge. Und das liegt auch an unserer eigenen Arglosigkeit. Während viele von uns noch im Wahlkampf 2013 die Politik auf Äußerlichkeiten reduziert und über Angela Merkels Kanzlerinnenraute oder ihre Deutschlandkette gelacht haben, hat die Bundesregierung Fakten geschaffen.

Sie hat der italienischen Regierung die nötigen Gelder zur Fortführung der Marineoperation „Mare Nostrum“ verweigert, mit der bis Herbst 2014 insgesamt 150.000 Menschenleben gerettet werden konnten.

Sie hat die Sperranlagen an den EU-Außengrenzen mitfinanziert, die allein in diesem Jahr schon gut eine Millionen Menschen auf die Schlepper-Boote getrieben hat.

Sie gab noch vor einem Jahr stolz bekannt, dass Deutschland 20.000 syrische Flüchtlinge aufnehmen wolle. Als ob das nicht a) dem Grundgesetz nach selbstverständlich wäre und b) schon die Erfüllung aller Verpflichtungen bedeuten würde.

Merkels Kurs passt nicht mehr zur gelebten Realität

Zwar hat Angela Merkel in der vergangenen Woche in einer bemerkenswerten Rede vor der Bundespressekonferenz einen Kurswechsel in der Flüchtlingsbetreuung eingeläutet. Das alles betrifft aber nicht das Grenzregime. Eben dort, wo die Dramen entstehen, deren Bilder wir über die sozialen Netzwerke zu sehen bekommen.

Diese Politik, sie passt nicht mehr zur deutschen Realität.

Viele Tausend Menschen helfen derzeit freiwillig den neu angekommenen Flüchtlingen. Sie schleppen Kisten, nehmen Spenden an, kochen Essen, geben Deutschstunden, helfen bei Behördenangelegenheiten.

Vietnam-Moment

In München musste die Polizei per Twitter darum bitten, dass die Bevölkerung ihre Spendenbereitschaft für die am Hauptbahnhof angekommenen Flüchtlinge drosselt. Es sei schon von allem genug da. Das war später sogar dem „Guardian“ eine Schlagzeile wert.

Meist sind es junge Leute wie ich, die sich im Netz verabreden, um zu helfen. Womöglich ist die plötzlich und spontan entstandene Flüchtlingshilfe eine der größten politischen Jugendbewegungen der vergangenen Zeit.

In Amerika gab es auch mal einen entscheidenden Moment in der Geschichte, in dem klar wurde, dass US-Politik und US-Selbstwahrnehmung nicht mehr zusammenpassen. Es war die Zeit des Vietnamkrieges, als viele Millionen amerikanische Jugendliche merken mussten, dass die heile Apfelkuchenwelt, in der sie in den 50er- und frühen 60er-Jahren aufgewachsen waren, nichts mehr mit der Realität des Wehrdienstes und den Toten im Dschungelkrieg zu tun hatte.

Wenn man etwas Positives über die grabesstillen Merkel-Jahre sagen will, dann wohl dies: Sie fühlten sich für viele Deutsche behütet an. Trotz aller vermeintlichen Krisen und der ständigen Angst, die vor allem die älteren Deutschen umtreibt, glaubten die Jüngeren sich bisher doch weitgehend geborgen in diesem Land.

Das könnte sich nun ändern. Denn die Diskussion um die Flüchtlingskatastrophe ist gerade erst in unserem Alltag angekommen. Und sie wird uns noch Jahre beschäftigen.

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