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31/08/2015 07:14 CEST | Aktualisiert 31/08/2016 11:12 CEST

"Verschwörung": Zwischen Boykott-Aufruf und Begeisterungsrufen

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David Finchers Verfilmung von "Verschwörung"

"Ich fordere dazu auf, dieses Buch zu boykottieren, und ich werde es nicht lesen", war Jussi Adler-Olsens Beitrag zur Debatte um "Verschwörung". In der dänischen Tageszeitung "Politiken" nannte der Bestsellerautor das Werk von David Lagercrantz respektlos und verkehrt.

Und das sagt er natürlich nicht, weil er dem Kollegen Lagercrantz Talent abspricht, im Gegenteil, dieser könne gut schreiben. Das Problem liegt bekanntlich daran, dass Lagercrantz den vierten Teil von Stieg Larssons "Millennium"-Trilogie geschrieben hat. Nicht nur die langjährige Lebensgefährtin des 2004 verstorbenen Larsson hat sich gegen eine Fortsetzung der Weltbestseller ausgesprochen. Auch Adler-Olsen vertritt nun die Meinung, Lagercrantz hätte sich hiervon fernhalten solle

Im Dezember 2013 war Lagercrantz vom schwedischen Originalverlag und Stieg Larssons Familie ausgewählt worden, den vierten Band der "Millennium"-Romane zu schreiben, der am Donnerstag erschienen ist. Und alle Fans von Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist, die sich trotz Boykott-Aufruf entscheiden, das Buch in die Hand zu nehmen, können sich zumindest sicher sein, dass der neue Autor die beiden Hauptcharaktere zwar weiterentwickelt hat. Viel Wert scheint er aber auch darauf gelegt zu haben, ihre Persönlichkeiten zu erhalten. Wie ihm das gelungen ist, darin sind sich die Leser offenbar uneinig. Bei Amazon halten sich positive und negative Kundenrezensionen die Waage. Während die einen schon begeistert nach Band 5 verlangen, halten andere das Buch schlicht für "unnötig".

Den Trailer zu der Verfilmung von Stieg Larssons "Verblendung" gibt es auf MyVideo

Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist von heute

Star-Journalist Mikael Blomkvist befindet sich in "Verschwörung" in einer Schaffenskrise und muss sogar um seinen Job fürchten - ein großer Medienkonzern ist bei "Millennium" eingestiegen und verlangt eine Neuausrichtung. Dazu kommen Vorwürfe aus der Branche, er habe seinen Zenit überschritten und sei nur noch ein "Relikt aus alten Zeiten". Was er braucht, ist eine große Story. Die bietet ihm der gerade aus den USA nach Schweden zurückgekehrte Forscher Frans Balder an, der aber ermordet wird - in der Nacht, in der er auspacken wollte. Blomkvist bekommt Wind davon, dass Balder auch in Kontakt zu Lisbeth Salander stand, was die Sache für ihn natürlich noch interessanter macht...

Punk-Lady und Super-Hackerin Salander macht unterdessen, was sie schon immer macht: Sie "hatte einem Vergewaltiger drei Finger gebrochen und sich ins NSANet verirrt". Dass eine Lisbeth heutzutage mindestens die NSA hacken muss, versteht sich fast von selbst. Und auch sonst bleibt sie sich treu, sie löst die Probleme auf ihre Art und nach ihren Grundsätzen. Eine große Rolle in "Verschwörung" spielt zudem Balders autistischer Sohn, der den Mord an seinen Vater mitangesehen hat, aber nicht sprechen kann. Zudem trifft der Leser auf viele bekannte Figuren aus Polizeiapparat und "Millennium"-Redaktion - und auch auf viele neue Charaktere, die Lagercrantz nach und nach einführt.

Und nicht nur die große Breite an Figuren macht es dem Leser manchmal schwer. Themen wie künstliche Intelligenz, Industriespionage, mathematische Probleme oder Datenschutz werden ausgebreitet - was dem Lesefluss nicht immer zuträglich ist. "Verschwörung" mag auch nicht ganz so düster sein wie Larssons Werke. Spannung ist trotzdem genug geboten. Lagercrantz ist sicher keine Sensation gelungen - alle, die sich auf ihn und seine Figuren einlassen wollen und solide skandinavische Krimi-Kost nicht verachten, werden sicher nicht enttäuscht. Wer Lisbeth Salander, Mikael Blomkvist und ihre Geschichte lieber so in Erinnerung behalten will, wie Stieg Larsson sie geschaffen hat, sollte lieber die Finger von "Verschwörung" lassen.

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