LIFESTYLE
31/08/2015 12:33 CEST | Aktualisiert 31/08/2015 15:30 CEST

Wenn ein Freund von dir sagt, er habe ADHS, zeig ihm das

Stephen Zeigler via Getty Images
portrait of serious looking young man

ADHS zu haben heißt, die Welt durch kaputte Filter wahrzunehmen.

Normale Menschen haben eine Art mentale Sekretärin, die die 99 Prozent des unwichtigen Krams, der durch ihren Geist geht, einfach löscht, bevor sie sich dessen überhaupt bewusst werden. Daher ist ihr geistiger Arbeitsplatz wie eine große Weißwandtafel, die nützliche Informationen organisiert.

Menschen mit ADHS... haben nicht so einen Luxus. Jede einzelne Wahrnehmung, die durch die Vordertür kommt, wird sofort auf der Weißwandtafel notiert, in dicken, unterstrichenen, roten Buchstaben, egal was es ist und egal, was weggewischt werden muss, um dafür Platz zu machen.

Wenn wir also gerade mitten in einer mental anspruchsvollen Aufgabe stecken und unser Auge zufällig einen... Türknauf, zum Beispiel, wahrnimmt, ist es als würde jemand in den Raum stürmen, in einem pinken Feder-Kostüm und von Trompeten begleitet, und schreien: HEY, SEHT ALLE HER, ES IST EIN TÜRKAUF! SEHR IHN ALLE AN! SEHT HER! ER ÖFFNET DIE TÜR, WENN DU IHN DREHST! IST DAS NICHT TOLL? ICH FRAGE MICH, WIE DAS EIGENTLICH FUNKTIONIERT, GLAUBST DU, DA IST EIN HEBEDAUMEN ODER SOWAS? VIELLEICHT IST ES SO EINE ART FEDER-UND-WINDE-SACHE, OBWOHL DAS IRGENDWIE UNMÖGLICH SCHEINT.

Es ist, als würde man in einem Regen von Post-it-Zettelchen leben.

Das passiert in jedem wachen Moment, und wir müssen jeden Gedanken manuell sortieren, seine Wichtigkeit überprüfen, und versuchen uns daran zu erinnern, worüber wir nachgedacht haben, als er uns kam. Meistens vergessen wir es und wenn wir nicht gerade in die Feinheiten eines Türknaufs vertieft sind, sehen wir uns nach Kontext um und versuchen anhand der Anhaltspunkte zu erörtern, was wir gerade tun wollten.

Vielleicht bekommst du jetzt eine Vorstellung, warum wir das Aufgabenmanagement einen Fünfjährigen haben und warum wir zu einem Oh-Shit-Gesichtsausdruck tendieren, sobald du uns bei etwas unterbrichst.

Andererseits sind wir ziemlich gut darin, den Kontext beiläufiger Bemerkungen zu entschlüsseln, denn das tun wir ohnehin die ganze Zeit.

Wir vertrauen stark auf Routine und 90 Prozent der Zeit vergehen im Autopilot-Modus. Du kannst nicht bei einer hinreichend verwurzelten Angewohnheit abgelenkt werden, egal wie viel nutzloser Kram dir durch den Kopf geht... solange jemand kommt und deine Routine zerstört. Ich wurde sogar schon mehrfach davon abgelenkt, mein Mittagessen mit zur Arbeit zu nehmen nehmen - und zwar durch meine Frau, die mich daran erinnert hat, mein Mittagessen mitzunehmen. Was ist? Wer? Oh ja, mache ich. Wo war ich? Ähm... Brieftasche! Hab sie. Jetzt die Schlüssel... okay, bis dann, Schatz!

Wenn es zu viel Input gibt, sind wir häufig überwältigt, wie ein Hundewelpe in einer Traube aufgeregter Kinder. Es ist ein nervöser, unangenehmer Zustand, irgendwo zwischen Aufregung und Angst, mit keiner emotionalen Komponente in eine Richtung, aber mit dem Tempo und der Kribbiligkeit beider Gefühle.

Außerdem gibt es da diese Umsatzrückgang-Sache, wenn wir versuchen und auf etwas zu konzentrieren, das man eine nicht-interaktive Aufgabe nennt. Wenn wir einen großen Zahlenblock in eine Tabelle eintragen sollen, zum Beispiel. Sich auf die Aufgabe zu konzentrieren kostet und mit jeder Minute exponentiell mehr Anstrengung, während das Resultat immer geringer ausfällt. Wenn du je versucht hast, einen Ziegelstein für längere Zeit mit einem ausgestreckten Arm zu halten, kennst du das Gefühl. Deshalb ist das Internet zum Beispiel wie Crack für uns. Es ist ein nicht endender Strom von immer neuen Sachen, deshalb können wir innerhalb von Sekunden von einem zum anderen wechseln. Es ist besser(`/schlechter als Pistazien.

Die Ausnahme ist etwas, das sich Hyperfokus nennt. Manchmal, wenn wir etwas auf Anhieb verstehen, können wir uns unglaublich darin vertiefen und NICHTS kann uns ablenken. Wir haben unsere metaphorische Bürotür geschlossen und für etwas geringeres als einen Tornado wir werden nicht herauskommen.

Medikamente mildern es ab. Sie reduzieren den Input, sie dämpfen die Verwirrung. Sie machen es leichter, triviale Dinge zu ignorieren und sie verbessern die maximale Fokussierungs-Zeit. Stell dir eine Steadicam für deinen Schädel vor. Medikamente lassen meine Sicht ein wenig verschwimmen und sie können den Appetit reduzieren. Ritalin wirkt für vier Stunden in unserem Körper. Ich hoffe, das hilft euch.

Dieser Text ist die Antwort des Reddit-Users The BananaKing auf die Frage, was ADHS ist und wie die Medikamente auf Patienten wirken.


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