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"War wie beim Mauerfall": Ungarn ließ Flüchtlinge wegen eines Missverständnisses ausreisen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BUDPEST
Ein Flüchtling in Budapest hält eine Papier hoch, auf dem er das Lager mit Guantanamo vergleicht | AP
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Die Flüchtlinge vor dem Bahnhof in Budapest sind enttäuscht. Sie rufen "Deutschland, Deutschland!" und "Merkel, Merkel". Dabei schwenken sie Fahrscheine, die sie sich bereits gekauft hatten. Doch sie kommen nicht weg. Die ungarische Regierung hat an diesem Dienstagmorgen Polizisten aufmarschieren lassen, die den Bahnhof absperren, damit nicht weiter Migranten nach Deutschland ausreisen.

Vorher hatten es 4.300 Menschen nach Deutschland geschafft. Doch warum hat die ungarische Regierung nur für zwei Tage so viele Menschen ausreisen lassen? Wie sich heute herausstellte, scheint ein Gerücht die Flüchtlingswanderung ausgelöst zu haben: Sowohl die ungarische Regierung als auch die Flüchtlinge haben Zeitungs- und Fernsehberichte aus Deutschland falsch verstanden.

Per Smartphones und Whatsapp verbreitete sich unter den Flüchtlingen eine Nachricht: dass Deutschland Flüchtlinge aufnimmt und nicht abschiebt. Und die Ungarn ließen die Flüchtlinge ungehindert auf die Züge steigen.

Doch das war ein Missverständnis. Der Auslöser sollen Medienberichte aus Deutschland über eine sogenannte Leitlinie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) gewesen sein. Diese besagt, dass Deutschland syrische Kriegsflüchtlinge fortan nicht mehr in jene EU-Länder zurückschickt, in denen sie zunächst angekommen waren.

Das Missverständnis gibt auch die ungarische Regierung zu. Gergely Pröhle ist Mitglied der nationalkonservativen ungarischen Regierung Staatssekretär im Budapester Bildungsministerium, erklärte es gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" so:

"Das ist ein bisschen wie beim Mauerfall 1989, ein Missverständnis à la Günter Schabowski. Der hatte ja auch nicht gemeint, dass die Mauer sich noch in jener Nacht öffnen wird. Und die Bundeskanzlerin hat offenbar auch nicht gemeint, was am Wochenende noch so klang: dass nun alle Syrer einfach so in Deutschland Aufnahme finden würden. Aber die Flüchtlinge haben das wörtlich genommen. Und die ungarische Polizei hat das so verstanden, dass die Flüchtlinge freien Zugang zu den Zügen haben dürfen."

Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) ist dieser Ansicht. Die Anordnung des Bamf sei als "Freifahrtschein" verstanden worden. Die Ankündigung sei gut gemeint gewesen, sagte er der "Passauer Neuen Presse". "Sie hat aber dazu geführt, dass eine große Zahl von Flüchtlingen aus Ungarn sie als Freifahrtschein verstanden hat", sagte er.

Ungarn müsse geholfen werden, forderte Herrmann. Es müsse verhindert werden, dass die Ausreisewelle aus Ungarn nach Deutschland weitergehe. "Wir brauchen europäische Lösungen mit zentralen Aufnahmeeinrichtungen in Südeuropa und eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge in Europa", forderte der Politiker.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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