POLITIK
06/09/2015 09:18 CEST | Aktualisiert 06/09/2015 13:03 CEST

Gabriels Guru - mit diesem Mann will die SPD ins Kanzleramt einziehen

dpa
Dieser Mann ist die Geheimwaffe der SPD im nächsten Bundestagswahlkampf

Am Ende seines Vortrags zeigt der große Amerikaner mit dem Babyface und den rotblonden Haaren ein Bild, das für seinen größten Triumph steht. Barack Obama nimmt am Tag seiner Wiederwahl 2012 seinen Kampagnen-Chef Jim Messina in den Arm. Der Präsident strahlt. Messinas Gesicht ist verdeckt: "Ich weine wie ein vier Jahre alter Junge", erzählt Messina im proppevollen alten Gasometer im Berliner Westen.

Hier sitzt sonst Günther Jauch sonntagabends mit seinen Talkgästen. Beim SPD-"Campaign Camp" hängen dort am Wochenende 800 meist junge Leute an Messinas Lippen. Der 45-Jährige, den die SPD für eine hübsche Summe als Berater engagiert hat, gilt in Washington als PR-Messias. Spitzname "The Fixer" - ein Mann für alle Fälle, gern auch für Attacken unter der Gürtellinie zu haben.

"Keiner hatte erwartet, dass Obama gewinnen würde"

Die 45-Minuten-Show, die der aus Denver in Colorado stammende Ex-Vize-Stabschef im Weißen Haus und gelernte Politikwissenschaftler abzieht, zeigt eindrucksvoll, wie das Obama-Team vor drei Jahren mit einer "Freiwilligenarmee" von 2,2 Millionen Leuten und 150 Millionen Kontakten über soziale Medien und an Haustüren doch noch den Sieg holte. "Keiner hatte erwartet, dass er gewinnen würde", sagt Messina. Mit "er" ist Obama gemeint. Aber die beschriebene Ausgangslage passt auch ganz gut zur SPD und Sigmar Gabriel.

So gut wie niemand in der Partei glaubt derzeit, dass Angela Merkel 2017 zu schlagen ist. Die Umfragen für die SPD liegen betonhart bei etwa 25 Prozent. Viele Genossen, bis in die Führung hinauf, sind nervös bis gefrustet. Nur weil Gabriel in der Flüchtlingsfrage eine gute Figur abgibt, ist das Gemaule über ihn erst einmal verstummt. Wie kommt die SPD aus diesem Loch heraus, Jim Messina?

Der verliert kein Wort zur deutschen Parteienlandschaft. Lieber hämmert er den "Digital Natives" im Saal ein, sie sollten die Meinungsforscher zum Teufel jagen: "Ich hasse Umfragen", sagt Messina. "Die meisten sind falsch." Seine Botschaft: Bombardiert Freunde und Familie im Wahlkampf über Facebook, Twitter, Instagram & Co. mit Nachrichten, erzählt ihnen eine tolle SPD-Geschichte, wie das Land in Zukunft aussehen soll.

Daran haperte es bei den Genossen beim letzten Mal. 2013 passten der Kandidat Peer Steinbrück und das Programm nicht zusammen. Auch machte eine maulige SPD Wahlkampf gegen die gute Stimmung und Top-Wirtschaftslage im Land.

Bayern ist nicht Virginia

Kann man überhaupt Obamas brillante Internet-Kampagne, die sich auf entscheidende, wankelmütige "Swingstates" konzentrierte, auf einen mühseligen Wahlkampf etwa in der weitläufigen SPD-Diaspora in Bayern übertragen?

Nicht nur das politische System ist grundverschieden. Der deutsche Datenschutz wird verhindern, dass Daten-Guru Messina für die SPD die Wählerschaft virtuell voll ausleuchten kann. Auch fehlt das Geld. Für Obamas Sieg 2012 konnte Messina 1,1 Milliarden US-Dollar ausgeben, bei seiner ebenfalls erfolgreichen Medien-Kampagne für den britischen Premier David Cameron waren es 30 Millionen Pfund.

Messinas wichtigste Aufgabe soll wohl sein, neben der Aufrüstung der Datenbanken der SPD auch ein bisschen Mut zu machen. SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi sieht man den Stolz an, dass sie Messina nach Berlin gelockt hat. Das "Campaign Camp" ist ihr Baby. Gute Ansätze hat die SPD. 2013 klingelte sie an fünf Millionen Haustüren. Wenn die Partei es schaffen würde, gerade mit Nichtwählern dauerhaft im Gespräch zu bleiben, wäre schon viel gewonnen. Dafür seien Ideen und Technologien von Messina wichtig, sagte Fahimi.

Wo ist Sigmar Gabriel?

Aber: "Das soll hier keine Technologiemesse werden." Und so kündigt die Ex-Gewerkschaftsfrau eine neue SPD-Kampagne für Flüchtlinge und gegen rechtes "Pack" lieber traditionell an. Unter ihrer Lederjacke trägt sie ein T-Shirt mit dem Aufdruck: "Deutschland heißt Willkommen". Social-Media-Profi Messina grinst da nur.

Ist der Auftritt in Berlin eine Eintagsfliege? Fahimi lässt offen, ob der Amerikaner bis zur Wahl 2017 im SPD-Team bleibt. Messina wird in seiner Heimat gebraucht. Er ist Co-Chef einer wichtigen Lobbygruppe, die Hillary Clinton bei der Wahl 2016 ins Weiße Haus hieven will. Den SPD-Anhängern ruft Messina noch zu, die Partei habe eine tolle Führungsmannschaft. Namen nennt er keine.

"Wenn wir alle zusammenarbeiten, können wir die Wahl gewinnen." Sigmar Gabriel hört das nicht. Er ist gar nicht gekommen.

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