POLITIK
05/09/2015 20:47 CEST | Aktualisiert 08/09/2015 15:59 CEST

Jeder, der über die Flüchtlingskrise diskutiert, muss diese 26 Zahlen kennen

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Flüchtlinge

Die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, steigt derzeit rapide an. Und mit ihr nimmt nicht nur die große Zahl der Helfer und Freiwilligen zu, die sich für die Geflohenen einsetzen, sondern auch die Verunsicherung. Können wir überhaupt so viele Flüchtlinge aufnehmen? Wie viel kosten sie uns? Und wie viele werden noch kommen?

Es sind Fragen, über die viele Menschen sprechen - aber auf die viele keine Antwort haben. Wir wollen deshalb eine Schneise durch den Zahlendschungel schlagen. Und mit gängigen Vorurteilen aufräumen.

Deshalb präsentieren wir 26 Zahlen, die jeder kennen sollte, der über die Flüchtlingskrise diskutiert:

Welche Dimension hat die Krise inzwischen erreicht?

1. Im August sind mehr als 100.000 Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Das ist ein neuer Rekord: In keinem Monat seit dem Zweiten Weltkrieg kamen so viele Flüchtlinge.

2. Damit ist die Zahl der in Deutschland lebenden Flüchtlinge auf 413.000 Flüchtlinge gestiegen.

3. Seit der Eskalation des Arabischen Frühlings Anfang 2011 wären somit nach offiziellen Angaben über 1,25 Millionen Flüchtlinge in Deutschland angekommen.

4. Zum Vergleich: In den Jahren 2006 bis 2010 flüchteten zusammengenommen etwa 170.000 Menschen in die BRD.

5. Das bisherige Rekordhoch lag im Jahr 1992 bei knapp 440.000 Flüchtlingen, die durch die Jugoslawienkriege nach Deutschland vertrieben wurden.

6. Auch in der aktuellen Krise machen Bewohner des Balkan einen großen Teil der Flüchtlinge aus, obwohl ihre Heimat mittlerweile als sicher gilt: knapp 40 Prozent der bis zum August dieses Jahres in Deutschland eingetroffenen Flüchtlinge kommen aus dem Kosovo, Albanien, Serbien oder Mazedonien.

7. Menschen aus Krisen- und Kriegsgebieten des Nahen und Mittleren Ostens machten noch einmal knapp 40 Prozent aus: 26,6 Prozent davon kamen aus Syrien, weitere rund 12 Prozent kamen aus dem Irak und Afghanistan.

8. Afrikanische Herkunftsländer spielen dieses Jahr eine untergeordnete Rolle: einzig Menschen aus Eritrea und Nigeria werden mit einem Anteil von 2,5 Prozent und 1,7 Prozent vom Statistischen Bundesamt explizit ausgewiesen.

9. Wo kommen all diese Menschen unter? Je nachdem, wo Flüchtlinge von Sicherheitskräften aufgegriffen werden oder sich selbstständig melden, werden sie in die nächstgelegene, freie Erstaufnahmeeinrichtung gebracht. Dort wird dann mithilfe eines komplizierten Systems über die langfristige Unterbringung entschieden. Der sogenannte „Königsteiner Schlüssel“ gibt anhand von Steuereinnahmen und Einwohnerzahlen der Bundesländer die Quoten vor: Spitzenreiter ist derzeit das Bundesland Nordrhein-Westfalen, das etwa 21 Prozent der Flüchtlinge aufnimmt.

10. Schlusslicht ist Bremen: In dem kleinen Stadtstaat kommen nur knapp ein Prozent der Flüchtlinge unter.

refugee

Wie sehen die deutschen Zahlen im europäischen und internationalen Vergleich aus?

11. Im ersten Quartal 2015 wurden in Deutschland laut Eurostat 3065 Asylanträge pro eine Million Einwohner gestellt.

12. Das ist viel, aber nicht europäische Spitze: Die Länder Malta, Österreich und Ungarn lagen mit jeweils 3625, 4015 und 4015 Asylanträgen noch vor der BRD. Am Ende des Jahres könnten sich die Zahlen aber deutlich verschoben haben, da die meisten Flüchtlinge mittlerweile vor allem Deutschland als Ziel haben – und die Grenzländer der EU Flüchtlinge teils bereitwillig dorthin ziehen lassen.

13. Vor allem osteuropäische EU-Staaten bleiben bisher vom Flüchtlingsstrom verschont. 2015 wurden in den baltischen Ländern monatlich weniger als 100 Asylanträge gestellt, in Tschechien zwischen 100 und 200. Polen verzeichnete zwischen 600 und gut 900 Asylanträge pro Monat.

14. Auch die großen Volkswirtschaften Frankreich und Großbritannien warten mit überraschend niedrigen Zahlen auf. So beantragten in Frankreich monatlich 5500 Menschen Asyl.Auf der Insel waren es nur rund 2500 Flüchtlinge. Im Vergleich: im deutlich kleineren Österreich taten dies durchschnittlich 2800 Flüchtlinge. Das mag mit geographischen Faktoren zu tun haben, ist aber auch maßgeblich auf die rigide britische Abschottungspolitik zurückzuführen.

15. Während in Europa Deutschland das Gros der Flüchtlinge aufnimmt, macht ein Blick über den europäischen Tellerrand deutlich, dass andere Länder noch mehr Flüchtlinge als Deutschland aufnehmen. So befinden sich in der wirtschaftlich deutlich schwächeren Türkei allein mehr als 2 Millionen syrische Flüchtlinge.

16. In Relation zur Bevölkerungsgröße ist der kleine Libanon unangefochtener Spitzenreiter: Dessen Bevölkerung besteht mittlerweile zu einem Drittel vor allem aus syrischen und palästinensischen Flüchtlingen.

refugee zaun

Was sind die wirtschaftlichen Folgen?

17. Die Unterbringung und der Lebensunterhalt der erwarteten 800.000 Flüchtlinge wird Deutschland 2015 rund 1,5 Milliarden Euro kosten.

18. Theoretisch sind das 18,75 Euro pro Bundesbürger. Aber bei diesen Kosten bleibt es nicht: Insgesamt belaufen sich die Kosten für die Flüchtlinge in diesem Jahr auf rund 10 Milliarden Euro, den sie erhalten auch weitere Sozial- und Integrationsleistungen vom Bund. Müssen bedürftige Deutsche deshalb zurückstecken? Nein. Denn erstens regeln Gesetze und Verfassungsgerichtsurteile, welche Sozialleistungen der Staat für wen erbringen muss.

19. Und zweitens geht es Deutschland so gut wie selten: Bund, Länder und Kommunen werden 2015 schätzungsweise 10,5 Milliarden Euro mehr einnehmen als bisher kalkuliert. Die Hilfen seien also möglich, „ohne das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts zu gefährden“, so das Bundesfinanzministerium gegenüber ZEIT Online.

20. Uneinig sind sich Wirtschaftswissenschaftler jedoch darüber, ob jeder Bürger in Deutschland langfristig nicht doch höhere Ausgaben durch Migration hat als Einnahmen. Die Spanne der Studienergebnisse reicht von 3300 Euro plus pro Jahr bis 1800 Euro minus. Hans-Werner Sinn, der mit seinem Ifo-Institut eher von Mehrkosten ausgeht, sagt aber auch, dass Migranten grundsätzlich mehr Sozialprodukt erzeugten, als sie Lohn bekämen. „Es kommt deshalb zu einem Realeinkommensgewinn der bereits ansässigen Bevölkerung“, so der Wirtschaftsexperte im Interview mit SPIEGEL Online.

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Wie kann Migration der deutschen Gesellschaft nutzen?

21. Selbst wenn jährlich 100.000 Menschen nach Deutschland einwandern, prognostiziert das Statistische Bundesamt für das Jahr 2060 nur noch 67 Millionen Einwohner. Die Zahl der über 80 Jahre alten Personen wird sich im gleichen Zeitraum auf mehr als 8 Millionen verdoppeln.

22. Vor allem der Anteil der wirtschaftlich produktiven Bevölkerung wird also stark zurückgehen. Für den Arbeitsmarkt bedeutet das laut Bertelsmann-Stiftung: Bis zum Jahr 2050 würden im Rahmen dieser Entwicklung 18,1 Millionen Erwerbspersonen wegfallen. Der viel gerühmte Wirtschaftsstandort Deutschland wäre nur noch ein Schatten seiner selbst – und müsste zugleich viel mehr nicht werktätige Menschen als heute versorgen, und das auch noch länger.

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Wie viele Flüchtlinge werden künftig zu uns kommen?

23. Deutsche Behörden rechnen für das Gesamtjahr 2015 mit rund 800.000 Flüchtlingen.

24. Auch in den nächsten Jahren rechnen Experten mit deutlich mehr Asylsuchenden als im Jahr 2014,. Mit seiner Wirtschaftsstärke und den vergleichsweise hohen Sozialleistungen für Asylbewerber ist Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern für sie besonders attraktiv.

25. Und wie ist die Prognose für Flüchtlinge weltweit? Es gibt momentan etwa 5,5 Millionen Flüchtlinge, die seit fünf Jahren oder länger in Flüchtlingslagern leben. Viele davon in Afrika, aber auch im Nahen Osten.

26. Ihre Zukunftsaussichten sind schlecht: Für viele Millionen Flüchtlinge und Binnenvertriebene ist auf lange Sicht weder eine Rückkehr noch eine Integration in den Ländern möglich. Es nicht auszuschließen, dass sich auch von diesen ein großer Teil Richtung Europa aufmachen wird.


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