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Unser zweites Sommermärchen - warum wir die Bilder, für die uns die Welt feiert, noch brauchen werden

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WELCOME GERMANY
Die Welt feiert Deutschland | AP
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Deutschland erlebt derzeit ein zweites Sommermärchen. Menschen stehen an den Bahnhöfen des Landes und empfangen Tausende Flüchtlinge. Sie applaudieren den Leidgeplagten, sie bringen ihnen Spenden, sie schaffen ein Klima des Willkommens.

Die Welt würdigt Deutschland dafür - und ist wahrscheinlich ziemlich überrascht.

Die britische BBC postete ein Video der Willkommensszenen auf dem Münchner Hauptbahnhof auf Facebook. Mittlerweile haben es knapp 25 Millionen Menschen weltweit gesehen. Mehrere Hunderttausend haben es geliked und geteilt, Deutschland geht derzeit viral.

"Welcome to Germany" - People applaud and greet migrants with gifts as they arrive in Munich#DesperateJourneysLive updates: http://bbc.in/1LQprLQ

Posted by BBC News on Saturday, September 5, 2015

Die Menschen im Video singen die Europahymne, Beethovens Ode an die Freude. Deutsche, die Hymnen singen, sorgten in der Vergangenheit selten für positive Schlagzeilen im Ausland.

Die "New York Times", die wichtigste Zeitung der USA und vielleicht die einflussreichste Zeitung der Welt, machte ihre Titelseite heute mit den Szenen aus München auf:

Die Zeitung "Washington Post" nennt die Hilfe der Deutschen "inspirierend".

Was zeigen uns diese Reaktionen?

Vielleicht das: Deutschland, und das ist beinahe historisch, wird im Ausland gerade nicht mehr vor allem mit Nazis und unserer unrühmlichen Vergangenheit in Verbindung gebracht. Die Bilder, die derzeit um die Welt gehen, zeigen ein Land der Hilfsbereitschaft, der Großzügigkeit und der Warmherzigkeit. Sie zeigen ein Land, in dem man gerne lebt (und dem Viele gerne leben würden) - sie zeigen ein Land, in dem zu leben man im Moment auch ein bisschen stolz ist.

Die Bilder zeigen auch ein Land, in dem die Politik das Sommermärchen flankiert. Kanzlerin Angela Merkel hat sich explizit dafür ausgesprochen, die Flüchtlinge aufzunehmen. Politik und Bürger - derzeit ziehen sie an einem Strang.

Es sind Bilder, die Geschichte machen

Es ist wohl nicht zu hoch gegriffen, die Szenen aus München, Frankfurt, Hamburg, Saalfeld und den vielen anderen Orten in Deutschland als historisch zu bezeichnen. Sie werden in den Köpfen der Menschen in aller Welt hängen bleiben.

Aber wie das erste Sommermärchen, als bei der Fußball-WM 2006 Bilder der Freunde und der Freundschaft aus Deutschland um die Welt gingen, wird auch dieses Sommermärchen enden.

Es werden noch mehr Flüchtlinge kommen - vielleicht viel mehr. Keiner weiß das derzeit. Und niemand weiß derzeit, ob sich angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen nicht das politische Klima wieder dreht.

Schon jetzt fordert der Generalsekretär der CSU, den "massenhaften Zustrom von Flüchtlingen" zu stoppen. Der bayerische Innenminister spricht im Fernsehen immer noch ungeniert von "Negern". Im Hightech-Land Bayern pflegt die CSU im 21. Jahrhundert eine Wortwahl aus dem 20. Jahrhundert.

Es ist eine Wortwahl, die schon fast an Zeiten erinnert, als von "Asylmissbrauch" und "Asylantenschwemme" gesprochen wurde und - angeheizt von den Scharfmachern in Medien und Politik - regelrechte Pogrome gegen Migranten stattfanden.

Wir werden die positiven Bilder noch brauchen

Die Macht des Positiven und die Flut der Hilfsbereitschaft erlauben diese extreme Wortwahl derzeit nicht. Vielleicht ist die Botschaft, die die Menschen gerade überall in Deutschland senden, auch stark genug, dass eine solche Wortwahl auf lange Zeit unmöglich wird. Hoffen wir es.

Was sicher ist: Wir werden die Bilder, die derzeit um die Welt gehen, auch selbst noch brauchen. Sie werden uns an all das erinnern, was die Momente derzeit so großartig macht. Sie werden uns an die Hilfsbereitschaft, an die Großzügigkeit, an die Warmherzigkeit erinnern.

Denn an die wird sich Deutschland erinnern müssen, wenn der komplizierte Alltag der Integration der Flüchtlinge beginnt. Aber die Bilder machen Mut, dass die Integration und ein Miteinander statt ein Nebeneinander tatsächlich gelingen kann.

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